Zürcher Techunternehmen wird zum Maschinenraum der Banken-KI

Für Banken beginnt die entscheidende Frage beim Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) oft lange vor der ersten Antwort eines Sprachmodells: Welche Informationen dürfen überhaupt eingegeben werden? Solange Kundendaten oder vertrauliche Geschäftsunterlagen ausgeschlossen bleiben, lässt sich ein Teil des Potenzials kaum erschliessen.

Genau dort sieht Carla Bünger, Mitgründerin und Vizepräsidentin von Phoeniqs, die Geschäftschance ihres Unternehmens. Dieses betreibt Cloud- und KI-Infrastruktur für Firmen mit hohen Anforderungen an Sicherheit und Datenkontrolle. Mit dem Aufkommen generativer KI habe sich die Nachfrage stark beschleunigt, sagt sie im Gespräch mit finews.

Sensible Daten bleiben vor Ort

Das Prinzip: Phoeniqs betreibt offen verfügbare Sprachmodelle auf eigener Infrastruktur in der Schweiz. Auch die Verarbeitung der Anfragen, das sogenannte Inferencing, erfolgt nach Angaben des Unternehmens im Inland. Kunden sollen damit KI auf vertrauliche Informationen anwenden können, ohne diese an einen ausländischen KI-Dienst zu übertragen.

Zur Auswahl stehen laut Bünger unterschiedliche Modelle, darunter das in der Schweiz entwickelte Apertus. Unternehmen können so je nach Aufgabe entscheiden, welches Modell sie einsetzen.

Dabei will Phoeniqs bestehende Cloud-Angebote ergänzen. Viele Kunden nutzten weiterhin die grossen internationalen Plattformen, erklärt Bünger. Besonders sensible oder strategisch wichtige Daten würden dagegen auf der Infrastruktur des Schweizer Anbieters verarbeitet.

Der nächste Engpass ist die Rechenleistung

Bünger erwartet, dass der Bedarf mit der nächsten Entwicklungsstufe der KI weiter steigt. Wenn digitale Agenten mehrstufige Aufgaben übernehmen und grössere Informationsmengen verarbeiten, wachsen auch die Anforderungen an die Infrastruktur.

Carla Buenger Rechner
Der Superrechner von Phoeniqs. (Bild: zVg)

Viele Banken hätten zunächst eigene Rechnerkapazitäten aufgebaut. Nach ihrer Einschätzung könnten solche Installationen in den kommenden zwölf bis achtzehn Monaten an Grenzen stossen. Für Phoeniqs eröffnet sich damit ein Markt für zusätzliche, extern bezogene Rechenleistung.

Das Unternehmen setzt dafür auf Hochleistungsrechner und ein selbst entwickeltes Betriebssystem. Im Juni nahm Phoeniqs am Innovationscampus Uptown Basel in Arlesheim einen kommerziellen KI-Supercomputer in Betrieb. Die Infrastruktur richtet sich unter anderem an Unternehmen und öffentliche Institutionen, die KI-Anwendungen unter Schweizer Rechtsordnung betreiben wollen. Das geht aus der Mitteilung zur Inbetriebnahme hervor.

Sunrise öffnet weiteren Zugang zu Geschäftskunden

Für die Vermarktung setzt Phoeniqs auf Partner. Eine zentrale Rolle spielt Sunrise: Der Telekomkonzern bringt den Zugang zu Geschäftskunden ein, Phoeniqs liefert die zugrunde liegende Infrastruktur.

Die beiden Unternehmen haben ihre strategische Partnerschaft bereits im Mai bekanntgegeben. Das Angebot soll Unternehmen den Einsatz von KI ermöglichen, deren Infrastruktur in der Schweiz entwickelt, gehostet und betrieben wird.

Für Phoeniqs bietet die Zusammenarbeit die Möglichkeit, mehr Kunden zu erreichen, ohne den Vertrieb vollständig selbst aufzubauen. Bünger sieht darin auch eine grundsätzliche Ausrichtung: Das Unternehmen arbeitet gezielt mit Partnern, die etablierte Marktverhältnisse verändern wollen.

Erste strukturierte Finanzierungsrunde

Nun soll auch die Finanzierung auf eine breitere Basis gestellt werden. Phoeniqs sei bisher überwiegend aus dem laufenden Geschäft gewachsen, sagt Bünger. Hinzu kamen einzelne Investoren. Eine klassische Abfolge von Finanzierungsrunden habe das Unternehmen jedoch nicht durchlaufen.

Das soll sich ändern. Laut Bünger arbeitet Phoeniqs mit zwei Investmentbanken an seiner ersten strukturierten Kapitalaufnahme. Ein Zielvolumen nennt sie im Gespräch nicht.

Die Finanzierung fällt in eine Phase, in der sie mit einer Konsolidierung unter europäischen Cloud- und KI-Infrastrukturanbietern rechnet. Entscheidend werde sein, wer die wachsenden technischen Anforderungen bewältigen und seine Kapazitäten wirtschaftlich ausbauen könne.

Souveränität lässt sich nicht einfach exportieren

Die Ambitionen reichen über die Schweiz hinaus. Phoeniqs hat nach Büngers Angaben eine Tochtergesellschaft in Spanien gegründet und plant weitere Wachstumsmöglichkeiten, insbesondere in Deutschland und im Nahen Osten.

Dabei lässt sich das Schweizer Angebot nicht unverändert exportieren. «Digitale Souveränität ist immer lokal», sagt Bünger. Wer deutschen Kunden eine entsprechend lokale Lösung anbieten wolle, müsse auch Infrastruktur in Deutschland aufbauen und den Verbleib der Daten dort gewährleisten.

Exportieren will Phoeniqs deshalb vor allem seine Technologie und sein Betriebsmodell. Die Rechenleistung soll dort entstehen, wo die jeweiligen Kunden sie benötigen.

Effizientere Modelle, mehr Nutzung

Eine sinkende Nachfrage durch effizientere Sprachmodelle sieht Bünger bisher nicht. Zwar benötigten neue Modelle für einzelne Aufgaben teilweise weniger Ressourcen. Gleichzeitig würden sie so nützlich, dass Kunden mehr Anwendungen damit umsetzten.

Für Phoeniqs steigt damit die Nutzung trotz technischer Effizienzgewinne. Büngers Wachstumswette beruht darauf, dass Banken und andere Unternehmen KI zunehmend in ihr Tagesgeschäft integrieren – und dafür Infrastruktur suchen, der sie auch ihre sensiblen Daten anvertrauen können.