SIX-Chef Urs Rüegsegger: «Wir können die Superbank bauen»

Urs Rüegsegger, CEO SIX Gruppe

UBS-CEO Sergio Ermotti hat vergangenen Monat eine Debatte angestossen und dachte laut über eine neue Superbank nach, ein Institut, welches Backoffice-Funktionen und Administration anderer Banken übernimmt. Denn die Banken seien gezwungen, ihre Kostenblöcke nachhaltig zu verkleinern, sagte Ermotti anlässlich der Präsentation der Zweitquartals-Ergebnisse.

Dazu seien keine Grossfusionen oder Transaktionen notwendig, sondern bloss «engere Kooperationen zwischen Finanzinstituten, um Skaleneffekte zu schaffen», erklärte der UBS-CEO.

Aufforderung an die Konkurrenz

Im Kontrast zu den andauernden Kostensenkungs-Runden und Entlassungswellen in Grossbanken waren dies neue Töne. Denn die Finanzindustrie ist bislang weit davon entfernt gewesen, an ihrer fundamentalen Kostenstruktur zu rütteln.

Dass mit Ermotti der CEO der grössten Schweizer Bank, die vergleichsweise gut dasteht, das Thema aufgebracht hat, darf durchaus auch als Aufforderung an die Konkurrenz im Inland verstanden werden.

Offene Türen einrennen

Insbesondere im Private Banking scheint eine Art Verweigerungshaltung zu existieren, das Kostenproblem wirklich anzugehen. Zehn Prozent aller Schweizer Privatbanken sind im Verlaufe des Jahres 2015 verschwunden, wie die Beratungsgesellschaft KPMG kürzlich vorrechnete. Bei der Credit Suisse (CS) will CEO Tidjane Thiam die Kosten bis 2018 um mindestens 4,3 Milliarden Franken kürzen.

Offene Türen rennt Ermotti bei Urs Rüegsegger ein, dem CEO der SIX Gruppe. «Es ist grossartig, dass Sergio Ermotti als einer der wichtigsten Exponenten des Schweizer Finanzplatzes die Diskussion angestossen hat», sagte Rüegsegger im Gespräch mit finews.ch.

SIX erfüllt Anforderungen perfekt

Ermottis Vorschlag einer Einrichtung, die von Banken kontrolliert wird und einen hohen Grad an Kooperation zwischen Dienstleister und Kunden aufweist, sei ein logischer Schritt.

«Wenn ich alle Elemente einer solchen Einrichtung berücksichtige, erfüllt die SIX alle Anforderungen nahezu perfekt. Und darum glaube ich, dass wir dies können.»

Ein Rückzieher der Credit Suisse

Weder Ermotti noch Rüegsegger haben die Idee der Superbank erfunden. Sie existiert bereits seit über 20 Jahren. Mitte der 1990er-Jahre entschieden sich bereits Kantonalbanken zu einer Kooperation im Datenbereich.

Im Jahr 1998 fusionierten Bankverein und Bankgesellschaft zur heutigen UBS – das Projekt war weitgehend von Kostenüberlegungen und angestrebten Skaleneffekten getragen. Nur zwei Jahre später machte die CS einen Rückzieher, zusammen mit der UBS eine Transaktionsbank für kleinere Konkurrenten zu bauen.

Kosten senken heisst Personalausgaben kürzen

Nun hat Ermotti die Idee wieder aufgenommen. Im Prinzip ist eine Realisation überfällig. Die Bankenbranche hat sich lange darauf kapriziert, ihre Kostensenkungen hauptsächlich über Personalausgaben durchzuführen.

Erst seit einigen Jahren verlaufen vermehrt Anstrengungen in Richtung «Industrialisierung», das heisst das Digitalisieren oder Auslagern von Backoffice-Aufgaben.

Bereits verschiedene Vorstösse der SIX

Von einer strukturellen Senkung ihrer Kosten ist die Bankenbranche jedoch noch weit entfernt. Etwas, was andere Industrien, namentlich etwa die Automobilbauer, schon vor über 25 Jahren in Angriff genommen und durch automatisierte Prozesse ihre Stückkosten erheblich gesenkt haben.

