ETF-Boom in Deutschland: Was Schweizer Anbieter aufhorchen lässt
In der gesamten EU sind laut EZB-Angaben insgesamt 16 Billionen Euro privater und institutioneller Anleger in Investmentfonds angelegt. Deutschland ist mit einem Vermögen von etwa 4,1 Billionen Euro der mit Abstand grösste Markt. Innerhalb der letzten 10 Jahre wuchs das Vermögen laut dem Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) um durchschnittlich 8,0 Prozent pro Jahr. Das jährliche Wachstum in Italien (6,5 Prozent), Frankreich (5,1 Prozent) und den Niederlanden (2,7 Prozent) war dagegen deutlich niedriger.
Grosses Plus
Vom grossen Vermögen ist erst ein kleiner Teil in ETF’s angelegt, doch dieser Teil wächst schnell. Mitte 2026 hielten Anleger in Deutschland börsengehandelte Fonds im Wert von 697 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor waren es noch 500 Milliarden Euro gewesen, 2023 lediglich 308 Milliarden Euro.
Damit hat sich das ETF-Vermögen innerhalb von drei Jahren mehr als verdoppelt. Die jüngsten Zahlen stammen aus einer im Oktober veröffentlichten Untersuchung des deutschen Fondsverbands BVI, der die Bestände gemeinsam mit der Verwahrgesellschaft Clearstream auswertet.
Allein zwischen Mitte 2025 und Mitte 2026 flossen ETFs laut BVI netto rund 70 Milliarden Euro zu. Da nicht alle Anbieter an der Statistik teilnehmen, könnte der tatsächliche Betrag höher liegen. Ein grosser Teil des Vermögenszuwachses entfällt zudem auf die Kursgewinne der vergangenen Monate.

MSCI dominiert mit 320 Milliarden Euro
Die starke Nachfrage konzentriert sich auf relativ wenige Indexanbieter. Insgesamt halten deutsche Anleger 584 Milliarden Euro in passiven Aktien-ETFs. Davon entfallen 561 Milliarden Euro auf Indizes von lediglich fünf Unternehmen.
Mit 320 Milliarden Euro und einem Marktanteil von rund 55 Prozent steht MSCI an der Spitze. Dahinter folgen S&P Dow Jones Indices mit 16 Prozent, STOXX mit 15 Prozent, FTSE Russell mit sechs Prozent und Nasdaq mit fünf Prozent.
Zusammen kommen diese Anbieter auf rund 96 Prozent des untersuchten Marktes. Die grosse Zahl unterschiedlicher ETFs bedeutet somit nicht, dass ebenso viele voneinander unabhängige Indizes verwendet werden.
Viel mehr MSCI-World
Besonders deutlich ist die Konzentration beim MSCI World. Auf diese Indexfamilie entfallen in Deutschland 178 Milliarden Euro beziehungsweise 30,5 Prozent des passiven Aktien-ETF-Vermögens.

Quelle: Clearstream
Ein wesentlicher Grund dürfte die hohe Bedeutung privater Anleger sein, die in Deutschland mehr als zwei Drittel des ETF-Vermögens halten. Der MSCI World ist als Kernbaustein eines einfachen, global breit gestreuten Aktienportfolios besonders präsent. Für professionelle Investoren sind diese Vorteile weniger ausschlaggebend, da sie ihre Portfolios häufig differenzierter steuern.
Im europäischen ETF-Markt liegt der Anteil der MSCI-World-Familie gemäss BVI bei knapp 20 Prozent und damit deutlich tiefer als in Deutschland. In der Schweiz gibt es hier offensichtlich grosse Differenzen: So nutzen 53 Prozent der Deutschschweizer ETF-Anleger einen MSCI-World-ETF, gegenüber bloss 15 Prozent in der Westschweiz.
Die BVI-Statistik erfasst insgesamt 330 Produkte aus dieser Familie. Neben klassischen MSCI-World-ETFs zählen dazu auch Varianten mit Nachhaltigkeits-, Faktor-, Branchen- oder Themenfiltern.
