Der Schweizer Blockchain-Standort braucht weniger Lamento und mehr Geschäft
Die Schweiz fällt im internationalen Wettbewerb um digitale Finanzmärkte zurück. So lautet zugespitzt die Botschaft eines neuen Benchmark-Berichts der Swiss Blockchain Federation und des dazu erschienenen finews-Beitrags. Platz sechs statt Weltspitze; zu wenig Tempo, zu kleiner Markt, zu wenig internationale Vernetzung. Das ist ein nützliches Warnsignal. Ein Abgesang ist es nicht.
Die Schweizer Trümpfe
Ein Ranking ist kein Naturgesetz. Der Bericht arbeitet mit evidenzgestützten Expertenbewertungen und gewichteten Kategorien. Je 15 Prozent entfallen auf Umsetzungstempo, Marktgrösse und Liquidität sowie AI × Blockchain und Talent. Wer diese Faktoren hoch gewichtet, stuft einen kleinen, vorsichtigen Standort zwangsläufig tiefer ein. Die eigene Sensitivitätsanalyse des Berichts verortet die Schweiz – je nach plausibler Gewichtung – zwischen Rang vier und Rang acht. Die präzisere Aussage lautet deshalb: Die Schweiz gehört weiterhin zur erweiterten Spitzengruppe, ist aber nicht mehr unbestritten unter den ersten drei.
«Unser Problem ist weniger das Fundament als dessen kommerzielle Nutzung.»
Das Entscheidende steht ohnehin nicht in der Rangnummer. Der Bericht attestiert der Schweiz Spitzenwerte bei DLT-Infrastruktur, regulatorischer Klarheit, rechtlicher Finalität, Banking, Custody und geopolitischer Stabilität. Mit den bei SIX weitergeführten digitalen Abwicklungs- und Verwahrungsfunktionen, BX Digital, spezialisierten Banken, Hochschulen, Stiftungen und Beratern verfügt der Standort über Bausteine, die sich anderswo nicht rasch kopieren lassen.
Diese Einschätzung beruht auch auf unmittelbarer Praxiserfahrung: Allegra LAW hat sowohl SIX Digital Exchange (SDX) als auch BX Digital bei ihren regulatorischen Bewilligungsprojekten beraten. Unser Problem ist weniger das Fundament als dessen kommerzielle Nutzung. Die Schweiz hat eine Conversion-Lücke – eine Lücke bei der Umsetzung regulatorischer Stärke in skalierbare Anwendungen und internationale Geschäfte.
Der ICO-Boom war kein verlorenes goldenes Zeitalter
Nostalgie hilft dabei nicht. Der ICO-Boom enthielt viel regulatorische Verpackungskunst und zahlreiche Geschäftsmodelle ohne belastbaren Nutzen. Dass ein Teil davon verschwunden ist, ist keine Niederlage des Standorts, sondern Marktbereinigung. Zugleich wäre es falsch, alle damaligen Projekte als Spielerei abzutun. Aus legitimen Experimenten entstanden Know-how, Infrastruktur und Erfahrungen, die heute ernsthafte regulierte Anwendungen ermöglichen.
Die Finma war früh aktiv. Mit ihrer ICO-Wegleitung vom 16. Februar 2018 übersetzte sie neue Token-Modelle in bestehende Schutzprinzipien. Der vielfach zitierte «Duck Test» – entscheidend ist die wirtschaftliche Funktion, nicht das technologische Etikett – war keine Innovationsverweigerung, sondern ein vernünftiger Substance-over-Form-Ansatz. Der Umkehrschluss wäre allerdings falsch: Was nicht wie eine bekannte Ente aussieht, ist nicht automatisch untauglich. Neue Modelle können neue Einordnungen und eine lernfähige Aufsicht verlangen.
«Verfahren, die sich über Jahre hinziehen, können selbst ein gutes Geschäftsmodell wirtschaftlich erledigen.»
Innovation ist bei der Finma vom Randthema zum strategischen Ziel und heute zum Querschnittsprinzip einer technologieneutralen, risikoorientierten Aufsicht geworden. Für 2017 bis 2020 kündigte die Finma an, unnötige regulatorische Hindernisse für innovative Geschäftsmodelle abzubauen. Von 2021 bis 2024 war die Förderung von Innovation ein eigenes strategisches Ziel. In der Strategie 2025 bis 2028 erscheint Innovation zwar nicht mehr als eigene Zielüberschrift, bleibt aber Teil des Auftrags: Technologischer Fortschritt soll in einem sicheren Umfeld nutzbar sein; Regulierung und Aufsicht sollen transparent, risikoorientiert und technologieneutral angewendet werden. Diese Entwicklung widerspricht dem Bild einer grundsätzlich innovationsfeindlichen Behörde. Sie entbindet die Finma aber nicht von der Pflicht, diesen Anspruch in berechenbaren und effizienten Verfahren einzulösen.
Finma-Kritik ist berechtigt – Monokausalität nicht
Der finews-Beitrag und die Swiss Blockchain Federation kritisieren insbesondere lange und wenig berechenbare Verfahren. Selbstverständlich muss die Finma besser werden. Innovative Unternehmen benötigen klare Zuständigkeiten, realistische Zeitpläne, proportionale Anforderungen und belastbare Entscheide. Verfahren, die sich über Jahre hinziehen, können selbst ein gutes Geschäftsmodell wirtschaftlich erledigen. Wenn Verfahren über lange Zeit kaum erkennbare Fortschritte erzielen, wird es auch für Berater schwierig, ihren Mandanten den kostenintensiven Lizenzweg zu empfehlen. Das darf man kritisieren – und muss es tun.
