Martin Blessing: Der schweisstreibende Kuschelbanker

Martin Blessing, UBS Schweiz

Martin Blessing, UBS Schweiz, Bild Keystone


1. Was wird Martin Blessings erste Amtshandlung sein?

An Martin Blessings erstem offiziellen Tag als Chef der UBS Schweiz wird bereits Höchstleistung gefordert: An der Spitze des Hauptsponsors UBS verfolgt er das Leichtathletik-Meeting «Weltklasse Zürich» im Letzigrund-Stadion.

Wie es aus dem Umfeld der UBS heisst, reist Blessing dann in die Regionen weiter, wobei ein besonderes Augenmerk auf der ertragsstarken Romandie liegen wird. Die insgesamt zehn Regionen mit ihren 300 Filialen erwiesen sich bisher als Rückgrat der UBS Schweiz. Entsprechend muss Blessing erst die Provinz gewinnen, bevor er von Zürich aus die Bank führen kann.

2. Was verspricht sich die UBS-Führung wirklich von ihm?

Den Antrittsreden muss der 52-Jährige rasch Konzepte folgen lassen. So wird durchaus erwartet, dass er bei seiner neuen Charge «jeden Stein umdreht», wie zu vernehmen ist.

Antworten müssen insbesondere in er Preisgestaltung von Beratung und Produkten gefunden werden, heisst es weiter. Ebenfall ein heisses Eisen sind die Negativzinsen. Sollten sie noch länger gelten, müssen neue Rezepte im Umgang damit her. Und natürlich drängt die Kostenfrage: Das aktuelle Sparprogramm im globalen Wealth Management und die Backoffice-Verlagerungen an Billigstandorte wie Polen betreffen auch die UBS Schweiz.

3. Ist Blessing als Nachfolger von CEO Sergio Ermotti bereits gesetzt?

Wie verschiedene Insider bestätigen, ist Blessing auch mit Blick auf die Nachfolge des amtierenden Konzernchefs Sergio Ermotti geholt worden. Im stürmischen Umfeld rückt die Nachfolgeplanung mithin zu einer entscheidenden Aufgabe bei der Grossbank auf. Das zeigen nicht zuletzt die Turbulenzen bei der UBS-Rivalin Credit Suisse.

Wie es heisst, hält Ermotti grosse Stücke auf Blessing. Er kennt diesen von seinere Zeit bei der italienischen Unicredit und soll ihn als «Vollblutbanker» gerühmt haben. Ob das Duo Ermotti-Blessing harmoniert, ist offen. Mit der Platzierung eines valablen CEO-Kandidatens im wichtigen Schweiz-Geschäft machten die UBS-Oberen zweifelsohne einen geschickten Schachzug.

4. Ist Blessing das Gegenprogramm zu Vorgänger Lukas Gähwiler?

Lukas Gähwiler war 2010 noch von Ermotti-Vorgänger Oswald Grübel als Chef des Schweizer Geschäfts der UBS eingesetzt worden. Der bescheiden auftretende und fleissige Ostschweizer trug dann massgeblich dazu bei, dass die mit Steuergeld gerettete Bank in ihrem Heimmarkt wieder auf Vordermann kam.

Im schwierigen ersten Semester 2016 trug die UBS Schweiz 800 Millionen Franken zum Vorsteuergewinn der Gruppe bei. Das sind mehr als 40 Prozent des Gesamtbetrags. Damit gilt das, was Gähwiler einst seiner «Agenda 2011» als Fernziel festlegte, als weitgehend umgesetzt. Sogar internationale Investoren halten UBS-Aktien gerade wegen des starken Heimgeschäfts.

Nachfolger Blessing wird deshalb gut daran tun, den erfolgreichen Kurs nicht abrupt zu ändern. Die «Agenda 2017», wenn sie denn der Hanseat formulieren sollte, dürfte eher darauf ausgelegt sein, maximalen Ertrag aus dem Erreichten zu schlagen. Just so, wie es Wealth-Mangement-Chef Jürg Zeltner derzeit im UBS-Kerngeschäft unternimmt.

Hingegen ist zu erwarten, dass der im Auftritt gewandte Blessing die UBS Schweiz vermehrt ins Rampenlicht stellen wird. Trotz der grossen Bedeutung der Division fristete sie im Konzern zeitweilig ein Mauerblümchen-Dasein.

5. Wieso heuerte Blessing nicht schon vor Jahren bei der UBS an?

Tatsächlich sollte Blessing schon vor einigen Jahren zur UBS wechseln. Dass es damals nicht dazu kam, hatte offenbar weniger mit seinen Qualifikationen als mit der Politik zu tun. Der deutsche Staat soll als Minderheitsaktionär der Commerzbank sein Veto gegen den Wechsel eingelegt haben.

Blessing musste bleiben und die Suppe auslöffeln, welche sich die Commerzbank im Zuge der Finanz- und Eurokrise eingebrockt hatte.

6. Weshalb soll ein Deutscher der richtige Chef für die grösste Schweizer Bank sein?

Dass ein Externer – und noch dazu ein Ausländer – das Ruder bei der UBS Schweiz übernimmt, hat bei der Ernennung Blessings für Raunen gesorgt. Und dass dieser an der Universität St. Gallen (HSG) studierte und nun in der Stadt Zürich seinen Wohnsitz nimmt, kann solche Ressentiments nicht ganz beschwichtigen.