Die SIX Gruppe, zu deren Hauptaktionären die UBS und die CS gehören, hat das Selbstverständnis einer Dienstleistungseinrichtung von und für Banken. Die Börsenbetreiberin hat verschiedene Vorstösse unternommen, Bankdienstleistungen zu zentralisieren – scheiterte aber immer wieder am Widerstand oder Unvermögen ihrer Aktionäre (vormals Vereinsmitglieder).

Mehrere Hürden

Als eine der grössten Hürden hatte sich jeweils die Komplexität erwiesen, all die unterschiedlichen Prozesse und Systeme zu kombinieren. Eine weitere Hürde war das Geld: Zahlreiche Banken haben viel Goodwill in den Büchern stehen, nachdem sie ihre alten IT-Systeme mit Kernbankensystemen von Avaloq, Temenos oder Finnova teuer ausgetauscht haben.

Die Begeisterung für weitere IT-Ausgaben, auch wenn diese sich langfristig sicher auszahlen würden, hält sich darum in engen Grenzen.

Die dritte Hürde ist kultureller Art: Banken fürchten sich nur schon aus traditionellen Gründen des Bankkunden-Geheimnisses davor, Kontrolle über Kunden und ihre Daten an andere Dienstleister abzugeben.

Leidensdruck nicht hoch genug

Die Bedrohungen neuer Art, beispielsweise aus dem Fintech-Sektor oder von branchenfremden digitalen Grossunternehmen, werden von der Bankenbranche zwar wahrgenommen. Aber sie bewegen sich kaum oder wie es ein Banker ausdrückt: «Der Leidensdruck ist noch nicht hoch genug.»

In Deutschland verhandeln Deutsche Bank, Commerzbank und die genossenschaftliche DWP Bank seit geraumer Zeit über die Zusammenlegung gewisser Backoffice-Funktionen. Die Gespräche verlaufen dem Vernehmen nach aber unendlich zäh und langsam.

Eigene Projekte gestartet

Andere Institute haben selber Initiativen ergriffen: Lombard Odier bietet beispielsweise Bankdienstleistungen für Family Offices, unabhängige Vermögensverwalter und kleinere Privatbanken an. Die Incore Bank von Maerki Baumann nimmt Banken standardisierte Geschäftsprozesse ab.

Die SIX Gruppe ist vor einiger Zeit auch von ihrer Grundidee einer kooperativen Superbank abgekommen und startete ihre eigenen Dienstleistungsprojekte für Banken, beispielsweise im Kartenmanagement, in der Aufarbeitung von Steuerdaten oder mit einem zentralen Register für nachrichtenlose Konten.

In grösseren Kategorien denken

Der Erfolg dieser Projekte hat Rüegsegger ermutigt, nun wieder in grösseren Kategorien zu denken. Die SIX brütet derzeit über Projekten wie das Angebot von Wertschriftenverarbeitung oder eine zentrale Prüfungsstelle für Neukunden inklusive des Ausstellens einer digitalen Identitätskarte.

Doch Rüegsegger ist in Bezug auf die Idee einer Superbank auch etwas ernüchtert. «Obwohl daran während Jahren gearbeitet worden ist, hat es bislang keinen Quantensprung gegeben. Es klafft ein riesiger Graben zwischen einer verführerisch einfachen Idee und effektiv erreichten Fortschritten auf diesem Gebiet», so der SIX-Chef.

DOSSIER BANKEN

Dossier Banken

Dossier UBS Dossier Credit Suisse Dossier Bank Vontobel Dossier Julius Bär Dossier Zürcher Kantonalbank

Die wichtigsten Schweizer Banken auf einen Blick:

 

DAS BESTE IM WEB

Gute Stories und Links aus aller Welt

  • Wie Goldman Sachs 1,2 Milliarden Dollar aus Libyen versenkte
  • Blackrock-Mitgründerin: «Asset Manager sind keine Banken»
  • Nullzins-Politik: Und sie funktioniert doch – sagt Mario Draghi
  • Europas Zukunft steht auf dem Spiel
  • Bankchef muss auf 41 Millionen Dollar verzichten
  • Wohnen wie Leonardo DiCaprio
mehr

Follow us

Follow finews.ch on Twitter Follow finews.ch on Facebook Follow finews.ch on Google+ Follow finews.ch on LinkedIn Follow finews.ch on Xing Follow finews.ch on Youtube Follow finews.ch on Instagram

Zürcher Bankenverband

Führende Vertreter der Schweizer Finanzbranche zum Thema Regulierung.

