Warum Asien für Anleger zum neuen Hoffnungsträger wird
Herr Tan, in Asien befinden sich einige der weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften und Vermögensmärkte. Wo sehen Sie derzeit die Chancen für internationale Investoren??
Das traditionelle 60/40-Portfolio – 60 Prozent Aktien und 40 Prozent festverzinsliche Anlagen – wird derzeit auf eine harte Probe gestellt. In den vergangenen Jahren haben wir insbesondere in den USA eine zunehmende Korrelation zwischen Aktien und Anleihen beobachtet. Vor diesem Hintergrund bietet Asien eine äusserst attraktive Möglichkeit, Portfolios tatsächlich breiter zu diversifizieren.
Ich behaupte keineswegs, dass das 60/40-Modell ausgedient hat. Institutionelle und private Investoren müssen sich jedoch intensiver mit den eigentlichen Renditetreibern ihrer Anlagen auseinandersetzen. Über die zyklischen Marktbewegungen hinaus wird das Wachstum Asiens von soliden strukturellen Faktoren getragen: einer jungen Bevölkerung, einer wachsenden Mittelschicht, expandierenden Unternehmen und einer zunehmend wohlhabenden und anspruchsvollen Unternehmerschaft.
«Wer erfolgreich in Asien investieren will, benötigt einen erfahrenen Partner vor Ort.»
Diese Dynamik zeigt sich auch in den Kapitalströmen. Im Jahr 2025 stiegen die in Hongkong grenzüberschreitend verwalteten Vermögen um 10,7 Prozent auf 2,9 Billionen Dollar. Damit etablierte sich Hongkong als weltweit führender Standort für grenzüberschreitendes Vermögensmanagement.
Darüber hinaus verfügt die Region über einen umfangreichen Markt für Privatmarktanlagen – darunter Private Credit, Private Equity und Infrastruktur. Diese Anlageklassen eröffnen internationalen Investoren Zugang zu attraktiven Renditequellen, die sich von traditionellen Märkten unterscheiden.

James Tan, Group Head of Investment Products and Advisory bei DBS Private Bank. (Bild: zVg)
Europäische Investoren sprechen häufig von Asien, als handle es sich um einen einzigen Markt. Das ist doch ein Fehler, oder?
Absolut. Asien ist eine ausserordentlich vielfältige und facettenreiche Region. Betrachten wir allein Nordasien: Taiwan nimmt eine Schlüsselrolle im globalen Halbleiter- und Technologieökosystem ein. Gleichzeitig unterscheiden sich die Märkte Chinas und Südkoreas erheblich davon.
Auch die regulatorischen Rahmenbedingungen und wirtschaftspolitischen Prioritäten variieren stark. Indonesien beispielsweise verfügt über spezifische Kapitalverkehrskontrollen und Devisenvorschriften, während Hongkong ein ausgesprochen offenes, international ausgerichtetes Finanzsystem bietet.
Wer erfolgreich in Asien investieren will, benötigt deshalb einen erfahrenen Partner vor Ort, der die lokalen Vorschriften, Marktstrukturen und rechtlichen Besonderheiten genau kennt.
Ohne diese lokale Expertise kann die Komplexität der Region zu erheblichen Hindernissen führen. DBS ist hervorragend positioniert, um internationalen Investoren als strategisches Tor zu den asiatischen Märkten zu dienen.
Was unterscheidet Sie von Ihren internationalen Mitbewerbern?
Eine starke lokale Präsenz ist entscheidend. Wir verfügen über spezialisierte Teams vor Ort, darunter Anlageexperten sowie Rechts- und Compliance-Spezialisten, die mit den regionalen Aufsichtsbehörden und Marktdynamiken bestens vertraut sind.
Diese lokale Infrastruktur wird durch die gruppenweiten Research- und Beratungskapazitäten ergänzt.
«Wir beobachten ein stark wachsendes Interesse an anspruchsvollen alternativen Anlagestrategien.»
Hinzu kommt unser integriertes «One Bank»-Modell, das Private Banking mit Corporate Banking, Investment Banking und Kapitalmarktexpertise verbindet.
Wenn unternehmerisch tätige Kunden ihren Standort in Singapur aufbauen, können wir sie bei ihrer Expansion entlang internationaler Handelsbeziehungen unterstützen, ihnen Zugang zu regionalen Wirtschaftskorridoren eröffnen und sie bei anspruchsvollen Kapitalmarkttransaktionen oder Börsengängen in Hongkong und Singapur begleiten.
Die umfassende Integration von Dienstleistungen ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil für DBS.
Welche strukturellen Anlagetrends werden Asien in den kommenden fünf bis zehn Jahren prägen?
Der wichtigste Trend ist die Notwendigkeit einer echten Portfoliodiversifikation.
Da die traditionelle Annahme, wonach Anleihen Aktienmarktschwankungen automatisch abfedern, zunehmend infrage gestellt wird, beobachten wir ein stark wachsendes Interesse an anspruchsvollen alternativen Anlagestrategien. Dazu gehören insbesondere volatilitätsarme Multi-Strategie-Hedgefonds.
Asien verfügt in diesem Bereich über hervorragende Vermögensverwalter. Dank unserer regionalen Präsenz können wir unseren Kunden Zugang zu exklusiven Strategien verschaffen, die für internationale Investoren ohne lokale Verankerung häufig nur schwer zugänglich sind.
Gleichzeitig bleiben künstliche Intelligenz und moderne Technologieinfrastruktur zentrale strukturelle Wachstumsthemen.
Während die führenden KI-Unternehmen an den US-Aktienmärkten bereits stark vertreten sind, erfordert der Zugang zu chinesischen und anderen asiatischen Technologieinnovationen fundierte Kenntnisse der lokalen Märkte.