Kaum zu bestreiten ist jedoch, dass Blessing als ehemaliger Bank-Stift das Metier nicht nur von der Pike auf kennt, sondern auch in den für die UBS Schweiz zentralen Bereichen über viel Führungserfahrung verfügt: nämlich im Privatkunden- und im Firmenkundengeschäft.

7. Ist Blessings Leistungsausweis wirklich so überzeugend?

In seinem letzten Job an der Spitze der deutschen Commerzbank mutierte Blessing notgedrungen zum Krisenmanager. Kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 2008 hatte das Institut die Dresdner Bank gekauft – ein Deal, den noch sein Vorgänger eingefädelt hatte. Dies wurde der Bank dann aber zum Verhängnis. Denn toxische Wertpapiere in den Dresdner-Büchern sowie Problemkredite bei der Commerzbank-Tochter Eurohypo drängten die Bank an den Abgrund.

Der Staat musste mit mehr als 18 Milliarden Euro die zweitgrösste deutsche Privatbank vor dem Bankrott bewahren. Blessing führte die Bank dank einiger Kapitalerhöhungen und Restrukturierungen, die auch mehrere Tausend Arbeitsplätze kosteten, durch das Tal der Tränen und zurück in die Gewinnzone.

Das schwierige Umfeld setzte der Commerzbank aber zuletzt zu: In einem Stresstest der Europäischen Zentralbank (EZB) schnitt das Institut dürftig ab; zuletzt kursierten gar Gerüchte über eine Fusion mit der ebenfalls gebeutelten Deutschen Bank.

Auch weiterhin ist der Staat beim Geldhaus investiert. Angesichts eines Kursverlusts von mehr als 90 Prozent seit Ausbruch der Finanzkrise sieht dieser den Zeitpunkt zum Ausstieg offensichtlich noch nicht gekommen.

Kurz: eine «Mission Accomplished» sieht anders aus.

Hingegen ist sich die Branche einig, dass Blessings Rettungs-Massnahmen die Commerzbank vor dem Untergang bewahrt haben; dass es dabei trotz harten Massnahmen nicht zu Aufständen in der Belegschaft kam, zeugt von der Überzeugungskraft des deutschen Managers.

8. Was hat es mit dem Image des «Kuschelbankers» auf sich?

Bei der Deutschen Bank hiess es stets: «Leistung aus Leidenschaft». Entsprechend galt die grösste Bank Deutschlands als Haifisch-Becken, die bodenständige Commerzbank dagegen spöttisch als die «Kuschelbank». Zu diesem Klischee passte der CEO prächtig. Eine Swatch am Arm statt einer teuren Rolex, Jogger statt Golfer, in der Kantine über einer Currywurst mit Schalterbeamten parlierend – das prägte das Bild Blessings in und ausserhalb der Commerzbank.

So schwierig es scheint, Schattenseiten bei Blessing zu finden, dass die Schweizer «Handelszeitung» jüngst folgerte, vielleicht sei gerade das die grosse Schwäche des «Kuschelbankers».

9. Warum müssen Schweizer Kader bei Blessing «in die Hosen» steigen?

Doch Blessing ist weder lieb noch nett. Das berichten Banker, die an ihn rapportierten. Tatsächlich habe eine Vorladung bei Blessing bei Commerzbank-Kadern regelmässig für Schweissausbrüche gesorgt, berichten diese Quellen.

Der Grund: Blessing bohrt so lange nach, bis er sicher ist, dass sowohl er selber wie der Untergebene ein Geschäft verstanden haben. Dabei wurde offenbar nicht selten ein Manager regelrecht «zerpflückt».

Das Blessing ein bestehendes Kader nach seinen Wünschen zu gestalten weiss, davon zeugt auch die heutige Commerzbank – von den fusionierten Dresdner-Führungscrew sitzt dort keiner mehr in der Geschäftsleitung.

10. Kann der Fintech-Standort Schweiz auf einen Blessing-Effekt hoffen?

Blessing folgt nicht nur der Ruf, überdurchschnittlich lange zu arbeiten, sondern auch jederzeit Online erreichbar zu sein. Seine zumeist knappen SMS gelten bereits als legendär – und untermauern den Anspruch, ein echter «digitaler Banker» sein.

Tatsächlich hat die Commerzbank in Sachen Fintech in Deutschland eine Führungsrolle übernommen. Aufbauend auf der Online-Tochter Comdirect hat die «Gelbe Bank» in Polen die mBank lanciert, die unter Blessing zum viertgrössten Finanzinstitut Polens avancierte. Im Jahr 2014 folgte mit dem Main Incubator die Gründung der bankeigenen Fintech-Schmiede in Frankfurt.

Wie im Umfeld der UBS zu hören ist, hat Blessing den Digitalisierungs-Verantwortlichen in der Schweiz bereits seine Aufwartung gemacht. Es ist demnach zu erwarten, dass unter ihm diverse Projekte in den Bereichen Payment und Beratung weiteren Schub erfahren wereden.

Zugewartet wird da nicht. Wie es weiter heisst, weilten bereits mehrere UBS-Multichannel-Experten auf einer «Studienreise» bei der mBank in Polen. Und wenn der Schweizer Branchenführer die Digitalisierung forciert, dürfte dies auch der Fintech-Standort Schweiz zu spüren bekommen.

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