Auch eine lahme Ente kann unberechenbar sein

Während einige Marktstrategen mit einer politischen Blockade und sinkenden Renditen rechnen, warnen andere vor einem unberechenbaren Präsidenten Donald Trump, der seine verbliebenen Machtinstrumente umso entschlossener einsetzen könnte. Für Schweizer Unternehmen bleibt insbesondere das Zollrisiko bestehen.

Die neue Machtverteilung in Washington dürfte Trumps politische Agenda erheblich bremsen. Zusätzliche Steuersenkungen, umfangreiche Ausgabenprogramme und weitere Deregulierungen werden schwieriger durchzusetzen sein. Allerdings verfügt der Präsident weiterhin über weitreichende exekutive Befugnisse. Die Frage ist deshalb, wie er auf seinen eingeschränkten Handlungsspielraum reagiert.

Die Märkte bleiben gelassen – vorerst

Mike Bell, Head of Market Strategy bei RBC BlueBay Asset Management, vergleicht die politische Entwicklung mit einem Tornado. «Toto, ich habe das Gefühl, wir sind nicht mehr in Kansas», kommentiert er in Anlehnung an den Filmklassiker «The Wizard of Oz». Kansas habe erstmals seit 1939 einen demokratischen Senator gewählt.

Die politischen Auswirkungen könnten erheblich sein. Für die Finanzmärkte erwartet Bell hingegen zunächst wenig Veränderung. «Der Präsident kann jede Politik der Demokraten mit seinem Veto blockieren, und die Demokraten verfügen nicht über genügend Sitze, um ein Amtsenthebungsverfahren einzuleiten», erklärt er. Das grössere Marktrisiko sieht Bell in einer möglichen Eskalation im Nahen Osten. Steigende Energiepreise könnten in diesem Fall gleichzeitig Aktien und Anleihen belasten.

Auch die UBS rechnet eher mit politischem Sand im Getriebe als mit einer grundlegenden wirtschaftspolitischen Neuausrichtung. Das Wahlergebnis sei ein Rückschlag für Trump und die Republikaner, stelle aber kein umfassendes politisches Mandat für die Demokraten dar.

Mark Haefele, Chief Investment Officer bei UBS Global Wealth Management, erwartet vor allem kurzfristige Volatilität in technologie- und regulierungssensiblen Branchen. «Wir sind jedoch nicht der Ansicht, dass das Ergebnis die mittelfristigen fundamentalen Aussichten wesentlich verändert und damit eine unmittelbare strategische Anpassung der Portfolios rechtfertigt», erklärt er. Als deutlichstes Risiko für den Anleihenmarkt nennt UBS die Verhandlungen über die Staatsverschuldung.

Lombard Odier sieht Chancen für Aktien

Deutlich optimistischer beurteilt Michael Strobaek, Global CIO der Bank Lombard Odier, die Folgen der neuen politischen Konstellation. «Dieses Ergebnis ist insgesamt positiv für die Märkte. Wir begrüssen die zusätzliche Klarheit, das Marktrisiko ist nun gesunken», sagt er.

Eine geteilte Regierung in Washington sei häufig ein günstiges Umfeld für Aktien, weil die gegenseitige Kontrolle extreme politische Vorstösse begrenzen könne. Strobaek erwartet zudem sinkende langfristige Anleihenrenditen. «Der Trend bei den langfristigen Renditen zeigt nach unten, und das sind gute Nachrichten für Anleger», erklärt er.

Auch für den Aktienmarkt sieht er weiteres Potenzial. Die Unternehmensgewinne bildeten ein solides Fundament. Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) werde durch den Wahlausgang ebenfalls nicht grundsätzlich infrage gestellt. «Man kann KI nicht einfach wegdenken. Sie ist ein fester Bestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung der USA», betont Strobaek. Für den Dollar bleibt Lombard Odier aufgrund der Zinsdifferenzen gegenüber anderen Währungsräumen ebenfalls zuversichtlich.

Die «Angry Lame Duck» als neues Risiko

Bernhard Schmitt, Head of Equity & Multi Manager Management bei LLB, warnt davor, die politische Schwächung Trumps mit einem Rückgang der politischen Risiken gleichzusetzen. Er spricht von einer «Angry Lame Duck» – einer wütenden lahmen Ente.

Traditionell gelten Zwischenwahlen mit einer anschliessenden politischen Blockade an der Wall Street als positives Signal. Seit 1950 lag der S&P 500 zwölf Monate nach allen 19 Zwischenwahlen im Plus, im Durchschnitt um rund 15 Prozent. Schmitt hält es jedoch für riskant, diese historische Erfahrung einfach auf die aktuelle Situation zu übertragen.

