Christian Gattiker: «Es nimmt Dimensionen an, die schwindelerregend sind»

Welche Rolle sollte der Staat in diesem Umfeld spielen?

Der Staat ist in der Not eingesprungen. Nun müsste er sich dort langsam zurückziehen, wo die private Investitionstätigkeit wieder trägt. Es braucht die staatliche Überbrückung nicht mehr im gleichen Umfang.

Die privaten Finanzen haben sich nach vielen Jahren des Sparens erholt. Damit bestehen die Voraussetzungen für einen neuen langfristigen Wachstumszyklus. In Washington scheint diese veränderte Ausgangslage noch nicht vollständig angekommen zu sein. In den Umfragen wird aber sichtbar, dass die Sorge um das Staatsdefizit für die Bevölkerung wieder ein relevanter Faktor ist.

Was bedeutet das für die Geldpolitik?

Der private Investitionsmotor reagiert wieder auf die Finanzierungskosten. Bei hohen Hypothekarzinsen ist beispielsweise der amerikanische Immobilienmarkt gebremst. Gehen diese Zinsen deutlich zurück, kann die private Nachfrage rasch wieder anspringen.

«Europa muss nicht einfach die nächste Meta oder Alphabet hervorbringen.»

Gleichzeitig konkurrieren Staat, KI, Rüstung und Infrastruktur um Kapital. Deshalb ist die Vorstellung zu einfach, die Zinsen müssten jetzt unmittelbar sehr tief sinken. Wir befinden uns in einem anderen Umfeld als in der Zeit, als die Notenbanken die Zinsen senkten und der Privatsektor trotzdem kaum reagierte.

Die USA geben bei der Technologie den Takt vor. Hat Europa den Anschluss verpasst?

Europa hat bei wichtigen technologischen Entwicklungen den Anschluss verpasst. Zugleich steht das bisherige Exportmodell unter Druck. Die günstige Rohstoffversorgung ist mit dem Krieg in der Ukraine weggebrochen. Zusätzlich belastet die chinesische Wirtschaftspolitik Europa: China versucht, über den Export aus seinen Schwierigkeiten herauszukommen.

Europa muss deshalb stärker zu sich selbst finden. Eine Volkswirtschaft mit rund 450 Millionen Menschen sollte grundsätzlich in der Lage sein, sich stärker selbst zu tragen. Entscheidend ist der Reformwille.

Was macht Sie zuversichtlich, dass sich diesmal etwas bewegt?

Der Druck ist gross. Darin liegt auch der Unterschied zur Eurokrise. Damals standen vor allem die Länder an der Peripherie im Zentrum. Heute befinden sich mit Deutschland und Frankreich die beiden treibenden Kräfte des europäischen Projekts in erheblichen Schwierigkeiten.

Daraus entsteht ein Reformfenster. Die geopolitischen Herausforderungen und die Investitionsbereitschaft können helfen, Veränderungen anzustossen. Dieses Fenster wird aber nicht unbegrenzt offen bleiben.

Wo liegen Europas Stärken?

Europa muss nicht einfach die nächste Meta oder Alphabet hervorbringen. Im industriellen Bereich verfügt es weiterhin über führende Produkte, etwa in der Luftfahrt. Auch in der Raumfahrt gibt es grosse Ambitionen.

Hinzu kommen die unvollendeten europäischen Projekte. Ein stärker integrierter Dienstleistungsmarkt oder Fortschritte bei der Bankenunion könnten viel bewegen. Es gibt eine Reihe von Hebeln, um das vorhandene Potenzial besser zu nutzen.

Braucht es dafür die Zustimmung aller EU-Staaten?

Nicht zwingend für jeden Schritt. Die Diskussion über ein Europa der zwei Geschwindigkeiten zeigt, dass sich die Integration auch mit einer Gruppe von Ländern schneller vorantreiben liesse.

Es gibt Möglichkeiten, institutionelle Blockaden zu überwinden. Entscheidend ist, ob Deutschland und Frankreich gemeinsam vorankommen.

