Nir Barzilai: «Der grösste Risikofaktor für jede Krankheit ist das Altern»
Der Mensch hat das Altern schon immer durch die Sprache der Zeit verstanden. Gerne greifen wir zu Redewendungen wie «die Uhr tickt» oder «die Sanduhr läuft ab». Doch unser biologisches Alter wird nur teilweise von der Zeit bestimmt. Menschliche Zellen regenerieren sich und werden neu geboren, wodurch sie die Uhr durch diese Erneuerung jeden Tag ein Stück zurückstellen. Das bedeutet: Man könnte 54 Jahre alt sein und die Zellen eines 24-Jährigen haben, je nachdem, wie gut der Körper diesen Prozess aufrechterhält.
Mit der Zeit werden diese Reparatur- und Regenerationssysteme jedoch weniger effizient. Manche Menschen können sie allerdings deutlich besser erhalten als andere.
Die 12 «Hallmarks of Aging».
Genau diese Abläufe erforscht Nir Barzilai. Der Genetiker zählt zu den weltweit führenden Wissenschaftlern der Alternsforschung. Er ist Professor am Albert Einstein College of Medicine, Gründungsdirektor des Institute for Aging Research und leitet derzeit das Longevity Genes Project, eine genetische Studie mit über 600 Familien von Hundertjährigen und deren Kindern.
Sein Fachgebiet, die Geroscience, definiert Altern nicht als einen einzelnen Prozess, sondern als eine Reihe miteinander verknüpfter biologischer Mechanismen, die die Fähigkeit des Körpers, sich selbst zu reparieren und zu erhalten, zunehmend schwächen. Forscher haben bislang zwölf dieser Mechanismen identifiziert, bekannt als die «Hallmarks of Aging». Das erklärte Ziel der Disziplin: diese Mechanismen zu verhindern oder umzukehren.
Lebenserwartung deutlich verlängern
Während es viel Lärm von selbsternannten Unsterblichkeitspropheten wie Bryan Johnson gibt, erforscht Barzilai die tatsächlichen «Superager» – Menschen, die dem altersbedingten Verfall auf natürliche Weise widerstehen. Seine Forschung hat mehrere Langlebigkeitsgene aufgedeckt, die Hundertjährige vor Krebs, Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes schützen. Indem sie den Alterungsprozess selbst aufhalten, hoffen Geroscience-Forscher wie Barzilai, sowohl die Gesundheitsspanne als auch die Lebenserwartung deutlich zu verlängern.
«Die Biologie des Alterns ist auch die Biologie, die Krankheiten antreibt», sagt Barzilai. Wenn wir das Altern also stoppen oder umkehren könnten, könnten wir gewissermassen auch Krankheiten stoppen. Altern, so seine These, ist der potente Verstärker, der Gene zu Krankheiten aufblühen lässt. «Es ist nicht so, dass man Diabetes bekommt und dann alt wird. Man wird alt, und dann bekommt man Diabetes», erklärt er.
Als deutlichstes Beispiel nennt er Alzheimer. Man kann das APOE4-Gen tragen, selbst in seiner risikoreichsten, homozygoten Form. «Wenn man geboren wird oder zehn oder fünfzig Jahre alt ist, hat man diese kognitive Beeinträchtigung nicht. Man braucht das Altern, um sie hervorzubringen. Bei anderen Krankheiten ist es genauso. Der grösste Risikofaktor für jede Krankheit ist das Altern.»
Dasselbe gelte für hohes Cholesterin, sagt er. «Cholesterin erhöht das Risiko eines Herzinfarkts um das Dreifache, Altern erhöht es um das Tausendfache. Übergewicht erhöht das Diabetesrisiko um das Fünffache, Altern um das 500-Fache.»
«Bei unserer Revolution geht es darum, die Gesundheit zu behandeln, um Krankheiten zu vermeiden, statt Krankheiten zu behandeln. Es geht ausschliesslich um Prävention», erklärt er.
Vier Wundermittel
Barzilai ist es wichtig zu betonen, dass das Feld bereits reale Erfolge vorzuweisen hat. Es gebe bereits vier von der FDA zugelassene Medikamente, die das Altern umkehren oder aufhalten, erläutert Barzilai – und interessanterweise handle es sich um bekannte Namen, von denen einige zuletzt Schlagzeilen gemacht hätten. Das prominenteste ist Ozempic. Zusammen mit Metformin, SGLT2-Hemmern und Bisphosphonaten zählt es heute zu den vielversprechendsten gerotherapeutischen Medikamenten.
Diese Medikamente wirken auf vier unterschiedliche Arten auf den Körper. Erstens machen sie Zellen messbar biologisch jünger. Zweitens verlängern sie in Tierstudien sowohl Lebens- als auch Gesundheitsspanne: alte Tiere leben länger – und besser. Drittens haben sie in klinischen Studien am Menschen Krankheiten verhindert, für die sie gar nicht entwickelt wurden. Und viertens senken sie die Gesamtmortalität.
Erfüllt ein Medikament alle vier Kriterien, erzählt Barzilai, wirkt es nicht nur gegen eine einzelne Erkrankung – es wirkt gegen das Altern selbst.
Der für die Praxis entscheidende Punkt: Diese Medikamente sind bereits zugelassen und als sicher eingestuft. Das bedeutet, Ärzte können sie legal für andere Zwecke verschreiben, eine Praxis, die als Off-Label-Verschreibung bekannt ist. Theoretisch könnte also schon heute jeder Arzt sie verschreiben.
Der Bau einer echten biologischen Uhr
Der nächste Schritt sei die Entwicklung einer echten, physischen biologischen Uhr. «Das grösste Hindernis ist, dass wir kein gutes Mass für unser biologisches Alter haben – so wie Cholesterin oder Blutzucker. Wir brauchen ein solches Mass. Wir brauchen einen Test, bei dem man in eine Klinik geht, der Arzt einen Test macht und sagt: ‹Sie sind zwei Jahre älter als Ihr biologisches Alter.› Er könnte sagen: ‹Treiben Sie Sport und nehmen Sie Metformin›, und nach vier Monaten kommen Sie zum zweiten Termin und sind zwei Jahre jünger.»
Ein solcher Test würde regelmässige Kontrollen ermöglichen, um Fortschritte beim Retro-Aging zu verfolgen – und damit weitere medizinische Durchbrüche ermöglichen.
Um dorthin zu gelangen, braucht es Investitionen. Das Argument für die Finanzierung lässt sich jedoch leichter vermitteln, als man denken könnte: Prävention ist nicht nur gute Medizin, sie ist auch gutes Geschäft. «Das Präventionsmodell ist lukrativ, weil man früher mit der Behandlung beginnen und sie länger fortführen muss», sagt Barzilai.















