Aon warnt: Die einstigen Cashcows der Versicherer geraten unter Druck

Der Schweizer Versicherungsmarkt präsentiert sich in einer bemerkenswert robusten Verfassung. Die Kapitalausstattung ist solide, die verfügbaren Versicherungskapazitäten sind in zahlreichen Sparten hoch, und der Wettbewerb sorgt vielerorts für attraktive Konditionen.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild. In einzelnen Geschäftsbereichen führen steigenden Schadenkosten zu Anpassungen bei Tarifierung und Risikoselektion. Gleichzeitig eröffnen technologische Entwicklungen und neue Risiken zusätzliche Möglichkeiten für neue Versicherungs-, Präventions- und Beratungslösungen.

Das geht aus dem Aon-Trendbarometer 2026-2027 hervor, der die wichtigsten Entwicklungen im Schweizer Erst- und Rückversicherungsmarkt untersucht.

Ein Versicherungsplatz mit internationaler Bedeutung

«Der Schweizer Versicherungsmarkt ist nach wie vor sehr kompetitiv», erklärt Pascal Mayerhofer, Chief Broking Officer von Aon Schweiz, im Gespräch mit finews.

Die Branche verfüge über erhebliches Know-how und könne auch sehr grosse Risiken absorbieren. Gemessen an der Wirtschaftsleistung sei der Schweizer Versicherungsmarkt aussergewöhnlich gross.

Allerdings dürfe sich der Versicherungsplatz Schweiz nicht auf seiner bisherigen Stärke ausruhen. Technologische Veränderungen, internationale Konkurrenz und neue regulatorische Rahmenbedingungen könnten etablierte Geschäftsmodelle zunehmend infrage stellen. 

Besonders deutlich werden diese Veränderungen in fünf Bereichen:

1. Cyberversicherung: Nur jedes zehnte Unternehmen ist versichert


Eine besonders auffällige Zahl liefert der Aon-Trendbarometer im Bereich Cyberversicherung: Lediglich rund 10 Prozent der Unternehmen verfügen laut Aon über eine entsprechende Versicherungsdeckung.

Damit besteht eine erhebliche Versicherungslücke, obwohl Cyberangriffe zunehmen und Unternehmen immer stärker von digitalen Infrastrukturen abhängig sind.

Gleichzeitig entwickeln sich die Marktbedingungen für Versicherungsnehmer positiv. Zusätzliche Kapazitäten und intensiver Wettbewerb haben die Prämien unter Druck gesetzt. Im ersten Quartal 2026 setzte sich der Rückgang fort, wenn auch weniger ausgeprägt als im Vorjahr.

Die Bedrohungslage bleibt angespannt. Aon verweist auf rund 85 aktive Ransomware-Gruppierungen, die zunehmend auch kleinere und mittlere Unternehmen ins Visier nehmen.

Versicherung allein genügt nicht

«Ich bin überrascht, dass die Marktdurchdringung bei Cyberversicherungen nach wie vor so gering ist», sagt Mayerhofer. 

Allerdings warnt er davor, Cyberversicherung ausschliesslich als klassischen Risikotransfer zu betrachten: «Der reine Risikotransfer ist nur ein kleiner Teil des gesamten Ökosystems», sagt er. 

Unternehmen müssten sich zunächst intensiv mit ihren tatsächlichen Risiken auseinandersetzen. Dazu gehörten nicht nur Hackerangriffe auf die eigene IT-Infrastruktur, sondern auch mögliche Betriebsunterbrüche durch Cybervorfälle bei Lieferanten und Dienstleistern.

Mayerhofer sieht gerade bei kleineren und mittleren Unternehmen erheblichen Nachholbedarf. Viele Betriebe hätten die Risiken zwar grundsätzlich erkannt, beschäftigten sich aber noch zu wenig mit den konkreten Konsequenzen eines erfolgreichen Cyberangriffs.

2. Neue Konkurrenz aus London


Eine Entwicklung, die nach Einschätzung von Mayerhofer bislang unterschätzt wird, betrifft die internationale Öffnung des Schweizer Versicherungsmarktes.

Im Zentrum steht das sogenannte Berne Financial Services Agreement, kurz Berne Agreement, zwischen der Schweiz und Grossbritannien.

Das Abkommen erweitert unter bestimmten Voraussetzungen den Zugang Schweizer Unternehmen zu internationalen Versicherungskapazitäten.

