Angelo Accardi: «Wir wachsen, indem wir Marktanteile gewinnen»
Seit gut eineinhalb Jahren ist er Chief Executive Officer von Forvis Mazars in der Schweiz. Am 1. März 2025 hat Angelo Accardi das Amt übernommen. Accardi kennt die auf Wirtschaftsprüfung (Auditing, Revision), Unternehmensberatung und Steuern spezialisierte Gesellschaft, die aus historischen Gründen ihren Schwerpunkt in der Westschweiz hat, sehr gut. Er gehörte nämlich 2008 als Junior im Bereich Audit & Assurance für Versicherungen zu den ersten Mitarbeitern am Standort in Zürich und wurde 2020 Leiter des Financial Services Bereichs und damit Mitglied der Geschäftsleitung.
Die Zürcher Niederlassung befindet sich im Sihlcity-Quartier – und liegt damit geografisch und auch kulturell doch etwas entfernt vom eigentlichen Finanzzentrum um den Paradeplatz. finews hat sich mit Accardi dort getroffen, um über einen Markt zu sprechen, der selten Publizität sucht.
Herr Accardi, unter Ihrem Vorgänger José Caneda hat sich die Mitarbeiterzahl von Forvis Mazars in neun Jahren von 100 auf 450 erhöht. Was ist Ihre Zielgrösse?
Man muss sich im Zeitalter der künstlichen Intelligenz (KI) die Frage stellen, ob die Anzahl Mitarbeiter noch die richtige Messgrösse ist. Allerdings redet man in unserer Branche nicht besonders gerne über Umsatzzahlen und Anzahl Mandate. Wir gehen davon aus, dass wir in drei Jahren in der Schweiz rund 600 Mitarbeiter haben. Heute erwirtschaften wir fast zwei Drittel des Umsatzes in der Romandie, unser Wachstumspotential sehen wir allerdings in der Deutschschweiz.
«In unserer Branche redet man nicht besonders gerne über Umsatzzahlen und Anzahl Mandate.»
Wenn Sie keine Umsatzzahlen nennen wollen: Wie sehen die Anteile der Sparten aus?
Rund 50 Prozent entfallen auf die Revision. Dann folgen Treuhand, Steuern und Beratung.
Das Revisionswesen ist vom Gesetzgeber stark reglementiert. Können Sie dort noch wachsen?
Wir wachsen, indem wir Marktanteile gewinnen. Der Markt öffnet sich zunehmend für international aufgestellte Prüfungs- und Beratungsgesellschaften ausserhalb der Big Four. Davon profitieren wir, weil Kunden mehr Auswahl und zugleich hohe Qualität, internationale Reichweite und persönliche Betreuung suchen.
«Es wäre heikel, sich primär über einen tiefen Preis zu positionieren.»
Was steckt hinter dieser Entwicklung? Sind diese Gesellschaften einfach günstiger?
Nein, es wäre heikel, sich primär über einen tiefen Preis zu positionieren. Grössere Kunden haben realisiert, dass es gute Gesellschaften ausserhalb des Quartetts gibt, die ebenfalls international vernetzt sind, viel Knowhow haben und State of the Art tätig sind. Wir haben in den letzten Jahren viele Experten rekrutiert und zahlreiche grosse Kunden gewonnen. Diese neuen Mandate stärken unsere Glaubwürdigkeit im Markt und zeigen, dass auch sehr grosse und komplexe Unternehmen bewusst Alternativen zu den Big Four wählen. Unsere Kunden können sich darauf verlassen, dass sie von Anfang von erfahrenen Partnern und Teams betreut werden. Dabei hilft uns auch unsere Unternehmensstruktur.
Inwiefern?
Unsere Partnerschaft ist global und weniger länderweit aufgestellt. Für international tätige Firmen ist es wichtig, dass wir grenzüberschreitend organisiert sind und damit effizient arbeiten können. So haben unsere Kunden jeweils eine Ansprechperson.
Ziehen Sie auch Akquisitionen in Betracht, um zu wachsen?
Neben den Big Four und Second Tier, zu denen auch Forvis Mazars zu zählen ist, gibt es sehr viele kleine Gesellschaften, die im Revisions- und Treuhandgeschäft tätig sind. Dort sehen wir viel Konsolidierung auch durch Akquisitionen, wobei Private Equity als Kapitalgeber treibend wirkt. In Grossbritannien sind bereits neue Akteure mit diesem Hintergrund in den Markt eingestiegen, ich erwarte auch hierzulande, dass ein oder zwei Player neu auftreten.
«Ich erwarte, dass in der Schweiz ein oder zwei Player neu am Markt auftreten werden.»
Und was ist Ihre Strategie?