Gerade über Deutschland wird ausgesprochen pessimistisch gesprochen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Die Wahrnehmung ist teilweise so negativ, dass man mit deutschen Kunden kaum mehr über Deutschland sprechen kann. Gleichzeitig zeichnen die Daten nicht durchgehend ein so schlechtes Bild. Der Reformstau ist zugegebenermassen gross.

Zyklisch würde ein tieferer Ölpreis beispielsweise wie eine Steuererleichterung für die europäische Wirtschaft wirken. Solche Entlastungen sollte man nicht unterschätzen. Die Frage ist, ob daraus eine nachhaltige Entwicklung entstehen kann.

Reichen die staatlichen Ausgabenprogramme dafür aus?

Es reicht nicht, einfach das Portemonnaie aufzumachen. Wenn man nur auf die staatlich finanzierten Impulse schaut, ist die Entwicklung nicht nachhaltig.

Es kann aber Zweit- und Drittrundeneffekte geben: Ein anfänglicher Impuls kann neue Technologien und Aktivitäten anstossen, auf denen weitere Entwicklungen aufbauen. Daraus kann eine selbsttragende Bewegung entstehen. Dafür braucht es jedoch zusätzlich Reformen. Im Moment ist noch nicht genug getan.

In Deutschland gibt es erste Anzeichen einer Belebung. Frankreich scheint davon noch weit entfernt. Wie beurteilen Sie die Lage?

Frankreich hat die tiefen Zinsen genutzt, um sich langfristig zu finanzieren. Das verschafft dem Land etwas Spielraum. Trotzdem ist es ein Tanz auf dem Vulkan, und die Zinsmärkte reagieren bereits ungeduldig.

Dahinter steht ein grundsätzliches Problem, das auch andere westliche Länder betrifft: Man hat Versprechen bei Sozialleistungen und der Altersvorsorge gemacht. Frankreich steht damit nicht allein da.

Die nächsten Präsidentschaftswahlen könnten neue Bewegung bringen und auch dem europäischen Projekt neue Möglichkeiten eröffnen. Entscheidend wird sein, ob Deutschland und Frankreich als dessen treibende Kräfte gemeinsam vorankommen.

Erwarten Sie auch Fortschritte bei einer gemeinsamen europäischen Finanzierung?

Ich glaube, dass die gemeinsame Schuldenaufnahme und eine zentrale Finanzierung langfristig an Bedeutung gewinnen werden. Manche Probleme lassen sich auf Dauer kaum anders auflösen.

Ein Eurobond ist politisch umstritten. Ich gehe trotzdem davon aus, dass er irgendwann kommen wird.

Welche Rolle können Technologie- und Verteidigungsinvestitionen spielen?

Ein Technologiefonds, wie ihn Mario Draghi fordert, kann etwas anstossen. Gerade die moderne Rüstungsindustrie bietet mit Technologien, die sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden können, entsprechende Möglichkeiten.

«Mit MiFID hat man privates Engagement eingeschränkt und beklagt sich nun über mangelnde Investitionsbereitschaft.»

In der gegenwärtigen Lage für Europa ist es richtig, dass der Staat als Akteur auftritt – ganz im Gegensatz zu den USA. Europas Politik muss antizyklisch handeln. Auf den Infrastruktur- und Verteidigungsimpuls müssen nun aber institutionelle Veränderungen folgen.

Europa verfügt über erhebliche Ersparnisse. Weshalb wird daraus zu wenig investiert?

Darin liegt eine gewisse Ironie. Mit MiFID und anderen Regulierungen hat man privates Engagement eingeschränkt und beklagt sich nun über die mangelnde Investitionsbereitschaft.

Es gibt einen grossen Sparpool. Dieses Kapital müsste stärker für Investitionen in Europa mobilisiert werden. Mit Reformen auf europäischer Ebene bestehen Möglichkeiten, das zu erleichtern. Mindestens sollte man verhindern, dass zusätzliche Regulierung die Lähmung weiter verstärkt.

