Sind UBS und CS Übernahmekandidaten?

Chinesische Staatsbanken? Asiatische Staatsfonds? Gar Russland? Robert U. Vogler über die Möglichkeit, dass eine Schweizer Grossbank auf den Radarschirm noch grösserer Akteure geraten könnte.


Die Idee scheint für die Vertreter einer uneingeschränkt globalisierten Welt vielleicht abwegig. Dennoch muss man sich damit befassen; auch die Politik dieses Landes sollte dies tun.

Wer hätte sich noch vor wenigen Jahren das vorstellen können: Volvo Cars wird chinesisch, Rover Cars werden – wie auch Jaguar – indisch, IBM wird teilweise chinesisch (Lenovo) und etwas überspitzt gesagt: Die Rohstoffe von halb Afrika sind bereits unter chinesischer Kontrolle.

Oder noch anders gefragt: Legen etwa die Herrscher am Golf ihre Milliarden aus Angst vor unberechenbaren Volksaufständen wie in Tunesien und Ägypten künftig wieder lieber in solide Vorzeigeunternehmen in Europa an als im wenig demokratischen Asien an? Unmöglich?

Zur guten Erinnerung: Um eine solche Entwicklung abzuwehren, hatten die Schweizer Grossbanken Mitte der siebziger Jahre die vinkulierten Namensaktien eingeführt. Man kann sich jedenfalls schon jetzt vorstellen, dass keine Wellen ungebändigter Freude durch dieses Land rollen würden, sollten die Schweizer eines schönen Morgens das scheinbar Unmögliche auf allen Radiostationen vernehmen müssen.

Doch zuerst einige Fakten: Von den beiden Schweizer Grossbanken weiss man, dass sich das Aktionariat schon seit mehreren Jahrzehnten deutlich, seit einigen Jahren aber mehrheitlich in ausländischen Händen befindet. Zurzeit sind lediglich 22 Prozent der UBS-Aktionäre in der Schweiz domiziliert, nur etwas mehr als 16 Prozent aller Aktionäre sind natürliche Personen. Unter diesen Aspekten sind beide Institute damit keine Schweizer Unternehmen mehr.

Die sich oft fälschlicherweise als «Unternehmer» bezeichnenden obersten Angestellten – die Manager – stammen ohnehin in wechselnden Konstellationen zu einem grossen Teil ebenfalls aus dem Ausland, vorwiegend der angelsächsischen Finanzwelt – nicht immer ein Qualitätsmerkmal.

Was kostet eine Grossbank?

Was würden die Grossbanken jedoch kosten? Die Kapitalisierung der UBS liegt heute um die 66 Milliarden Franken (Credit Suisse rund 50 Milliarden) – und damit auf einem um erschreckende 100 Milliarden tieferen Niveau als die je höchst erreichte mit 168,5 Milliarden Franken am 1. Juni 2007; bei der Credit Suisse waren es 116 Milliarden Franken am 30. April 2007 – ein Klacks für eine staatlich kontrollierte chinesische Finanzinstitution. Allenfalls möglich wäre auch nur eine starke Minderheitsbeteiligung, die nicht zwingend zu einem Übernahmeangebot führen muss.

Und wie hoch muss man die Möglichkeiten einschätzen? Momentan dürfte sie noch relativ tief liegen, ist doch insbesondere die Bahnhofstrasse 45 noch längst nicht dort angelangt, wo sie sein möchte und sein sollte.

Neugeld als Gradmesser

Dies gilt auch für die Konkurrenz vom Paradeplatz. Die soeben vorgelegten Zahlen überzeugen noch gar nicht. Die Gefahr einer Übernahme wird aber dann akut, wenn die Turbulenzen eindeutig und sichtbar überwunden, die Hindernisse der vielen Rechtsstreitigkeiten mehrheitlich abgebaut sind, und das Amerika-Engagement geklärt ist, die organisatorischen Unklarheiten beseitigt und die Gewinne wieder nachhaltig solid sind und dann der Aktienkurs sich zwar erholt hat, aber noch nicht deutlich angestiegen ist.