Damit können britische Versicherer in den erfassten Geschäftsbereichen Schweizer Kunden direkter bedienen, ohne dafür zwingend eine traditionelle lokale Niederlassungsstruktur aufbauen zu müssen. 

Für den Schweizer Versicherungsmarkt hat dies weitreichende Konsequenzen.

Lokale und internationale Lösungen werden stärker vergleichbar. «Wir sehen bereits, dass Schweizer Versicherungslösungen zunehmend mit Angeboten aus London verglichen werden», sagt Mayerhofer. 

Gerade bei international tätigen Unternehmen könnte sich dieser Trend verstärken.

Die Schweizer Versicherer und Broker müssen sich dadurch nicht mehr ausschliesslich mit ihren inländischen Konkurrenten messen, sondern zunehmend auch mit internationalen Anbietern.

Besonders interessant ist dabei die unterschiedliche Vertragsgestaltung. Während Schweizer Versicherungsprodukte traditionell auf lokalen Bedingungen basieren, arbeiten internationale Märkte häufig mit angelsächsischen Vertragswerken.

Das eröffnet Kunden zusätzliche Möglichkeiten, erhöht aber auch die Anforderungen an Beratung und Risikobeurteilung.

Mayerhofer weist darauf hin, dass internationale Versicherungseinkäufer häufig wenig Berührungsängste gegenüber ausländischen Anbietern haben. Entscheidend seien für sie die Qualität der Deckung, die Konditionen und die internationale Vergleichbarkeit.

Für den Schweizer Versicherungsmarkt könnte das Abkommen damit zu einem wichtigen Impuls für mehr internationale Vergleichbarkeit und zusätzliche Lösungsoptionen werden.

3. Künstliche Intelligenz: Versicherer betreten Neuland


Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Versicherungsbranche gleich auf mehreren Ebenen.

Einerseits ermöglicht sie effizientere Prozesse, automatisierte Schadenbearbeitung und präzisere Risikomodelle. Andererseits entstehen durch den Einsatz von KI völlig neue Haftungs- und Betriebsrisiken.

Der Aon-Trendbarometer nennt unter anderem algorithmische Fehlentscheidungen, Diskriminierung, Datenschutzverletzungen und die Verletzung geistiger Eigentumsrechte.

Neue Haftungsfragen durch künstliche Intelligenz

Mayerhofer sieht die Branche hier vor einer besonderen Herausforderung: Wie lassen sich Risiken versichern, für die es kaum historische Schadendaten gibt?

«Die Entwicklung künstlicher Intelligenz verläuft unglaublich schnell. Bei vielen KI-bezogenen Risiken fehlen noch umfangreiche historische Schadendaten. Umso wichtiger sind Szenarioanalysen, klare Governance-Strukturen und eine laufende Weiterentwicklung der Bewertungsmodelle.», sagt Mayerhofer. 

Besonders anspruchsvoll werde es, wenn KI-Systeme eigenständig Entscheidungen treffen oder direkt in operative Geschäftsprozesse eingebunden werden.

Was geschieht beispielsweise, wenn ein KI-System eines Lieferanten ausfällt und dadurch die Produktion eines Unternehmens stillsteht? Wer trägt die Verantwortung, und welche Versicherung kommt für den Schaden auf?

Solche Fragen seien bislang nicht abschliessend geklärt.

Analytics und Beratung schaffen neue Handlungsoptionen

Aon entwickelt analytische Ansätze, um Risiken aus dem Einsatz künstlicher Intelligenz systematischer zu erfassen. Im Fokus stehen Cyber- und Haftungsrisiken, operative Abhängigkeiten, Governance und regulatorische Anforderungen.

Mayerhofer sieht darin zugleich eine Chance für die Versicherungswirtschaft.

Die Branche müsse neue Deckungskonzepte entwickeln, statt lediglich bestehende Produkte auf neue Technologien zu übertragen.

Gleichzeitig verändert KI auch das Verhältnis zwischen Versicherern, Brokern und Kunden. Versicherungsnehmer seien heute wesentlich besser informiert und erwarteten schnellere Antworten sowie eine fundiertere Beratung.

4. Motorfahrzeugversicherung im Wandel


Die Motorfahrzeugversicherung gehört traditionell zu den bedeutenden Geschäftsbereichen der Schweizer Versicherer. Steigende Schadenkosten und technologische Veränderungen führen zu einer grundlegenden Weiterentwicklung von Tarifierungs-, Produkt- und Risikomanagementmodelle.

