Tareno-Chefin: «Wir arbeiten auf Akquisitionen im Raum Zürich hin»

Im Gespräch wirkt Sybille Wyss, die Chefin des Basler Vermögensverwalters Tareno, offen und sympathisch. Wir treffen sie zum Interview in der Zürcher Dépendance, zwei Minuten vom Paradeplatz entfernt.

Ihr Unternehmen ist auf dem Weg, die 4-Milliarden-Marke noch dieses Jahr hinter sich zu lassen, räumt reihenweise Preise ab und trägt sein Geschäft zunehmend in den Zürcher Markt.

finews wollte wissen, worin das «Cachet» von Tareno besteht.


Frau Wyss, was macht Tareno einzigartig in der vielseitigen Welt der unabhängigen Vermögensverwalter?

Man hätte gerne einen USP, aber den sehe ich nicht. Man kann sich höchstens aufgrund des Gesamtpakets unterscheiden: Wir verbinden die professionelle Anlagekultur und den Prozess von grösseren Instituten mit der Flexibilität, den kurzen Entscheidungswegen und der persönlichen Nähe zu den Kunden von kleineren. Unser Anspruch ist, dass der Kunde den Unterschied nicht nur in der Betreuung spürt, sondern auch in den Anlageergebnissen. Unser Credo: Top-Servicelevel, Top-Ergebnis.

Auf welche Kunden sind Sie spezialisiert?

Gross geworden sind wir mit vermögenden Privatpersonen aus dem In- und Ausland, Familien und Stiftungen, ab einer Million Franken. In den vergangenen Jahren kamen zunehmend institutionelle Investoren wie Pensionskassen hinzu.

Ist die Gleichung «Standort Basel = Pharma-Geld» also falsch?

Ja. Auf der Kundenseite ist davon nichts spürbar.

Anfang Jahr wiesen Sie verwaltete Vermögen von 3,3 Milliarden Franken aus. Wie läuft das aktuelle Jahr?

Wir konnten die Kundenvermögen auf 3,9 Milliarden Franken steigern, und der Grossteil davon ist Neugeld – ein Unternehmensbestwert. Es waren sicher mehrere grössere Mandate. Wir können ja nicht 200 oder 300 Neueröffnungen im Jahr stemmen.

Wo wollen Sie hin?

Der nächste Meilenstein ist die Marke von 4 Milliarden Franken, dann natürlich 5 Milliarden. Aber es geht uns nicht um Wachstum um jeden Preis, wir sind ja inhabergeführt. Entscheidend ist, dass wir die Betreuungsqualität, die Unabhängigkeit und unsere Unternehmenskultur beibehalten können.

Ist M&A ein Thema?

Ja, Akquisitionen sind neben dem organischen Wachstum und neuen Kundenberatern mit eigenem Portfolio unser dritter Pfeiler – insbesondere im Raum Zürich. Darauf arbeiten wir hin. Aber es muss sehr viel stimmen: die Preisvorstellungen, die Frage, wie lange der Verkäufer noch an Bord bleibt, die Kundensegmentierung, die Depotbanken. Wir nehmen keine Retrozessionen, und dahin gehen wir auch nicht mehr zurück. Man führt sehr viele Gespräche, aber im Moment steht nichts unmittelbar vor dem Abschluss.

«Wir nehmen keine Retrozessionen, und dahin gehen wir auch nicht mehr zurück.»

Die Nachfolge gilt als grösstes Problem der Branche: Viele Vermögensverwalter der ersten Generation gehen mit grossen Kundenbüchern in Pension. Was ist Ihre Antwort darauf?

Viele Unternehmen sind sehr stark auf einzelne Persönlichkeiten ausgerichtet. Das schafft Vertrauen, aber auch Abhängigkeiten. Wir versuchen, Tareno konsequent als Unternehmen weiterzuentwickeln und nicht als Summe einzelner Kundenberater. Eine erfolgreiche Nachfolge passiert viel früher als beim eigentlichen Führungswechsel: Man muss dafür sorgen, dass das Vertrauen des Kunden auf mehreren Schultern verteilt ist und nicht nur bei Herrn oder Frau Soundso liegt. Man kann nicht einfach sagen: Jetzt will ich übergeben.

Für einen Einzelkämpfer ist der Schritt in eine Organisation aber gross.

Wahnsinnig schwierig sogar. Wir hören manchmal, wir wirkten zu gross. Dann haben die Leute das Gefühl, sie könnten bei uns ihre Eigenständigkeit nicht behalten. Eine gewisse Eigenständigkeit hat man immer noch. Aber man ist in einem Verbund, und das ist etwas anderes, als alles allein zu machen.

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Sybille Wyss, CEO und Teilhaberin des Wealth Managers Tareno. (Bild: Tareno)

Sie haben selbst eine Nachfolge erlebt: Ihr Vorgänger Josef U. Bollag ist als Kundenberater, Mehrheitseigentümer und Verwaltungsratspräsident weiterhin im Unternehmen. Wie bewährt sich das?

Es ist eine spezielle Konstellation, aber sie ist äusserst wertvoll. Ueli Bollag und ich arbeiten seit über 20 Jahren zusammen, er hat mir immer mehr Verantwortung übertragen. Dass ich heute noch auf ihn zugehen und ihn um Rat fragen kann, ist für mich wahnsinnig wertvoll. Wenn man sagt, er steht für Kontinuität und ich für Weiterentwicklung, sehe ich darin keinen Widerspruch. Und er bleibt weiterhin an Bord – ein Rückzug ist noch kein Thema.