Der wichtigste Gradmesser für die UBS ist aber ein anderer: Fliesst das Net New Money einmal wieder signifikant – leider zeigen die neusten Zahlen höchstens den berühmten Streifen am Horizont, mehr nicht – in das Institut an der Bahnhofstrasse, wäre das ein klares Zeichen wiederhergestellten Vertrauens aber gleichzeitig auch die Kulmination höchster Gefahr.

Mit grossem Tempo ins Ausland

Xiao Gang, Chairman der Bank of China, hielt gegen Ende 2010 fest, das Marktumfeld nach der Finanzkrise schaffe hervorragende Expansionsmöglichkeiten. Dies sei ein «unvermeidbarer Trend». Die Finanzinstitute, die von der Krise heimgesucht wurden, bräuchten noch mehr Zeit, um sich zu erholen, meinte er weiter. «Chinesische Banken, die dazu in der Lage sind, sollten mit grösserem Tempo ins Ausland gehen und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessern.»

Gegen Ende 2007 steckten etliche staatlich kontrollierte chinesische Unternehmen und Investoren viel Geld in westliche Finanzkonzerne wie ABN Amro, Fortis, Citigroup, Blackstone und Morgan Stanley – Investments allerdings, die bislang wenig Freude gemacht haben. Laut Xiao sollte eine neue, spätere Expansionswelle Übernahmen beinhalten, selbst wenn der Schwerpunkt weiter in organischem Wachstum liege, also in der Begleitung chinesischer Unternehmen in ausländische Märkte.

Expansionsstrategie schon vor Jahren formuliert

Guo Tiangyong vom Bankenlehrstuhl der Zentraluniversität für Finanzen und Ökonomie in Peking sagte seinerseits: «Der chinesische Bankensektor hat seine Strategie für die internationale Expansion vor Jahren formuliert, aber dieser Prozess wurde gebremst, als die Krise ausbrach. Die Expansion ins Ausland ist unvermeidlich.»

Spekulationen zu Übernahmen auch schweizerischer Unternehmen sind deshalb nicht einfach von der Hand zu weisen. Bei der UBS ist der Staatsfond von Singapur bereits seit 2008 ein wichtiger Aktionär. Im selben Jahr scheiterte zwar die China Development Bank beim Versuch, die Dresdner Bank zu übernehmen.

Reife Früchte

In der Folge hatte Peking die heimischen Institute angewiesen, sich nicht mit politisch heiklen Transaktionen in westliche Märkte zu drängen und sich stattdessen auf Schwellen- und Entwicklungsländer zu konzentrieren. Xiao folgt dieser Linie. Seiner Meinung nach sollten sich die Banken der Volksrepublik auf rasch wachsende Schwellenländer in Südostasien, Südamerika, Osteuropa und Afrika ausrichten, wo die «kulturelle Akzeptanz stärker ist» und die Banken Wettbewerbsvorteile ausspielen könnten.

Aber warum sollten die Wirtschaftsverantwortlichen Chinas ihre Strategien nicht kurzfristig ändern und in einem günstigen Zeitpunkt Übernahmen von wichtigen strategischen Unternehmen aus Industrieländern ins Auge fassen, wenn ihnen diese wie reife Früchte in den Schoss fallen können?

Westliche Bräute

Der Appetit kommt beim Essen! Mit Investitionen in Europa könnten sie ausserdem die Abhängigkeit von amerikanischen Staatsanleihen reduzieren. Ein erster Schritt in diese Richtung war möglicherweise die Ankündigung Chinas zum Kauf portugiesischer und spanischer Staatsanleihen in zweistelliger Milliardenhöhe. Nicht zu vernachlässigen ist auch der unvermeidliche Technologie-Transfer beim Einstieg in strategisch wichtige Industrien, der jeweils von der westlichen Braut als Morgengabe mitgegeben wird und positiv zu Buche schlägt.

Die Frage ist schlussendlich nicht das Können für eine Übernahme, sondern lediglich das Wollen. Wir alle aber wissen, dass in der heutigen Zeit auch solche Entscheidungen jederzeit und schnell getroffen werden, insbesondere wenn die nötigen Mittel dazu vorhanden sind.

Was heisst das für eine kleine, globalisierte Volkswirtschaft wie die der Schweiz? Erstens ist es ein grosser politischer und qualitativer Unterschied, ob Unternehmen grosser Länder und Volkswirtschaften von solchen kleineren Ländern übernommen werden oder umgekehrt. Denn wo die Entscheidungs- und Handlungshoheit und damit die Machtfrage liegt, dürfte keine Frage sein.