«Je weniger Donald Trump innenpolitisch durch den Kongress bewegen kann, desto interessanter werden jene Machtinstrumente, für die er ihn nicht braucht», analysiert er. Insbesondere die Handelspolitik bleibe ein Unsicherheitsfaktor. Zölle könnten weiterhin über exekutive Befugnisse umgesetzt werden.

Auch die Regulierung der KI könnte sich verändern. Datenschutz, Sicherheitsstandards und der Energieverbrauch von Rechenzentren dürften stärker in den politischen Fokus rücken. Das könnte Technologieunternehmen belasten, gleichzeitig aber Investitionen in Stromerzeugung, Netze und Speicher begünstigen. «KI braucht nicht nur Chips. KI braucht Steckdosen. Sehr viele Steckdosen», bringt Schmitt die Entwicklung auf den Punkt.

Schweizer Unternehmen bleiben unter Druck

Für die Schweiz bedeutet der Machtwechsel in Washington keine Entwarnung. Santosh Brivio, Leiter Economic Research der Migros Bank, sieht insbesondere im stärkeren Franken und in der weiterhin unsicheren US-Handelspolitik Belastungsfaktoren.

Die ersten Marktreaktionen deuteten auf eine Umschichtung hin: Aktien gaben nach, US-Staatsanleihen legten zu, und der Dollar verlor gegenüber dem Franken. Brivio fasst die Entwicklung zusammen: «Weniger fiskalische Wachstumsfantasie, mehr Nachfrage nach Sicherheit.»

Weniger staatliche Ausgaben könnten den Inflationsdruck begrenzen und der US-Notenbank mehr Spielraum verschaffen. Eine rasche Zinswende erwartet Brivio allerdings nicht. Auch die geopolitischen Risiken und die hohen Energiepreise blieben bestehen.

Besonders kritisch beurteilt er die Perspektiven für den Aussenhandel. Eine demokratische Mehrheit bedeute keineswegs, dass die US-Zölle rasch zurückgenommen würden. Vielmehr könnte Trump aus der Wahlniederlage eine Trotzreaktion ableiten und zusätzliche Zölle ankündigen. «Politischer Gegenwind in Washington ist noch kein handelspolitischer Rückenwind für den Rest der Welt», warnt Brivio.

Ein gegenüber Dollar und Euro stärkerer Franken belastet zudem die Wettbewerbsfähigkeit Schweizer Exporteure und reduziert den Wert ausländischer Erlöse. Besonders Industrie- und Konsumgüterunternehmen könnten darunter leiden.

Asien blickt auf Zinsen, Dollar und China

Auch für die asiatisch-pazifischen Märkte dürfte sich durch den Machtwechsel weniger ändern als zunächst erwartet. David Chao, Global Market Strategist für den asiatisch-pazifischen Raum bei Invesco, sieht die zentralen Einflussfaktoren der Region weiterhin in den US-Zinsen, dem Dollar und der Handelspolitik.

Weniger fiskalische Impulse könnten den Aufwärtsdruck auf US-Wachstum, Inflation und Anleihenrenditen reduzieren. Davon könnten asiatische Währungen profitieren. Allerdings erwartet Chao keine grundlegende Veränderung der Beziehungen mit China. «Wir erwarten nicht, dass die Wahlen das grundsätzliche Verhältnis zwischen den USA und China verändern werden», sagt er. Zölle, Exportkontrollen und Technologiebeschränkungen dürften weiterhin für Unsicherheit sorgen.

Politisch geschwächt, aber keineswegs machtlos

Die Einschätzungen der Experten zeigen: Eine demokratische Mehrheit bedeutet nicht automatisch eine grundlegende wirtschaftspolitische Wende. Vielmehr dürfte Washington in den kommenden zwei Jahren von gegenseitigen Blockaden geprägt sein. Das kann den fiskalischen Spielraum der Regierung begrenzen und die Märkte teilweise beruhigen.

Gleichzeitig bleiben Trumps Möglichkeiten ausserhalb des Kongresses beträchtlich. Insbesondere bei Zöllen und geopolitischen Entscheidungen könnte der Präsident weiterhin für Überraschungen sorgen. Für Anleger wird deshalb entscheidend sein, wie Trump mit seiner geschrumpften innenpolitischen Macht umgeht. Eine lahme Ente ist schliesslich nicht zwangsläufig eine harmlose.