Christian Gattiker: «Es nimmt Dimensionen an, die schwindelerregend sind»


Herr Gattiker, die Aktienmärkte zeigen sich trotz zahlreicher Risiken erstaunlich robust. Sind die Anleger zu sorglos geworden?

Nein, im Allgemeinen stelle ich eine grosse Skepsis fest. Natürlich gibt es kurzfristige Ausschläge nach oben. Aber der Grundtenor lautet häufig: Wir erleben eine Wiederholung des Technologiebooms um die Jahrtausendwende, und das wird alles in Tränen enden. Die Frage scheint für viele nur noch zu sein, wie lange es dauert.

Diese Skepsis halte ich für gesund. Gleichzeitig sehen wir eine Rotation innerhalb der Märkte. Es gibt Übertreibungen, aber auch dort verschieben sich die Gewichte. Insgesamt ist das eine gesunde Entwicklung.

Sie erwarten also kein baldiges Ende des Aufschwungs?

Ich finde es sehr mutig, bereits solche Prognosen abzugeben. Wir erleben einen ausgesprochen komprimierten Zyklus. Die Einführung der neuen Technologie erfolgt enorm schnell, und die Investitionsneigung ist aussergewöhnlich hoch. Es nimmt wirklich Dimensionen an, die schwindelerregend sind.

«Momentan ist die Entwicklung gesund. Interessant könnte Phase von 2027 auf 2028 werden.»

Hinzu kommt ein politischer Faktor: Unternehmer aus unserem Netzwerk berichten, dass sie in den USA ein Investitionsfenster sehen, das sich bei veränderten politischen Verhältnissen wieder schliessen könnte. Entsprechend werden Investitionen vorgezogen. Dabei spielen vor allem die Möglichkeiten im Rahmen des US One-Big-Beautiful-Bill-Acts eine Rolle, Investitionen bereits im ersten Jahr abzuschreiben.

Wann wird ein solcher Investitionsboom gefährlich?

In der Regel läuft es gut, solange die Beschleunigung stark ist. Der Moment der Wahrheit kommt häufig dann, wenn das Wachstum abflaut, also gegen null fällt.

Auf den gegenwärtigen Zyklus übertragen, könnte die Phase von 2027 auf 2028 interessant werden: Die Investitionen könnten dann auf hohem Niveau liegen, während die zusätzliche Dynamik nachlässt. Das ist eine Projektion, keine punktgenaue Prognose. Man muss mit offenem Geist beobachten, was diese Phase bringt.

Was unterscheidet die heutige Situation vom Technologieboom um die Jahrtausendwende?

Die Skepsis ist heute viel ausgeprägter. Gleichzeitig haben wir es mit etwas sehr Grossem zu tun, das vieles verändern kann. Welche Unternehmen am Ende gewinnen, ist allerdings offen. Einige der entscheidenden Gewinner werden möglicherweise übersehen oder sind noch gar nicht an der Börse.

Für mich ist die Entwicklung im Moment noch gesund. Aber das bedeutet nicht, dass sich die langfristige Bedeutung der Technologie unmittelbar in den Renditen aller beteiligten Unternehmen widerspiegeln muss.

Die Unternehmen investieren gewaltige Summen in künstliche Intelligenz. Wann müssen sie zeigen, dass sich diese Ausgaben rechnen?

Börsengänge können dafür ein Gradmesser sein. Mit den Vorbereitungen, den Prospekten und den Zahlen werden die Erwartungen konkreter überprüfbar.

Es greift allerdings zu kurz, nur auf die prominentesten Unternehmen wie Nvidia oder auf mögliche Börsengang-Kandidaten zu schauen. Die Frage lautet auch, ob wir es mit einer Technologie wie der Eisenbahn oder der Elektrizität zu tun haben, die weit über die unmittelbar beteiligten Unternehmen hinauswirkt.

Bei Eisenbahngesellschaften ab Mitte 19. Jahrhundert und bei Versorgern Anfang des 20. Jahrhunderts haben viele Anleger ihr investiertes Geld verloren. Der Wert für das gesamte Wirtschaftssystem stand deshalb trotzdem nicht infrage. Man muss versuchen, über die unmittelbaren Schlagzeilen hinauszudenken.

Lässt sich heute schon abschätzen, wie stark KI die Wirtschaft verändern wird?

Wir haben es mit einem hochkomplexen System zu tun. Da wäre ich mit Prognosen vorsichtig. Man muss nach Bestätigung suchen und die relevanten Grössen beobachten.

«Wir leben möglicherweise im effizientesten Markt, den es je gab.»

Auch bei früheren technologischen Veränderungen gab es enorme Erwartungen und Befürchtungen. Die Erfahrung sollte uns vorsichtig machen, heute schon sehr weitreichende Vorhersagen zu treffen.

Macht diese Unsicherheit Ihre Arbeit als Stratege schwieriger?

Ja, weil wir systematisch überprüfen müssen, wo wir stehen. Welche Eckdaten zeigen eine Überhitzung? Welche deuten auf ein Abflauen hin? Wir bauen gewissermassen ein Frühwarnsystem auf, um die Entwicklung zu verfolgen.

Ein Beispiel sind die Preise für Speicherchips und deren Veränderung. Sie können Hinweise darauf geben, ob sich ein Engpass weiter verschärft oder langsam auflöst. Diese Beobachtung verlangt deutlich mehr Arbeit.

Wo finden Anleger in diesem Umfeld noch Chancen?

Interessant wird es dort, wo sich eine Entwicklung tatsächlich im Geschäft niederschlägt und nicht nur eine Hoffnung bleibt. Allerdings reagieren die Märkte dann atemberaubend schnell.

Wir leben möglicherweise im effizientesten Markt, den es je gab. Vieles wird an der Börse sehr früh vorweggenommen. Deshalb ist es schwierig, eine grosse Opportunität auszurufen, sobald sie klar erkennbar ist.

Sie sehen hinter dem Technologieboom einen umfassenderen wirtschaftlichen Wandel. Welchen?

Wir kommen aus einem Jahrzehnt, das von Deflationssorgen geprägt war. Die Pandemie hat es zunächst erschwert, zwischen krisenbedingten, strukturellen und zyklischen Entwicklungen zu unterscheiden.

Inzwischen spricht vieles dafür, dass wir – und hier meine ich insbesondere die Lokomotive USA – in einen inflationären Boom übergegangen sind. Kapital wird knapper, und es gibt einen Wettbewerb darum. Dabei geht es längst nicht nur um KI: Rüstung, Infrastruktur, neue Lieferketten und zusätzliche Absicherungen gegen geopolitische Risiken erfordern ebenfalls Investitionen.

Diese Entwicklung hat viele auf dem falschen Fuss erwischt. Lange dominierte die Vorstellung, wir könnten in ein Japan-Szenario mit anhaltend schwacher Dynamik geraten.

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