An zweiter Stelle der bei deutschen Anlegern verbreiteten Aktienindizes steht der S&P 500 mit 77 Milliarden Euro und einem Marktanteil von 13,1 Prozent. Auf die MSCI-Emerging-Markets-Familie entfallen 49 Milliarden Euro oder 8,4 Prozent.
iShares dominiert in Europa
Mit Abstand grösster Player im europäischen Markt ist iShares. Laut aktuellen Daten von Morningstar Direct vereint die ETF-Tochter von BlackRock 40,7 Prozent des verwalteten Vermögens im europäischen UCITS-Markt auf sich und lässt damit Amundi mit einem Marktanteil von 12,8 Prozent und die ETF-Tochter der DWS Xtrackers mit 10,4 Prozent weit hinter sich. Von den zehn grössten ETF’s in Europa sind die Hälfte von iShares, darunter die klare Nummer 1 und zwei mit jeweils rund 130 Milliarden Euro an verwalteten Vermögen.
Der Vanguard S&P 500 ETF kommt laut Morningstar auf knapp 74,8 Milliarden Euro, die im Index angelegt werden. Dazu kommen sehr sehr viele kleine Anbieter: Laut Lipper bieten derzeit 127 Gesellschaften in Europa ETF’s an, doch nur 39 von ihnen verwalten demnach mehr als eine Milliarde Euro.
Viele Privatkunden
Die Dominanz von ETFs zeigt sich besonders deutlich beim Neugeschäft: Zwischen Mitte 2023 und Mitte 2025 flossen den BVI-Zahlen zufolge fast 90 Prozent der neu in Publikumsfonds angelegten Gelder Deutscher Anleger in ETFs. «Insgesamt wächst der ETF-Markt rund 20 Prozent pro Jahr und verdoppelt sich damit etwa alle fünf Jahre», sagt Patrick Diel, Vertriebschef Deutschland bei DWS Xtrackers.
Besonders dynamisch sei der digitale Retail-Markt, also Anleger, die ihre Entscheidungen selbst treffen und ETFs über Online-Plattformen und Neobroker besparen.
Aktive ETFs gewinnen beim Angebot
Trotz zahlreicher neuer Produkte dominieren weiterhin passive ETFs. Ihr Anteil am gesamten deutschen ETF-Vermögen beträgt 97,6 Prozent. Aktiv verwaltete ETFs vereinen lediglich 2,4 Prozent beziehungsweise 16,6 Milliarden Euro auf sich.
Bei den Neuauflagen sieht das Bild anders aus: Gemäss BVI werden inzwischen 37 Prozent der neuen ETFs aktiv verwaltet. Mehr als 40 Prozent der bestehenden aktiven ETF-Produkte sind allerdings höchstens zwölf Monat. Entsprechend fehlt bei vielen noch das Volumen.
Private Vorsorge hilft
Für weiteres Wachstum dürften die Pläne der Deutschen Bundesregierung zur Förderung der privaten Altersvorsorge sorgen. «Die Reform gilt als Gamechanger für die Investmentkultur in Deutschland», sagt Simon Klein, Global Head XTrackers Sales bei der DWS.
Der Entwurf zum Altersvorsorgereformgesetz der Bundesregierung zielt darauf ab, die steuerlich geförderte private Altersvorsorge in Deutschland zu modernisieren. Nach dem Willen der Regierung soll die private Vorsorge kostengünstiger, renditestärker, flexibler und transparenter werden. Dazu gehören neue Produktstandards, eine stärkere Orientierung an renditeorientierten Altersvorsorgedepots ohne Garantien, vereinfachte und gestraffte Zertifizierungskriterien sowie eine beitragsproportionale staatliche Förderung, von der insbesondere Kleinanleger profitieren sollen, heisst es aus Berlin.
Geplant ist der Start der neuen privaten Altersvorsorge schon zum 1. Januar 2027.