Wir wollen primär organisch wachsen. Akquisitionen sind aber mit etlichen Risiken verbunden, z.B. mit Blick auf die Unternehmenskultur, die Integration oder allfällige Altlasten. Deshalb sind wir diesbezüglich sehr vorsichtig.
Sie haben einen Bereich Financial Services, der Banken, Versicherungen und Asset Manager betreut, zählen aber auch die meisten anderen Branchen der Schweizer Wirtschaft zur Kundschaft. Bei der Unternehmensgrösse bedienen Sie ebenfalls die ganze Palette, vom kotierten Unternehmen bis zum KMU. Wie ist die Stimmung in der Wirtschaft?
Es herrscht viel Unsicherheit, nicht nur wegen der Geopolitik, sondern auch wegen der technologischen Revolution im Zuge des Einsatzes von KI. Dazu kommt, nach wie vor, der starke Franken. Zusätzliche Unsicherheit entsteht, wenn sich regulatorische Anforderungen in kurzer Folge verändern und Unternehmen ihre Planungen entsprechend anpassen müssen.
Mehr Regulierung ist doch z.B. für das Revisionsgeschäft positiv. Jeder Nachhaltigkeits- oder Klimabericht muss doch geprüft werden, oder?
Nicht jeder Bericht unterliegt einer gesetzlichen Prüfungspflicht. Aber die regulatorischen Anforderungen und damit auch die Nachfrage nach entsprechender Prüfkompetenz verändern sich laufend. Für uns ist insbesondere die hohe Kadenz der regulatorischen Änderungen herausfordernd. Wir versuchen jeweils, die Entwicklungen zu antizipieren und bauen unser Knowhow dementsprechend auf. Ein Beispiel dafür ist der Zickzack-Kurs in der EU-Nachhaltigkeitsregulierung.
«Die KMU sagen sich ganz nüchtern, dass die neue Welt halt jetzt so ist, wie sie ist.»
Und wie reagieren die KMU?
Sie sagen sich ganz nüchtern, dass die neue Welt halt jetzt so ist, wie sie ist. Sie wissen, dass sie mehr interne und externe Expertise benötigen, also im Verwaltungsrat und von Beratern, und passen sich an. Ziel ist es, Risiken rechtzeitig zu erkennen und Eventualitäten stringent zu analysieren.
Wie wirkt sich die KI aufs Revisions- und Beratungsgeschäft aus?
Es gibt weder bei uns intern noch in der Branche eine Unité de doctrine. Anders als andere sind wir aber überzeugt, dass wir weiterhin junge Mitarbeiter brauchen und bilden sie deshalb auch aus. Dass KI Kosten sparen, die Effizienz erhöhen und zur Qualitätssicherung beitragen kann, ist schon fast ein Allgemeinplatz. Für mich ist allerdings in unserem Geschäft ein anderer Aspekt wichtiger.
Welcher?
Wir verkaufen weiterhin Vertrauen. Bisher mussten wir prüfen, ob z.B. das Buchhaltungssystem eines Kunden richtig programmiert ist. Heute setzen viele unserer Kunden KI ein. Für uns bedeutet das, dass wir neben den Modellen auch Datenqualität, Governance, Kontrollen, Nachvollziehbarkeit und die menschliche Verantwortung hinter einer KI-Anwendung verstehen müssen.
«Wir müssen neben den Modellen auch Datenqualität, Governance, Kontrollen, Nachvollziehbarkeit und die menschliche Verantwortung hinter einer KI-Anwendung unserer Kunden verstehen.»
Wie tief gehen Sie?
Wir haben Expertenteams dafür. Sie gehen je nach Bedarf mehr oder weniger in die Tiefe, sei es in der Programmierung oder neu eben bei KI-Agenten und Bots. Am Schluss ist die Verantwortung im Audit nicht übertragbar und liegt beim leitenden Prüfer.
Wie haben Sie den Einsatz von KI in Ihrem eigenen Betrieb geregelt?
Das Thema Datensicherheit war für uns schon immer zentral, doch nun ist das Exposure noch grösser geworden. Wir haben die Entwicklung bestimmter KI-Anwendungen bewusst zurückgestellt, bis klare Ziele, Verantwortlichkeiten und Standards für den Umgang mit Daten definiert waren. Das hat uns zunächst Zeit gekostet, war aber die richtige Entscheidung. Heute können wir KI-Anwendungen auf einer deutlich besseren Grundlage weiterentwickeln. Es gibt übrigens in diesem Zusammenhang einen interessanten Trend auf der Kundenseite.
Welcher?
Kunden prüfen zunehmend genau, in welchen KI-gestützten Anwendungen ihre Daten bei der Revisionsstelle oder Beratungsgesellschaft verarbeitet werden. Das ist nachvollziehbar und unterstreicht die Bedeutung klarer Governance, transparenter Nutzungsbedingungen und sicherer technischer Umgebungen.












