Investor George Soros: «Meine Prognose für das Jahr 2009» Teil 2

Exklusiv bei finews.ch: Investorenlegende George Soros schreibt über seine Erwartungen im laufenden Jahr. Lesen Sie im 2. Teil seine Prognosen zum Dollar, zu den Zinsen und China.

Von George Soros

Der Dollar

Das Vorhaben, Geld in die Wirtschaft zu pumpen, wird in zwei Bereichen auf Schwierigkeiten stossen: bei den Devisenkursen und bei den Zinsen. In der derzeitigen Finanzkrise geriet der Dollar schon früh unter Druck, erlebte aber eine starke Erholung, als sich die Krise zuspitzte. Zu spät erkannte ich, dass die Stärke des Dollars in der zweiten Hälfte des Jahres 2008 nicht auf dem verstärkten Wunsch basierte, Dollars zu besitzen, sondern auf den zunehmenden Schwierigkeiten, Dollars zu leihen.

cover george sorosEuropäische und andere internationale Banken hatten viele auf Dollar lautende Vermögenswerte erworben, die sie bislang über Interbankengeschäfte finanziert hatten. Als der Markt einbrach, waren sie gezwungen, Dollars zu kaufen. Gleichzeitig besassen Peripherieländer viele auf Dollar lautende Verbindlichkeiten, die sie zurückzahlen mussten, als sie sie nicht umschulden konnten.

Russen kauften zu viele Euro

Russland und die osteuropäischen Länder am Rand der Eurozone waren stärker an den Euro gebunden. Aber als der russische Markt zusammenbrach, wirkte sich das dennoch in gleicher Weise auf den Dollar aus, weil die russische Zentralbank zu viele Euro gekauft hatte und diese verkaufen musste, um den Rubel zu stützen.

Der Trend kehrte sich Ende 2008 vorübergehend um, als die US-Notenbank die Zinssätze praktisch auf null senkte und die Politik des »Quantitative Easing« verfolgte. Der Euro erholte sich schlagartig, allerdings währte die Kurserholung nicht lange, da die Eurozone mit ihren eigenen internen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Die Unruhen in Griechenland lenkten den Blick auf die Not in den südeuropäischen Ländern – Spanien, Italien und Griechenland – und die Situation in Irland.

Für starke Devisenschwankungen ist weiter gesorgt

Die CDS-Raten für diese Länder stiegen, ihre Bonität wurde herabgestuft, und die Rendite für ihre Staatsanleihen entfernte sich alarmierend weit von der Deutschlands. Von Jahresbeginn 2009 an verlor der Euro an Wert und wurde darin vom britischen Pfund sogar noch überholt.

Dass Deutschland und die Europäische Zentralbank eine andere Sichtweise der globalen Wirtschaftskrise vertreten als der Rest der Welt, wird wahrscheinlich noch für starke Devisenkursschwankungen sorgen und einer Erholung im Weg stehen. Die Europäische Zentralbank arbeitet mit asymmetrischen Richtlinien: Sie ist verpflichtet, sich nur um die Aufrechterhaltung der Preisstabilität zu kümmern, nicht um Vollbeschäftigung.

Jedes Land muss für sich handeln

In Deutschland ist die Erinnerung an die galoppierende Inflation in der Weimarer Republik noch sehr lebendig, die als Vorbote der NS-Diktatur gesehen wird. Beide Faktoren sprechen gegen finanzpolitische Verantwortungslosigkeit und unbegrenzte Geldschöpfung. Das sollte den Euro als Krisenwährung begünstigen, doch die internen Spannungen Europas arbeiten in die entgegengesetzte Richtung.

Es gibt keinen europaweiten Mechanismus zum Schutz des Bankensystems. Das bedeutet, dass jedes Land für sich handeln muss, allerdings ist fraglich, ob alle Länder auch dazu in der Lage sind. Ist Irland ausreichend kreditwürdig? Kann die Europäische Zentralbank die griechischen Staatsschulden auch über gewisse Grenzen hinaus lombardieren? Das Fundament des Vertrages von Maastricht ist erschüttert, und selbst Grossbritannien und die Schweiz haben Probleme, ihre übermässig gewachsenen Banken zu schützen.