Wiederholt sich die Geschichte?

Zweitens soll damit dem Protektionismus nicht das Wort geredet werden, aber die Konsequenzen aus dem Transfer von Banken und Industrien in völlig andere Kulturkreise, dies in beiden Richtungen, birgt Risiken in sich, über welche man sich gewisse Gedanken machen sollte. Es sei erinnert, dass nur schon die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und Europa grosse Flops herausgebracht haben, denkt man an Daimler-Benz mit Chrysler, die Deutsche Post, ABB, Sulzer und viele andere mehr.

Jüngstes Beispiel könnte die angekündigte Fusion der NYSE Euronext und der Deutschen Börse werden. Vom Börsenwert her müsste die Deutsche Börse eindeutig das Sagen haben, denn ihre bisherigen Aktionäre sollen auch 60 Prozent der Aktien des neuen Konzerns erhalten. CEO wird jedoch ein Amerikaner.

Wer übernimmt hier wen?

An der Wall Street wird vor einer Übernahme durch die Deutschen gewarnt, in Frankfurt wiederum wird mit Sorge auf die Erfahrungen der Euronext geblickt, die binnen kurzer Zeit Teil eines eindeutig amerikanisch geführten Konzerns wurde, wo Börsenplätze wie Paris, Amsterdam und Brüssel ihre Unabhängigkeit verloren haben. Wer hier wen in Wirklichkeit übernimmt, werden wir später erfahren.

An dieser Stelle denkt man aber insbesondere auch an UBS und CS, welche über ihr gesamtes USA-Engagement von Jahrzehnten nie Geld verdient haben, auch nicht mit den zusammen rund 40 Milliarden Franken teuren Zukäufen von Paine Webber und Donaldson Lufkin & Jenrette (DLJ).

Es könnte gefährlich werden

Die Vermögensverwaltung der UBS in den USA ist bis heute erfolglos geblieben. Es kassieren die Kundenberater. Für die Bank und ihre Aktionäre fällt herzlich wenig ab. Im Investmentbanking sind die Volatilitäten hoch, und das Image wird durch die hohen Boni regelmässig stark getrübt. Transatlantische Übernahmen oder Fusionen sind selten zum Erfolg geworden. Warum sollten solche zwischen noch ferneren Kulturkreisen erfolgreich werden?

Fazit: für die Grossbanken, aber auch einige andere Industrien, könnte es eines nicht allzu fernen Tages gefährlich werden. Es ist allerdings zu hoffen, dass eine solche Prüfung dem Bundesrat und der Politik erspart bleibt. Sie aber nicht in Betracht zu ziehen, wäre allerdings blauäugig.

Ernster als die Wegzugs-Drohungen einiger Manager

Die Möglichkeit einer derartigen Entwicklung ist jedenfalls ernster zu nehmen als die Drohung von Top-Managern aus den Grossbanken, wegen der anstehenden Verschärfung durch den Swiss Finish bei der Ausgestaltung der Eigenmittel den Hauptsitz ins Ausland zu verlegen. Diese

Manager wie auch die Verwaltungsräte wären auf Grund der geschilderten Besitzverhältnisse wohl kaum mehr lange in ihren Positionen. Es wäre ebenfalls wie beim Szenario Übernahme das Ende der letzten zwei Schweizer Grossbanken. Die entscheidende Frage dazu lautet: wollen wir das?


Weitere Beiträge von Robert U. Vogler finden Sie unter diesem Link.

 

 

AUTOREN

Claude Baumann ist einer der Gründer von finews.ch. Er publiziert zudem regelmässig in der «Handelszeitung». Bekannt wurde er auch durch mehrere Fachbücher über die Finanzbranche.

Ralph Pöhner ist einer der Gründer von finews.ch. Er veröffentlicht sonst in «Die Zeit» und arbeitete zuvor unter anderem für AWP, «Facts» und die «Weltwoche».

Hans-Peter Bauer ist Präsident und CEO der Swiss Finance & Property AG in Zürich. Das Unternehmen ist spezialisiert auf alternative Anlagen im Bereich Immobilien und Hedge Funds.

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