Kommen wir zur Schweiz. Wie beurteilen Sie ihre Ausgangslage?

Die Schweiz verfolgt eine Nischenstrategie. Die Grenzen dieses Modells sind zuletzt deutlich geworden. Solche Schwierigkeiten sind allerdings nicht neu; die Schweiz hat sie immer wieder in anderer Form bewältigen müssen.

«Aus der Schweizer Nischenperspektive hat es sich immer wieder gelohnt, sich zu erneuern.»

Zunächst geht es darum, die politischen Eckpunkte mit dem grössten Partner, Europa, neu abzustecken. Das schlägt sich nicht unmittelbar in einer einzelnen Wachstumszahl nieder. Es kann aber im Hintergrund die Investitionsbereitschaft beeinflussen.

Wo sehen Sie die grössten wirtschaftlichen Herausforderungen?

Der starke Franken treibt einen harten Strukturwandel an. Inzwischen hat die Schweiz mit Pharma und Chemie ein starkes Gewicht auf wenigen Standbeinen. Das ist eine Herausforderung, falls dort etwas schiefläuft.

Aus der Schweizer Nischenperspektive hat es sich immer wieder gelohnt, sich zu erneuern. Sollte Europa seine Hausaufgaben machen und dadurch wirtschaftlich stärker werden, könnte das zudem beim Franken etwas Entlastung bringen und der Schweiz eine Verschnaufpause verschaffen.

Welche Perspektiven hat der Schweizer Finanzplatz?

Zunächst muss man die Lösung rund um die UBS abwarten. Sie ist ein so grosser Akteur, dass sich die Zukunft der Schweizer Finanzindustrie kaum ohne sie betrachten lässt.

Grundsätzlich besteht aber weiterhin eine starke Nachfrage nach Schweizer Finanzdienstleistungen sowie nach der Stabilität der Währung und des Finanzplatzes. Das ist eine gute Nachricht.

Gleichzeitig stellt sich auch für Banken die Frage, wie stark KI ihr Geschäft verändern wird. Diese technologische Unsicherheit betrifft die Branche weltweit.

Was würde eine Ablehnung der neuen Vereinbarungen mit der EU bedeuten?

Die unmittelbaren Folgen sind schwer abzuschätzen. Es handelt sich um tektonische Verschiebungen, die sehr langsam ablaufen und deren Auswirkungen sich nicht einfach beobachten lassen.

Viele Unternehmen dürften aber klare Verhältnisse schätzen. Man kann auch unter schwierigen Rahmenbedingungen investieren. Eine klare Richtung würde die Planung jedoch erleichtern.

Leidet auch die Schweiz unter einem Reformstau?

Ich empfinde das Schweizer politische System nicht als besonders festgefahren. Die Bevölkerung gibt über die direkte Demokratie stark vor, welche Themen angegangen werden müssen.

Europa, Migration oder der Dichtestress kommen über konkrete Vorlagen auf die politische Agenda. Dadurch entstehen immer wieder Anpassungen. Das System erlaubt Korrekturen, auch wenn der grosse Wurf schwierig bleibt. Wenn es gelingt, das Verhältnis zu Europa einigermassen zu regeln, ist bereits viel erreicht.

Bleibt die Anpassungsfähigkeit damit eine zentrale Stärke der Schweiz?

Ja. Allerdings erfolgt die Anpassung selten freiwillig. Die Schweiz verfügt wirtschaftlich nur über begrenzte Verhandlungsmacht und muss sich auf veränderte Bedingungen einstellen.

Das kann schmerzhaft sein. Ich habe als Kapitalgüteranalyst erlebt, wie auch sehr effiziente Unternehmen Arbeitsplätze und Aktivitäten ins Ausland verlagert haben. Im Rückblick erwiesen sich manche dieser Schritte als vorausschauend. Für die Betroffenen tun solche Veränderungen trotzdem weh.


Christian Gattiker ist globaler Leiter Research und Chefstratege Schweiz bei Julius Bär.