Sicherheit im Yen und im Gold

Während die nationalen Regulierungsbehörden versuchen, ihre eigenen Banken zu schützen, schaden sie möglicherweise den Bankensystemen anderer Länder. So sind beispielsweise österreichische und italienische Banken in Osteuropa hohen Risiken ausgesetzt. Die Royal Bank of Scotland, deren Hauptaktionär mittlerweile die britische Regierung ist, engagiert sich in erster Linie im Ausland; und ein erheblicher Anteil der Immobilien in Grossbritannien wurde über ausländische Banken finanziert. Letzten Endes werden sich die verschiedenen nationalen Behörden gegenseitig schützen müssen, doch erst eine gemeinsame Bedrohung wird sie dazu bringen.

Vermögende werden sich auf der Suche nach Sicherheit immer mehr Yen und Gold zuwenden, doch könnten sie – eher beim Yen als bei Gold – auf Widerstand seitens der Behörden stossen. Und es wird zu einem Tauziehen zwischen denjenigen kommen, die nach Sicherheit streben, und jenen, die ihre Reserven einsetzen müssen, um ihre Unternehmen zu retten. Bei all diesen widerstreitenden Kräften müssen wir uns auf starke Währungsschwankungen einstellen.

Zinssätze

Wie bereits erwähnt, führt der Weg aus der Deflationsfalle zunächst über eine Inflation und ihre anschliessende Eindämmung. Das ist eine komplizierte Operation, deren Erfolg bei weitem nicht garantiert ist. Sobald die wirtschaftliche Aktivität in den USA wiederauflebt, werden die Zinsen für Staatsanleihen in die Höhe schiessen; die Zinsertragskurve wird diese Entwicklung vermutlich bereits vorwegnehmen. So oder so wird ein Anstieg der langfristigen Zinssätze den Aufschwung wahrscheinlich abwürgen.

Die Aussicht auf die stark erhöhte Geldmenge, aus der sich eine Inflation entwickelt, wird wohl zu einer Periode der Stagflation führen. Das wäre jedoch ein Luxusproblem und durchaus wünschenswert, weil so eine längere Depression verhindert würde.

US-Auslandschulden schwellen weiter an

Die Vorstellung, dass die US-Wirtschaft in den kommenden zehn Jahren eine Wachstumsrate von drei Prozent oder mehr aufweist, fällt zwar schwer, dennoch ist diese Entwicklung möglich. Die Vereinigten Staaten haben bislang ein chronisches Leistungsbilanzdefizit produziert, das in Spitzenzeiten über sechs Prozent des BIP betrug. Das wird verschwinden, stattdessen werden die USA eine schwere Bürde an Auslandsschulden schultern müssen, die durch die Haushaltsdefizite der nächsten Jahre weiter anschwellen wird.

Der Anteil des Konsums am BIP muss sinken. Der Finanzdienstleistungssektor, der bisher das am schnellsten wachsende Wirtschaftssegment darstellte, wird schrumpfen. Leider haben wir es zudem mit einem ungünstigen demografischen Trend zu tun, da die geburtenstarken Jahrgänge zunehmend das Rentenalter erreichen. All das sind negative Einflüsse.

USA hinkt der Welt hinterher

Doch wir können auch positive Entwicklungen erwarten: eine gerechtere Einkommensverteilung, sowohl national als auch international. Bessere Sozialleistungen einschliesslich einer verbesserten Bildung. Eine konstruktive Energiepolitik mit umfangreichen Investitionen in alternative Energien und Energiesparmassnahmen. Geringere Militärausgaben. Ein schnelleres Wachstum in den Entwicklungsländern, das die Exportmärkte stärkt und bessere Investitionsmöglichkeiten eröffnet.

Doch selbst mit einer optimalen Politik wird das Binnenwachstum in den USA wahrscheinlich der globalen Wirtschaft hinterherhinken. Wenn ich zwischen den verschiedenen Formen wählen müsste, die eine Rezession annehmen kann, würde ich mich für ein umgekehrtes Wurzelzeichen entscheiden, bei dem der tiefste Punkt Ende 2009 erreicht wäre.

Lesen Sie auch, was George Soros über China denkt.

 

«Die Analyse der Finanzkrise... und was sie bedeutet - weltweit», George Soros, Seiten 144, ISBN 978-3-89879-500-5, Preis CHF 28.90, EUR 14.90, Erscheinungstermin: 13. Juli 2009, FinanzBuch Verlag, jetzt bestellen.