Beiträge lesen

Lohnvergleich

Lohnvergleich

Verdienen Sie genug? Vergleichen Sie doch mal Ihren Lohn.

zum Lohnvergleich

Newsletter

Newsletter-SymbolKostenlos abonnieren

Abonnieren Sie jetzt den finews.ch-Newsletter und Sie erhalten kostenlos 2x wöchentlich die wichtigsten News aus der Schweizer Finanzwelt per E-Mail.

SELECTION

Selection

Der Todesstoss fürs Online-Banking

Der Bankkunde von heute nutzt das Internet und Apps. Aber wie lange noch?

Selection

Selection

Wo sich ein MBA am meisten lohnt

Hier haben MBA-Absolventen ihre Studiengebühren am schnellsten wieder verdient.

Selection

NEWS GANZ KURZ

Gottex

Der Hedgefondsanbieter Gottex hat die Publikation seiner Halbjahreszahlen verschoben. Das Unternehmen begründet die Verschiebung mit einem Verzug in den Verhandlungen um eine zweite Finanzierungstranche nach den Rekapitalisierungs-Massnahmen vom Sommer.

UBS

Die Grossbank UBS hat mit einer Zahlung von 15 Millionen Dollar an die US-Börsenaufsicht SEC ein Verfahren um den Verkauf komplizierter Derivate an Privatkunden beigelegt. Die Zahlung erfolgte, weil die UBS ihre Broker nicht standesgemäss ausgebildet habe.

Avaloq

Der Bankensoftwareentwickler Avaloq und die Deutsche Apotheker- und Ärztebank (Apobank) haben einen Vertrag zur Evaluierung einer zukünftigen Zusammenarbeit unterzeichnet. Bis zum Ende des ersten Quartals 2017 soll analysiert und erarbeitet werden, inwiefern die Umsetzung der Apobank-IT-Strategie mit der Avaloq Banking Suite möglich ist.

Deutsche Bank

Die Deutsche Bank will den britischen Versicherer Abbey Life an die Phoenix Life, eine Gesellschaft der Phoenix Group, verkaufen. Die nun geschlossene Vereinbarung sieht vor, dass Phoenix Life 100 Prozent von Abbey Life zum Preis von 935 Millionen Pfund erwirbt. Abbey Life ist derzeit Teil der Deutschen Asset Management.

Schwyzer Kantonalbank

Die Schwyzer Kantonalbank will mit neuen Fonds-Produkten finanzielle und ethische Ansprüche vereinen. Bis Ende 2016 erhebt die Bank auf die sogenannten Ethikfonds keinen Ausgabeaufschlag.

Crealogix

Das Bankensoftwareunternehmen Crealogix hat für das Verwaltungsrechenzentrum St.Gallen (VRSG) ein Bankingportal für den Government-Bereich entwickelt. Die Zahlungsverkehrslösung deckt die neusten Anforderungen des Schweizer Zahlungsverkehrs ab. Sie lässt sich unabhängig von einem Online-Banking-Tool einsetzen.

Valartis

Die Valartis Gruppe hat den Vollzug der Übernahme der Liechtensteiner Tochter an die Citychamp Watch & Jewellery Group aus Hongkong abgeschlossen. Damit ist die letzte Voraussetzung für die Umsetzung der Sanierungspläne erfüllt.

Aargauer Kantonalbank

Die Aargauische Kantonalbank (AKB) hat in Eigenregie eine neue Anleihe in der Höhe von 200 Millionen Franken aufgelegt. Die Laufzeit beträgt 8 Jahre, der Coupon 0,02 Prozent.

digitalswitzerland

DigitalZurich2025, die Standortinitiative für digitale Innovation, wird zu «digitalswitzerland» umbenannt und damit auf die ganze Schweiz ausgeweitet. Zudem lanciert sie mit «Education Digital» eine Webplattform zu relevanten Aus- und Weiterbildungen rund um das Thema Digital.

weitere News