Gemäss Aon sind die durchschnittlichen Prämien seit 2019 um rund 20 Prozent gestiegen. Zu den wesentlichen Kostentreibern zählen teurere Ersatzteile, komplexere Reparaturen infolge moderner Fahrzeugtechnologien sowie häufigere Schäden durch Hagel und Starkregen.

«Steigende Schadenkosten, komplexere Fahrzeugtechnologien und wetterbedingte Schäden verändern die Kostenstruktur der Motorfahrzeugversicherung nachhaltig. Versicherer reagieren mit differenzierteren Tarifierungs- und Risikomanagementansätzen», sagt Pascal Mayerhofer, Chief Broking Officer von Aon Schweiz.

Für Risiken mit erhöhter Schadenfrequenz oder überdurchschnittlicher Schadenhöhe bedeutet dies eine genauere Beurteilung. Versicherer reagieren je nach Risikoprofil mit angepassten Prämien, höheren Selbstbehalten oder veränderten Deckungsstrukturen. Transparente Schadendaten sowie wirksame Präventions- und Flottenmanagementmassnahmen gewinnen dadurch weiter an Bedeutung.

Dynamische Prämienmodelle als mögliche Antwort

Neue Geschäftsmodelle könnten die Branche zusätzlich verändern. Dazu gehören Fahrzeugabonnements, neue Leasingmodelle und insbesondere die zunehmende Nutzung von Telematikdaten.

Mayerhofer erwartet, dass Versicherer künftig stärker zwischen unterschiedlichen Fahrprofilen unterscheiden werden. Fahrverhalten, geografische Risiken und die tatsächliche Nutzung eines Fahrzeugs könnten vermehrt in die Prämienberechnung einfliessen.

Ein Fahrzeug, das hauptsächlich nachts oder in besonders schadenanfälligen Regionen unterwegs ist, könnte damit anders versichert werden als ein Auto mit einem geringeren Risikoprofil.

Auch das autonome Fahren dürfte den Markt langfristig verändern. Mit zunehmender Automatisierung verschieben sich nicht nur Schadenhäufigkeiten, sondern auch Haftungsfragen und die Grundlagen der Risikobewertung. Versicherer, Broker und Unternehmen müssen ihre bisherigen Modelle deshalb laufend an technologische Entwicklungen und neue Nutzungskonzepte anpassen.

5. Rückversicherung: Viel Kapital sorgt für sinkende Preise


Ein vergleichsweise positives Bild zeichnet Aon vom internationalen Rückversicherungsmarkt.

Die Rückversicherer verfügen über eine starke Kapitalausstattung und profitieren von guten Geschäftsergebnissen. Gleichzeitig nimmt der Wettbewerb zu.

Insbesondere im Bereich der Naturkatastrophen-Rückversicherung führt das zusätzliche Kapital zu sinkenden Preisen.

Für Erstversicherer bedeutet dies grundsätzlich günstigere Bedingungen beim Transfer grosser Risiken.

Mehr Wettbewerb bei Naturkatastrophenrisiken

Der Aon-Trendbarometer unterscheidet dabei zwischen zwei wichtigen Geschäftsbereichen.

In der Vertragsrückversicherung (Treaty Reinsurance) sorgen hohe Kapazitäten und zusätzliche Anbieter für zunehmenden Preisdruck. Besonders ausgeprägt ist diese Entwicklung bei Naturkatastrophenrisiken.

Auch die fakultative Rückversicherung, bei der einzelne Risiken individuell abgesichert werden, profitiert von hoher Nachfrage und einem intensiven Wettbewerb. Vor allem der Londoner Markt zeigt sich wachstumsorientiert.

Mayerhofer bestätigt diese Entwicklung.

«Gerade im Bereich der Naturkatastrophen-Rückversicherung sehen wir günstigere Konditionen.»

Er erwartet, dass die insgesamt günstigen Marktbedingungen kurzfristig anhalten dürften. Allerdings könnte ein grosses Naturkatastrophenereignis die Situation rasch verändern.

Für die Schweizer Versicherungswirtschaft ist die Entwicklung grundsätzlich positiv. Günstigere Rückversicherungskapazitäten können die Kosten der Risikoabsicherung senken und zusätzliche Zeichnungskapazitäten ermöglichen.