 

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden.

DAS BESTE IM WEB

Gute Stories und Links aus aller Welt

  • Morgan-Stanley-CEO macht Kasse mit Bankaktien
  • Trumps Kabinett der Milliardäre
  • London: Der Investmentbanker Europas
  • Der Sanierer soll ein Insider-Händler sein
  • RBS: Versagen auf der ganzen Linie
  • Streitpunkt neue Kapitalregeln
mehr

SELECTION

Selection

So empfängt die UBS künftig ihre besten Kunden

Die grösste Schweizer Bank gestaltet weltweit ihre Empfangsbereiche und Sitzungszimmer für die reiche Klientel neu.

Selection

Selection

Grauenvolle Arbeitstage eines Investmentbankers

Die erschreckende Chronik eines 24-Stunden-Tages.

Selection

NEWS GANZ KURZ

Bellevue

Der BB Healthcare Trust ist an der London Stock Exchange mit einem Volumen von 150 Millionen Pfund gelistet. Der erste Handelstag ist der 2. Dezember. Portfoliomanager des Trusts ist Bellevue Asset Management.

Die Ende Oktober angekündigte Lancierung der Beteiligungsgesellschaft BB Healthcare Trust plc an der London Stock Exchange wurde erfolgreich abgeschlossen. Im Rahmen eines Aktienplatzierungs-programms konnte in der Erstemission ein Platzierungsvolumen von GBP 150 Mio. realisiert werden. Der erste Handelstag im Premium Segment der Londoner Börse ist der 2. Dezember 2016 (ISIN: GB00BZCNLL95, Bloomberg-Ticker: BBH LN).

Acron

Die auf Immobilieninvestments spezialisierte Acron hat den Kauf des projektierten Sheraton Fisherman‘s Wharf Hotels im kalifornischen San Francisco abgeschlossen. Das gesamte Investitionsvolumen bewegt sich im mehrfachen, dreistelligen Millionenbereich und stellt damit das bisher grösste Einzelinvestment der Acron-Gruppe dar.

Raiffeisen

Die beiden Raiffeisenbanken Fulenbach-Murgenthal-Langenthal und Oberes Gäu-Aare haben sich für einen Zusammenschluss entschieden. Die neue Raiffeisenbank soll unter dem Namen «Raiffeisenbank Aare-Langete» auftreten.

Schroder

Schroder Real Estate hat drei Schweizer Geschäftsimmobilien für den kotierten Immoplus-Fonds erworben. Die Transaktion bringt das Fondsvermögen auf rund 1,5 Milliarden Franken. Das Portfolio hat Rockspring Investment Managers verkauft. Es handelt sich dabei um vollständig vom «Do it yourself»-Spezialisten Hornbach Baumarkt gemietete Liegenschaften.

Glarner Kantonalbank

Die Glarner Kantonalbank (GLKB) weitet die Laufzeiten ihrer angebotenen Hypotheken aus. In Filialen erworbene Hypotheken können neu eine Laufzeit von bis zu 15 Jahren haben, online erworbene eine solche von bis zu 20 Jahren. Käufer sollen somit länger von tiefen Zinsen profitieren können.

Zurich

Die Zurich Gruppe Deutschland hat den Altezza Bürokomplex in München erworben. Verkäufer des 2009 erbauten Bürogebäudes ist die Warburg-HIH Invest Real Estate. Über den Kaufpreis vereinbarten die Parteien Stillschweigen. Beraten wurde Zurich bei der Transaktion durch Luther Köln.

BEKB

Die BEKB Roggwil wird per 30. Juni 2017 in die Niederlassung Langenthal integriert. Die betroffenen Mitarbeitenden werden bei der BEKB weiterbeschäftigt. Die Integration erfolgt, weil sich das Kundenverhalten im Bankgeschäft stark verändert hat.

UBS

Mit Blick auf die Art Basel im amerikanischen Miami fasst die Schweizer Grossbank ihre erhebliche Kunstsammlung in einem neuen Bildband zusammen. Das Buch «UBS Art Collection: To Art its Freedom» wird an Januar 2017 erhältlich sein.

Vontobel AM

Die europäische Ratingagentur Feri EuroRating Services und die Verlagsgruppe Handelsblatt haben die Schweizer Bank Vontobel als besten Asset Manager für Rohstoffe in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet.

weitere News