«Sozialpartnerschaft ist vielleicht kein alter Zopf»

Valartis-Präsident Erwin Heri über die wichtigsten Kriterien, um eine Pensionskasse zu beurteilen, und die Kompetenz von Stiftungsräten.  

Bei finews.ch äussert sich der Finanzexperte und Buchautor zu aktuellen Fragen der Pensionskassenbranche. Erwin Heri ist auch Mitglied verschiedener Verwaltungs- und Stiftungsräte. Bis vor kurzem präsidierte er auch die Anlagekommission der Pensionskasse des Bundes Publica.

Herr Heri, wie entwickelte sich die Performance der Publica im 1. Halbjahr 2009?

Erwin Heri: Ich bin seit Mitte Jahr nicht mehr Präsident der Anlagekommission der Publica. Das Mandat war von Anfang an auf eine «Legislaturperiode» ausgerichtet und die ist jetzt nach sieben Jahren abgelaufen. Mit der Performance per Mitte Jahr sind wir sehr zufrieden. In der Tat gehören wir in einem Peer-Group-Vergleich zu den Besten.


«Der Deckungsgrad liegt immer noch leicht unter 100.»

Wir haben – wie alle – von der guten Börsensituation seit Anfang März profitiert. Dabei insbesondere von unserem Emerging-Market-Exposure. Daneben vor allem aber auch davon, dass wir sehr systematisch «rebalanced» haben, und zwar über das ganze 2008 und 2009. Das ist nicht immer leicht gefallen. Der Deckungsgrad liegt noch immer leicht unter 100.

Immer wieder wird auf die dürftige Kompetenz von Stiftungsräten bei Pensionskassen verwiesen. Verhindert nicht das Reglement, dass fähige externe Spezialisten in diesen Gremien Einsitz nehmen?

Das eine schliesst das andere ja nicht aus. Je nach Reglement können auch Externe als Stiftungsräte gewählt werden (etwa als Arbeitgebervertreter) oder als externe Berater. Mir scheint das System des paritätischen Gremiums gar nicht so ungeschickt. Es verstärkt das Verständnis dafür, dass es sich bei vielen Pensionskassen auch heute noch irgendwie um ein Instrument der Sozialpartnerschaft handelt.


«In schwierigen Situationen wird halt doch immer wieder der Arbeitgeber angerufen.»

Ich weiss, dass das heute nicht mehr besonders modern tönt, aber immer dann, wenn sich die Pensionskasse in einer schwierigen Situation befindet, wird halt doch immer wieder der Arbeitgeber angerufen und das zeigt, dass die Geschichte mit der Sozialpartnerschaft vielleicht nicht nur ein alter Zopf ist.

Fachleute kritisieren, der viel beachtete Deckungsgrad sei eine blosse Momentaufnahme. Was ist aus Ihrer Sicht ein taugliches Kriterium, nach dem ein Versicherter seine Pensionskasse beurteilen kann?

Der technische Deckungsgrad ist in der Tat nur eines von vielen Kriterien. Und alle möglichen Kriterien, die sich aufzählen lassen geben einzeln nur ein unvollständiges Bild. Es kommt ganz darauf an welche Art Kasse wir vor uns haben. Junge Bestände, alte Bestände, Rentnerkassen? Welche technischen Zinsen werden verwendet? Wie sieht die Asset Allocation relativ zum technischen oder relativ zum wirtschaftlichen Deckungsgrad aus?


«Der Geschäftsbericht ist wohl das wichtigste, was es zu lesen gibt.»

Der Geschäftsbericht, ist wahrscheinlich das wichtigste, was es zu lesen gibt. Wichtig ist, dass die Leute sich Rechenschaft darüber geben, dass ein grosser Teil ihres persönlichen Vermögens in der Pensionksasse steckt. Entsprechend sollte man sich interessieren und orientieren.

Wann glauben Sie – wenn überhaupt – kommt die freie Pensionskassenwahl in der Schweiz?

Ich weiss nicht, ob es je so weit kommen wird. Es gäbe viele Vorteile aber auch nicht zu vernachlässigende Nachteile. Der oben genannte Aspekt des sozialpartnerschaftlichen Gedankens würde dann wohl in den Hintergrund treten. Entsprechend ist dies wohl noch ein langer Weg.

Vergessen Sie auch nicht, dass wir ja ähnliche Systeme freier Wahl in der Schweiz haben. Zum Beispiel die Krankenkassen. Ist das System wirklich besser? Ich will damit um Gottes Willen nicht sagen, dass wir keinen Verbesserungsbedarf bei der zweiten Säule haben.

 


Erwin Heri, geboren 1954, stammt ursprünglich aus dem Berner Jura und hat in Basel Ökonomie studiert. Von 1987 bis 1994 war er für den Schweizerischen Bankverein tätig, zuletzt als Leiter Private Banking International und Asset Management. Von 1994 bis 2002 arbeitete er für die Winterthur-Versicherung, die ab 1997 zur Credit Suisse gehörte; ab Mitte 2000 war Heri Finanzchef der Credit Suisse Financial Services. Seit 2002 ist ist er Verwaltungsratspräsident der Valartis Gruppe.

 

 

 

 

 

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