Doch es ist zu bequem, der Aufsicht die gesamte Verantwortung für Marktgrösse, Liquidität, Internationalisierung und Umsetzung zuzuschieben. Die Bewältigung der Credit-Suisse-Krise erklärt, weshalb Systemstabilität höchste Priorität beanspruchte. Sie ist aber weder ein belegter Grund für jedes verzögerte Fintech-Verfahren noch eine dauerhafte Entschuldigung. Damit ist die Verantwortung jedoch nicht erschöpft: Die Finma kann weder einen globalen Absatzmarkt schaffen noch Banken und Unternehmen die unternehmerische Entscheidung abnehmen, tragfähige Pilotprojekte zu finanzieren und in den Regelbetrieb zu überführen. Die Politik
verantwortet international anschlussfähige Rahmenbedingungen; Banken und Unternehmen die Umsetzung; Berater die tragfähige Strukturierung.
Anwälte gehören in die vorderste Reihe
Gerade wir Anwälte dürfen uns nicht darauf beschränken, zu erklären, warum etwas nicht geht. Gute Beratung entwickelt mit dem Mandanten das regulierte Geschäftsmodell. Rollen, Zahlungsflüsse, Kapital- und Liquiditätsstruktur, Custody, Kundensegment und Jurisdiktion sind oft keine unveränderlichen Naturgegebenheiten. Sie können so gestaltet werden, dass aus einer Idee ein rechtlich belastbares und wirtschaftlich tragfähiges Modell wird.
«Der Standort wird nicht stärker, dass wir jedes internationale Geschäftsmodell krampfhaft in eine rein schweizerische Form zwingen.»
Das verlangt auch geografisches Denken. Der Schweizer Markt ist klein; das ist eine strukturelle Tatsache, keine Aufsichtspanne. Die Antwort lautet internationale Anschlussfähigkeit. Eine Lizenzierungsstrategie kann Schweizer Recht, Infrastruktur und Governance mit dem EWR-Marktzugang Liechtensteins oder mit spezialisierten Partnern in anderen Finanzzentren verbinden. Das ist keine Flucht in die schwächste Regulierung, sondern rechtmässiges Jurisdictional Design: Die passende Funktion wird dort verankert, wo der regulatorische Rahmen und der Markt sie sinnvoll tragen.
Der Standort wird nicht dadurch stärker, dass wir jedes internationale Geschäftsmodell krampfhaft in eine rein schweizerische Form zwingen. Er wird stärker, wenn Schweizer Qualität zum verlässlichen Kern einer internationalen Struktur wird.
Stablecoins zeigen, worum es jetzt geht
USD-Stablecoins sind dafür ein konkretes Beispiel. Nahezu 99 Prozent der Stablecoin-Marktkapitalisierung sind in US-Dollar denominiert. Das beendet die globale De-Dollarization nicht. Es schafft aber eine neue Form digitaler Dollarization: Dollarzugang ausserhalb klassischer Bankkanäle, nahezu sofortige Abwicklung und eine wachsende strukturelle Nachfrage nach hochliquiden Dollaraktiva, darunter kurzfristige US-Treasuries.
Auch bei den Volumenzahlen ist Nüchternheit nötig. Häufig genannte rund 30 Billionen US-Dollar jährliches On-Chain-Volumen sind Bruttowerte. Visa bezifferte das um Bots, interne Umbuchungen und vergleichbare Aktivitäten bereinigte Jahresvolumen auf rund 6,4 Billionen US-Dollar. Das ist deutlich weniger als die Schlagzeile – und dennoch gross genug, um Stablecoins als reale Finanzinfrastruktur ernst zu nehmen.
Die Schweiz muss dabei nicht zwingend Hauptemissionsplatz sein. Sie kann bei Custody, Governance, Tokenisierung, Settlement und grenzüberschreitender Strukturierung gewinnen. Besonders naheliegend ist Trade Finance. Die Schweiz ist eine globale Drehscheibe für Rohstoffe; internationale Lieferketten sind häufig dollarbasiert und verlangen Liquidität, Geschwindigkeit und nachvollziehbare Abwicklung. Noch gibt es keinen Beleg für breite Marktreife von Stablecoins im Schweizer Commodity Trade Finance. Genau deshalb sollten klar abgegrenzte Anwendungen jetzt vom Pilot in die Produktion gebracht werden – mit sauberer Reserve-, AML-, Sanktions-, Custody- und Rechtsarchitektur.
Vom Regulierungsstandort zum Geschäftsstandort
Der Handlungsauftrag ist damit klar. Die Finma schuldet berechenbare Verfahren und eine proportionale, lernfähige Praxis. Die Politik muss internationale Anschlussfähigkeit ermöglichen, statt Technologie mit Standortromantik zu verwechseln. Banken und Unternehmen müssen belastbare Pilotprojekte finanzieren und in echte Produkte überführen.
Und wir Berater müssen Geschäftsmodelle mitentwickeln, internationale Kooperationen aufbauen und so rechtliche Brücken zwischen Märkten schaffen. Lamentieren über die schwindende Relevanz des Finanzplatzes ist erlaubt. Auch Aufsichtskritik gehört zu einer offenen Standortdebatte.
Beides ersetzt aber keine Umsetzung. Die Schweiz verliert nicht, weil sie zu wenige Ideen oder zu wenig Rechtssicherheit hat. Sie verliert nur dann an Boden, wenn sie ihre starken Regeln nicht in marktfähige Anwendungen und internationale Geschäfte übersetzt.
Marcel Hostettler, Rechtsanwalt, Founder und Managing Partner, Allegra LAW (Zürich/Vaduz). Er verfügt aus seiner früheren Tätigkeit bei der Finma über unmittelbare Aufsichtserfahrung und ist Mitglied des Regulatory Board von SIX Exchange Regulation.
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