«Singapur und Südostasien befinden sich geopolitisch in einer besonders vorteilhaften Position.»
Durch strategische Kooperationen – beispielsweise unseren Technologiefonds mit Granite Asia – ermöglichen wir unseren Kunden einen exklusiven Zugang zu den sich dynamisch entwickelnden Innovationsökosystemen Asiens.
Diese exklusiven Anlagemöglichkeiten mit unseren strategischen Partnern in Asien ergänzen wir durch unsere hauseigene Barbell-Strategie des Chief Investment Officer (CIO).
Seit ihrer Einführung erzielte diese Strategie eine Nettorendite von 78,6 Prozent beziehungsweise 9,0 Prozent auf annualisierter Basis. Damit übertraf sie mehr als 900 von Morningstar erfasste Anlagefonds um 33 Prozentpunkte.
Könnte Asien in einer zunehmend volatilen Welt zu einer Art neuem sicheren Hafen werden?
Singapur und Südostasien befinden sich geopolitisch in einer besonders vorteilhaften Position.
Singapur unterhält sowohl mit den Vereinigten Staaten als auch mit China stabile und ausgewogene Beziehungen. Dadurch nimmt der Stadtstaat eine vertrauenswürdige und neutrale Stellung ein.
Gleichzeitig verändert sich die traditionelle Vorstellung davon, was einen globalen sicheren Hafen ausmacht.
Vor zehn Jahren war die Reaktion auf Marktturbulenzen relativ einfach: Anleger investierten in US-Staatsanleihen. Heute ist die Situation deutlich komplexer.
Angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen haben wir Phasen beobachtet, in denen die Renditen von US-Staatsanleihen parallel zu steigenden Risiken zunahmen.
Das veranlasst anspruchsvolle Investoren, die bisherige Rolle amerikanischer Staatsanleihen als bevorzugten sicheren Hafen zu hinterfragen.
Anleger benötigen heute mehr Flexibilität. Chinesische Staatsanleihen beispielsweise haben sich in den vergangenen Jahren als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen und attraktive Renditen erzielt.
Die zentrale Erkenntnis lautet deshalb: Eine zeitgemässe Portfoliokonstruktion erfordert einen flexiblen, vielschichtigen Ansatz statt der Orientierung an einer einzigen traditionellen Annahme.
Welche Rolle spielen digitale Vermögenswerte in einem modernen Portfolio?
Wir betrachten digitale Vermögenswerte aus zwei Perspektiven.
Erstens können sie eine Quelle von Renditen darstellen, die nur gering mit traditionellen Anlageklassen korrelieren. Das ist insbesondere für Kunden interessant, die sich angesichts der Diskussionen über Kaufkraftverlust und Währungsabwertung mit einer stärkeren Diversifikation ihrer Anlagen beschäftigen.
Zweitens revolutioniert die zugrunde liegende Blockchain-Technologie die Tokenisierung von Vermögenswerten. Dadurch entstehen Effizienzgewinne und neue Liquiditätsmodelle, die im traditionellen Finanzsystem bisher nicht möglich waren.
«Die Tokenisierung modernisiert die gesamte Verwaltung und Abwicklung von Vermögenswerten grundlegend.»
Ein Beispiel dafür ist unser geplantes Angebot von tokenisiertem physischem Gold.
Dabei handelt es sich um eine Marktneuheit in Singapur. Anleger können digitale Token erwerben, die durch physisches Gold gedeckt sind. Das Gold wird von DBS sicher in einem eigens dafür vorgesehenen Tresor verwahrt.
Dank der Möglichkeit, auch Bruchteile zu erwerben, erhalten zudem mehr Kunden Zugang zu dieser wachsenden Anlageklasse.
Unsere führende Position in diesem Bereich wurde auch international anerkannt: Euromoney zeichnete DBS 2026 als World’s Best Bank for Digital Assets aus.
Mit unserer institutionellen Handelsplattform DDEx, deren Handelsvolumen 2025 um das Fünffache zunahm, und einer vollständig vom Internet getrennten Cold-Storage-Verwahrung bieten wir ein institutionelles Ökosystem, das digitale Innovation mit den hohen Governance-Standards des Private Banking verbindet.
Privatmarktanlagen sind für vermögende Kunden zu einem zentralen Thema geworden. Welche Rolle spielt Asien dabei?
Auch hier geht es letztlich um die Suche nach Renditequellen, die möglichst unabhängig von traditionellen Märkten sind.
Asiatische Privatmarktanlagen sind ein wichtiger Bestandteil wirklich diversifizierter und widerstandsfähiger Portfolios.
Private Credit ist dafür ein gutes Beispiel.
Während internationale Investoren angesichts der zunehmenden Konzentrationsrisiken im amerikanischen Direct-Lending-Markt vorsichtiger wurden, hat DBS asiatische Private-Credit-Anlagen gezielt vorangetrieben.
Vor Kurzem haben wir unsere strategische Partnerschaft mit Granite Asia erweitert. Dazu gehört nun auch Libra Hybrid, die führende panasiatische Private-Credit-Strategie des Unternehmens.
Für diese Strategie konnten wir bei unseren Private-Banking-Kunden rund 70 Millionen Dollar einsammeln.
Zwischen 2020 und 2025 hat sich unser Geschäft mit Privatmarktanlagen verfünffacht. Treiber dieser Entwicklung war insbesondere die wachsende Nachfrage sehr vermögender Kunden nach zusätzlichen Rendite- und Ertragsquellen ausserhalb der öffentlichen Kapitalmärkte.
James Tan ist Group Head of Investment Products and Advisory bei DBS Private Bank.