Wie definieren Sie Ihre Rolle als CEO?

Ich halte wenig davon, dass ich immer die beste Antwort auf eine Frage haben muss. Viel wichtiger ist ein Umfeld, in dem gute Ideen überhaupt entstehen können, in dem man Probleme offen ansprechen und gemeinsam entscheiden darf. Deshalb sitze ich bei jedem Auswahlverfahren mit am Tisch: Wenn man nicht zusammenarbeiten kann, haben wir ein Riesenproblem.

«Ich halte wenig davon, dass ich immer die beste Antwort auf eine Frage haben muss.»

Sie haben 2004 als Assistentin im Sekretariat angefangen. Was nützt Ihnen das heute?

Als Assistentin hat man die Chance, von der Seitenlinie zuzuschauen, wie Entscheide getroffen werden, wo Meinungen aufeinanderprallen und wo es in der Umsetzung hapert. Auf der Tribüne weiss man alles besser – bis man selbst auf dem Feld steht. Ich kenne die Firma aus dem Effeff. Und ich weiss, wie wichtig die Menschen sind, die nicht im Rampenlicht stehen.

Kundenberaterin sind Sie erst als CEO geworden. Farmerin oder Hunterin?

Mein Kundenbuch habe ich mehrheitlich selber akquiriert, insofern eher Hunterin. Als CEO hilft es natürlich, dass die Leute auf einen zukommen.

Tareno hat sich auch als Fondsanbieter einen Namen gemacht – zuerst mit Wasser, seit Januar mit den Healthcare-Fonds von Kieger. Wollen Sie zum Asset Manager werden?

Das Asset Management ist keine Abkehr vom Private Banking, sondern eine strategisch sinnvolle Ergänzung mit anderen Wachstumstreibern und Skalierungsmöglichkeiten. Heute liegt das Verhältnis bei den Assets etwa bei 80 zu 20. Der Wasserfonds geht auf Ueli Bollag zurück, der ihn vor seinem Eintritt 2005 als Offshore-Fonds führte; 2007 haben wir ihn in eine Luxemburger Sicav überführt. Am besten lief dieses Jahr unser Healthcare-Impact-Fonds mit plus 17 Prozent in Dollar.

Was ist Ihre Handschrift in einem Markt, in dem täglich neue Fonds lanciert werden?

Auch hier würde ich am liebsten sagen: Das ist unser USP. Den haben wir nicht. Es geht um institutionelle Glaubwürdigkeit. Hätten wir am Schluss 50 Fonds, würde man uns das nicht abnehmen. Wir kommen immer aus einer klaren Spezialisierung heraus, bei der wir einen Leistungsausweis aufbauen können, und immer im Bereich Aktien – dort sind wir zu Hause. Ende Jahr lancieren wir noch einmal einen Fonds aus einer Strategie, die wir zwei, drei Jahre als AMC geführt haben und die den MSCI World schlagen konnte.

«Hätten wir am Schluss 50 Fonds, würde man uns das nicht abnehmen.»

Wie verhindern Sie, dass die eigenen Fonds einfach in die Kundenportfolios wandern?

Unsere Unabhängigkeit ist unsere Daseinsberechtigung, unser höchstes Gut. Die eigenen Fonds haben in den Mandaten keinen Sonderstatus, und es gibt keine finanziellen Anreize für Kundenberater, eigene Produkte zu kaufen.

Ihr Präsident hat sich im finews-Podcast als Bitcoin-Befürworter zu erkennen gegeben. Ist das bei Tareno institutionalisiert?

Kryptoassets haben sich als Anlageklasse etabliert, die man nicht einfach ignorieren kann. Entscheidend ist nicht, ob man das persönlich gut findet, sondern welche Funktion das Asset im Portfolio erfüllen kann. Wir haben 2020 Bitcoin bei 8'700 Dollar in die Portfolios gekauft und seither mehrfach Gewinne realisiert. Aktuell machen Kryptoassets zwischen 2 und 3 Prozent der Allokation aus. Der Kunde kann aber auch sagen: Diesen Baustein will ich nicht.

Was kostet Sie die Finma-Aufsicht?

Zu den direkten Kosten kann ich keine Auskunft geben. Wir waren schon vor 2021 direkt der Finma unterstellt, für uns hat sich mit dem neuen Regime also nichts geändert. Aber natürlich binden die Anforderungen finanzielle und personelle Ressourcen.

Die UBS ist eine Ihrer zwölf Depotbanken. Was würde ihr Wegzug für die Vermögensverwalter bedeuten?

Grundsätzlich wäre es bedauerlich, wenn sich eine Bank mit so starken Schweizer Wurzeln ins Ausland verlegte. Für unser Geschäft erwarte ich aber keine wesentlichen Veränderungen. Die UBS wird ihr Schweizer Geschäft weiterhin von hier aus betreiben, der Markt ist wirtschaftlich attraktiv.

Würden Sie heute nochmals eine Banklehre machen?

Auf jeden Fall. Mit 16 hat man noch nicht den grossen Überblick, aber die Lehre ist ein super-solides Fundament.


Sybille Wyss ist seit 2020 CEO und seit 2022 Teilhaberin von Tareno. Nach einer Banklehre stieg sie 2004 als Assistentin im Sekretariat beim Vermögensverwalter ein und durchlief danach das Portfoliomanagement bis zur Funktion als CIO (2014–2023); den Tareno-Wasserfonds managte sie von 2007 bis 2017 mit. Sie ist Betriebsökonomin FH und eidg. dipl. Betriebswirtschafterin HF.