Der «Röstigraben» beim Anlegen lässt sich nur teilweise erklären
Zwischen der Deutsch- und der Westschweiz besteht beim Anlageverhalten ein erheblicher Unterschied. Während in der Deutschschweiz knapp sechs von zehn Befragten in Wertschriften investieren, sind es in der Romandie weniger als vier von zehn. Landesweit liegt die Quote bei rund 52 Prozent.
Dies zeigt eine Untersuchung von Andreas Dietrich und Reto Rey von der Hochschule Luzern, die in Zusammenarbeit mit der Luzerner Kantonalbank durchgeführt wurde. Grundlage ist eine repräsentative Befragung von 2'005 Personen im Alter zwischen 18 und 79 Jahren im Juli 2025.
Die Differenz von 21 Prozentpunkten zwischen den beiden Sprachregionen ist bemerkenswert. Noch interessanter ist allerdings, dass sie sich nicht allein durch die unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnisse erklären lässt.
Unterschied bleibt auch bei vergleichbaren Einkommen
Zwar verfügen die Befragten in der Deutschschweiz durchschnittlich über höhere Einkommen und Vermögen. So besitzen 34,8 Prozent der Deutschschweizer Befragten ein Vermögen von mehr als 100'000 Franken. In der Westschweiz sind es lediglich 21,3 Prozent. Umgekehrt liegt der Anteil der Personen mit einem Vermögen unter 20'000 Franken in der Romandie bei 32,5 Prozent, gegenüber 21,1 Prozent in der Deutschschweiz.
Auch höhere Einkommen sind in der Deutschschweiz häufiger. Rund 20 Prozent der Befragten verdienen jährlich mehr als 104'000 Franken, in der Westschweiz sind es knapp 16 Prozent.
Doch selbst innerhalb vergleichbarer Einkommens-, Vermögens- und Bildungsgruppen investieren Deutschschweizer häufiger in Wertschriften. Das gilt laut der Untersuchung auch für die verschiedenen Altersgruppen und für beide Geschlechter.
Finanzwissen und Risikobereitschaft entscheidend
Eine mögliche Erklärung liefern Unterschiede beim Finanzwissen und bei der Einstellung gegenüber Anlagerisiken. Die Befragten in der Deutschschweiz verfügen gemäss der Studie im Durchschnitt über ein höheres Finanzwissen. Gleichzeitig zeigen sie bei Anlageentscheidungen weniger Angst und eine grössere Bereitschaft, finanzielle Risiken einzugehen.
In beiden Sprachregionen gilt: Wer über mehr Finanzwissen verfügt, sich stärker für die Finanzmärkte interessiert und weniger Angst vor Verlusten hat, investiert häufiger in Wertschriften.
Die statistische Analyse zeigt zudem, dass insbesondere Verlustängste in beiden Landesteilen ein wesentliches Hindernis für den Einstieg an den Kapitalmarkt darstellen. In der Westschweiz fällt zusätzlich das geringere Interesse an Finanzmarktthemen stärker ins Gewicht.
Zwölf Prozentpunkte bleiben unerklärt
Besonders aufschlussreich ist das Ergebnis einer vertieften statistischen Untersuchung. Die Forscher berücksichtigten dabei verschiedene Einflussgrössen, darunter Einkommen, Vermögen, Bildung, Finanzwissen, Interesse an den Finanzmärkten und Risikoeinstellungen.
Trotzdem bleibt zwischen Deutsch- und Westschweiz ein Unterschied von rund 12 Prozentpunkten bei der Wertschriftenbeteiligung bestehen, den die untersuchten Faktoren nicht erklären können.
Die Autoren vermuten deshalb, dass weitere kulturelle oder gesellschaftliche Unterschiede das Anlageverhalten beeinflussen könnten. Welche Faktoren dafür konkret verantwortlich sind, lässt sich aus den vorliegenden Daten allerdings nicht ableiten.
Romands setzen etwas häufiger auf Beratung
Unterschiede zeigen sich auch bei der Art, wie Anleger ihre Investitionsentscheide treffen. Die Studie unterscheidet drei Anlegertypen: Personen, die vollständig selbständig investieren, solche, die sich beraten lassen, aber selbst entscheiden, sowie Anleger, die ihre Entscheide einer Vermögensverwaltung übertragen.
In der Deutschschweiz ist der Anteil der selbständig entscheidenden Anleger etwas höher. In der Westschweiz greifen Investoren dagegen etwas häufiger auf Beratung zurück oder delegieren Anlageentscheide vollständig.
Das deutet auf unterschiedliche Präferenzen im Umgang mit Finanzdienstleistungen hin. Die Unterschiede bei den Anlegertypen fallen allerdings weniger ausgeprägt aus als bei der grundsätzlichen Beteiligung am Kapitalmarkt.
Was die Ergebnisse für die Banken bedeuten
Für Banken und Vermögensverwalter sind die Erkenntnisse insbesondere im Hinblick auf die Ansprache potenzieller Neukunden relevant. Die deutlich tiefere Wertschriftenquote in der Westschweiz deutet auf ein bislang weniger ausgeschöpftes Anlegerpotenzial hin. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass höhere Einkommen oder ein grösseres Vermögen allein nicht ausreichen, um Menschen zum Investieren zu bewegen.
Finanzbildung, verständliche Informationen über Anlagerisiken und unterschiedliche Beratungsangebote könnten deshalb eine wichtige Rolle spielen. Die Untersuchung legt zudem nahe, dass Finanzinstitute ihre Angebote und Kommunikation stärker auf regionale Unterschiede ausrichten könnten. Damit würden sie auch dem Umstand Rechnung tragen, dass die Bereitschaft, am Kapitalmarkt zu investieren, auch bei vergleichbaren wirtschaftlichen Voraussetzungen in der Deutschschweiz deutlich grösser ist als in der Romandie.














