US-Midterms: An der Börse zählen Gewinne mehr als Stimmen

Die US-Zwischenwahlen vom 3. November 2026 rücken näher und damit auch die Frage, welche Auswirkungen eine veränderte Machtverteilung im Kongress auf die Finanzmärkte haben könnte. Prognosemärkte sehen die Demokraten derzeit im Vorteil. Eine demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus gilt inzwischen als wahrscheinlich, auch im Senat liegen die Demokraten vorn.

Doch selbst die Demoskopen warnen, dass die Verlässlichkeit der Umfragen abgenommen hat. Demnach stehen ganze Wählergruppen einer Befragung inzwischen ablehnend gegenüber, was die Qualität der Umfrageergebnisse wesentlich beeinflusst.

Für Anleger dürfte der Wahlausgang allerdings weniger entscheidend sein als die Frage, wie sich Geldpolitik, Inflation und Unternehmensgewinne entwickeln. Zwar könnte es zu kurzfristigen Bewegungen können, aber politische Börsen haben einem alten Börsensprichwort zufolge kurze Beine.

«Unternehmen schaffen letztlich durch Gewinne Wert, nicht durch Wahlergebnisse.»

«Wir gehen nicht davon aus, dass die Midterms nennenswerte Auswirkungen auf die Märkte haben werden – politisches Drama hingegen ist durchaus möglich», schreibt etwa Mike Bell, Head of Market Strategy bei RBC BlueBay Asset Management in einem Kommentar. Die Märkte hätten einen möglichen Sieg der Demokraten im Repräsentantenhaus und im Senat bereits weitgehend eingepreist. Wesentlich wichtiger seien derzeit KI-Investitionen, Inflation und die Reaktion der US-Notenbank Federal Reserve (Fed).

Auch Michael Heldmann, CIO Equity bei Allianz Global Investors, warnt davor, den Einfluss politischer Ereignisse zu überschätzen. Die Zwischenwahlen dürften seiner Einschätzung nach keinen entscheidenden Wendepunkt für die Finanzmärkte darstellen. Vielmehr könnten sie zu Verschiebungen zwischen einzelnen Branchen und Anlagestilen führen. «Die grundlegenden Renditetreiber werden jedoch weiterhin die Zinsen, das Gewinnwachstum und die weitere Entwicklung des KI-Investitionszyklus sein», betont Heldmann.

Zinsen und Unternehmensgewinne im Fokus

Insbesondere die Geldpolitik dürfte für die Aktienmärkte von zentraler Bedeutung bleiben. Entscheidend ist, ob sich die Inflation als hartnäckig erweist und die Fed ihren geldpolitischen Kurs entsprechend anpasst. Steigende Inflationserwartungen könnten die Renditen von US-Staatsanleihen weiter nach oben treiben und damit die Bewertungen von Aktien belasten.

fed fed
Der Hauptsitz der US-Notenbank in Washington D.C. (Bild: Federal Reserve)

Sinkende Renditen würden dagegen insbesondere wachstumsorientierten Unternehmen zugutekommen, deren Bewertungen stärker von künftig erwarteten Gewinnen abhängen.

Heldmann zufolge hängt der Einfluss der Wahlen auf die Märkte deshalb vor allem davon ab, ob sich dadurch die Erwartungen an Inflation und Zinsen verändern. Gleichzeitig dürfte die anstehende Berichtssaison wichtige Hinweise auf die wirtschaftliche Verfassung der Unternehmen liefern. Neben den aktuellen Ergebnissen werden Anleger insbesondere auf Aussagen zu Nachfrage, Investitionsplänen und den erwarteten Erträgen aus KI-Anwendungen achten.

«Unternehmen schaffen letztlich durch Gewinne Wert, nicht durch Wahlergebnisse», hält Heldmann fest. Starke Geschäftszahlen könnten die Widerstandsfähigkeit der Märkte unabhängig vom politischen Ausgang untermauern. Enttäuschende Ergebnisse hingegen könnten die Anleger empfindlicher auf politische Nachrichten reagieren lassen.

KI-Investitionen als wichtiger Markttreiber

Eine besondere Rolle spielt dabei der Investitionszyklus rund um künstliche Intelligenz. Hohe Erwartungen an den Ausbau von Rechenzentren, die Nachfrage nach Halbleitern und neue Softwareanwendungen haben die Entwicklung zahlreicher Aktien massgeblich geprägt. Ob sich die umfangreichen Investitionen langfristig in entsprechenden Erträgen niederschlagen, dürfte daher ein wichtiger Faktor für die weitere Marktentwicklung sein.

«Die Konjunkturaussichten sind für die Märkte wichtiger als die Zwischenwahlen.»

Zugleich könnten politische Veränderungen Auswirkungen auf die Regulierung von KI haben. Eine stärkere regulatorische Kontrolle könnte die Investitionspläne und Gewinnerwartungen einzelner Unternehmen beeinflussen. Für Heldmann ist deshalb nicht allein die Höhe der Investitionen entscheidend, sondern auch die Frage, welche Renditen sich damit tatsächlich erzielen lassen.

Bell sieht ebenfalls wenig Grund, die Zwischenwahlen als dominierenden Marktfaktor zu betrachten. «Die Konjunkturaussichten sind für die Märkte wichtiger als die Zwischenwahlen», sagt er. Neben den KI-Investitionen dürften insbesondere die Inflation, der Arbeitsmarkt und die Reaktionen der Fed den Kurs vorgeben. Auch Veränderungen in der US-Aussenpolitik könnten stärkere Marktbewegungen auslösen als die Zusammensetzung des Kongresses.

Demokratischer Wahlsieg könnte Fiskalpolitik beeinflussen

Ganz ohne Bedeutung ist der Wahlausgang dennoch nicht. Eine demokratische Mehrheit in beiden Kongresskammern könnte die Handlungsmöglichkeiten von Präsident Donald Trump einschränken und die Verhandlungen über die Staatsausgaben verändern. Während die Republikaner tendenziell höhere Verteidigungsausgaben unterstützen, dürften die Demokraten stärker auf zusätzliche Sozialausgaben drängen.

Raphaël Gallardo, Chefökonom bei Carmignac, weist darauf hin, dass eine solche Konstellation auch Auswirkungen auf das Haushaltsdefizit und die Anleiherenditen haben könnte. Zusätzliche, nicht gegenfinanzierte Ausgaben würden die Staatsverschuldung und den Finanzierungsbedarf weiter erhöhen. Zusammen mit steigenden Inflationserwartungen könnte dies insbesondere die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen unter Druck setzen.

Gallardo zufolge kommt es allerdings weniger auf die Parteizugehörigkeit der politischen Mehrheit als auf die grundsätzliche Ausrichtung der Fiskalpolitik an. Sowohl unter demokratischer als auch unter republikanischer Führung könnten zusätzliche Staatsausgaben auf der Agenda bleiben. Eine expansivere Fiskalpolitik würde das nominale Wirtschaftswachstum stützen, könnte aber zugleich die langfristigen Anleiherenditen erhöhen.

Alex Rohner, Fixed Income Strategist bei der Bank J. Safra Sarasin, erwartet seinerseits, dass die US-Wirtschaft in den kommenden sechs bis zwölf Monaten robust bleibt und die Fed die Zinsen unabhängig vom Wahlausgang weiter anhebt. Ein demokratischer Wahlsieg könnte zwar die Unabhängigkeit der Notenbank stärken und US-Staatsanleihen tendenziell begünstigen. Mit einer grundlegenden Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik rechnet Rohner jedoch nicht.

Gespaltener Kongress hätte auch Vorteile

Afonso Borges, Fixed Income Research bei Julius Bär, sieht in möglicherweise geteilten Mehrheiten in Senat und Repäsentantenhaus einen Vorteil. «Ein demokratisch kontrolliertes Repräsentantenhaus würde weitere fiskal- und regulierungspolitische Gesetzesvorhaben entlang der Parteilinie verhindern. Die Regierung behielte jedoch durch präsidentielle Verfügungen weiterhin weitreichende Handlungsspielräume in den Bereichen Handel, Einwanderung und Aussenpolitik», erklärt Borges. Das würde die Bandbreite möglicher politischer Ergebnisse verengen, was länger laufende Anleihen unterstützt und sich tendenziell auch positiv auf Aktien auswirkt.

Bei US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit könnte sich ein ähnliches Muster wie nach den Zwischenwahlen 2018 zeigen, als die Renditen nach dem Wahltermin zurückgingen. Ein wesentliches Risiko sieht Borges allerdings im Streit um die Schuldenobergrenze, die das US-Finanzministerium voraussichtlich 2027 erreichen könnte. Zähe Verhandlungen könnten dann vorübergehend die Finanzmärkte belasten, den US-Dollar unter Druck setzen und die Renditen langfristiger Anleihen erhöhen.

Politische Schlagzeilen, wirtschaftliche Fundamentaldaten

Insgesamt rechnen die Experten damit, dass die Zwischenwahlen kurzfristig für Schwankungen und Umschichtungen zwischen einzelnen Marktsegmenten sorgen könnten. Eine nachhaltige Änderung des übergeordneten Markttrends erwarten sie dagegen vor allem dann, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern.

Für Anleger bleiben damit die Entwicklung der US-Zinsen, die Widerstandsfähigkeit der Unternehmensgewinne und die Frage, ob sich die hohen Investitionen in künstliche Intelligenz auszahlen, die entscheidenden Beobachtungspunkte. Der Wahlausgang dürfte vor allem dort relevant werden, wo er konkrete Auswirkungen auf Fiskalpolitik, Regulierung oder Inflationserwartungen hat.