«Meine ersten Lektionen im Umgang mit Kunden lernte ich in der Bäckerei»


Francesco Andreazzi, Sie haben Ihre Karriere in Lugano begonnen und zuletzt in Zürich bei der Integration der Credit Suisse in die UBS mitgewirkt. Nun haben Sie am 1. November 2026 die Leitung der LGT-Niederlassung in Lugano übernommen. Was hat Sie zurück ins Tessin geführt?

Eigentlich war ich nie wirklich weg. Mein Herz ist immer im Tessin geblieben. Ich wurde im Norden des Kantons geboren, lebte in Bellinzona und habe mich später mit meiner Frau Lara in der Region Lugano niedergelassen. Hier habe ich auch meine berufliche Laufbahn aufgebaut.

Trotzdem hat es Sie zwischenzeitlich nach Singapur und Zürich gezogen.

Ich wollte meinen Horizont erweitern und unterschiedliche Führungsaufgaben übernehmen. Besonders die Integration der Credit Suisse in die UBS hat mich viel darüber gelehrt, wie man Veränderungen gestaltet und Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen zusammenführt. Aber für mich war immer klar, dass ich eines Tages wieder in meiner Heimatregion arbeiten möchte.

Warum haben Sie sich für LGT entschieden?

Weil ich eine Bank gefunden habe, die langfristig ins Tessin investieren will. Ich möchte dieses Geschäft gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden weiterentwickeln und dafür sorgen, dass unsere Kunden Zugang zur richtigen Expertise innerhalb der Gruppe erhalten.

«Ein guter Banker im Tessin muss sowohl die Täler als auch den Finanzplatz verstehen.»

Sie kennen den Finanzplatz Lugano seit mehr als 20 Jahren. Wie hat er sich verändert?

Technologie, Regulierung und die zunehmend internationalen Bedürfnisse der Kunden haben unser Geschäft grundlegend verändert. Aber eine Erkenntnis aus meinen Anfangsjahren gilt unverändert.

Welche?

Ein früherer Vorgesetzter, der später zu meinem Mentor und Freund wurde, sagte mir einmal: Ein guter Banker im Tessin muss sowohl die Täler als auch den Finanzplatz verstehen. Er muss mit Unternehmern, Handwerkern und Familien gleichermassen umgehen können und Fremdsprachen sprechen, ohne den eigenen Dialekt zu vergessen.

Was bedeutet das heute?

Das Tessin ist eine eng verbundene Gemeinschaft, in der Vertrauen, persönliche Beziehungen und Verlässlichkeit einen hohen Stellenwert haben. Seine Stärke liegt darin, diese Nähe mit internationaler Finanzkompetenz zu verbinden. Der Finanzplatz muss sich weiterentwickeln, ohne seine Identität zu verlieren.

Der Wettbewerb unter Banken und Vermögensverwaltern in Lugano ist intensiv. Wie kann sich LGT differenzieren?

Banking ist komplex. Aber die Grundsätze eines guten Kundenservice sind einfacher, als wir Banker manchmal glauben.

Was meinen Sie damit?

Meine ersten Lektionen im Umgang mit Kunden habe ich als Junge in der Bäckerei meines Vaters im Bleniotal gelernt. Die Menschen kamen wegen der Qualität der Produkte. Aber sie kamen auch wegen eines Lächelns, eines vertrauten Gesichts und der Gelegenheit für ein persönliches Gespräch zurück.

Was lässt sich davon auf das Private Banking übertragen?

Qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen sind selbstverständlich wichtig. Den Unterschied machen jedoch die Menschen und ihre Werte. Für mich stehen drei Eigenschaften im Vordergrund: Respekt, Integrität und Mut.

«Gute Beratung bedeutet auch, schwierige Fragen zu stellen und einem Kunden gegebenenfalls zu widersprechen.»

Warum gerade Mut?

Weil gute Beratung auch bedeutet, schwierige Fragen zu stellen und einem Kunden gegebenenfalls zu widersprechen. Integrität heisst, ehrlich zu beraten. Und Respekt bedeutet, sich Zeit zu nehmen und wirklich zuzuhören.

LGT befindet sich im Besitz der Fürstenfamilie von Liechtenstein. Ist das im Wettbewerb tatsächlich ein Vorteil?

Die Eigentümerstruktur gibt uns Stabilität und erlaubt uns, in Generationen zu denken. Wir wollen Kundenbeziehungen nicht an kurzfristigen kommerziellen Zielen oder internen Reorganisationen ausrichten, sondern an den Bedürfnissen unserer Kunden.

Gleichzeitig verändert künstliche Intelligenz die Kundenberatung. Wie wichtig bleibt der persönliche Kontakt?

Technologie kann viele Dienstleistungen einfacher und schneller machen. Sie soll persönliche Beziehungen aber unterstützen und nicht ersetzen. Kunden müssen ihren Berater direkt erreichen können. Sie erwarten jemanden, der ihre Situation kennt, sich an frühere Gespräche erinnert und ihre langfristigen Ziele versteht.

Sie haben viel Erfahrung mit Unternehmerfamilien. Wann sollte eine Bank für diese relevant werden: beim Unternehmensverkauf, bei der Nachfolge oder schon früher?

Viel früher. Ich stamme selbst aus einer Unternehmerfamilie und weiss, wie eng geschäftliche und familiäre Fragen miteinander verbunden sein können. Ein Unternehmensverkauf oder eine Nachfolgeregelung ist nicht nur eine finanzielle Angelegenheit. Es geht auch um Identität, Emotionen und unterschiedliche Erwartungen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir einen Unternehmer, der seinen Betrieb an die nächste Generation übergeben möchte. Hat er mit seinen Kindern darüber gesprochen? Wollen diese das Unternehmen überhaupt übernehmen? Und was bedeutet eine andere Entscheidung für den Betrieb und die finanzielle Sicherheit der Eltern?

Welche Rolle sollte die Bank dabei übernehmen?

Ein guter Berater stellt solche Fragen frühzeitig. Er muss mögliche Probleme antizipieren, neue Perspektiven eröffnen und bei Bedarf Spezialisten hinzuziehen. Dabei geht es auch um die Zusammenarbeit mit den bestehenden Vertrauenspersonen einer Familie.

Manchmal ist der wertvollste Beitrag eines Beraters eine Frage, die sich der Kunde bisher noch gar nicht gestellt hat.

Das bedeutet auch, den Kundenberatern die nötige Kontinuität zu ermöglichen, damit sie ihre Kunden bei der Entwicklung ihres Vermögens langfristig begleiten können – bis in die nächste Generation.

Welche Prioritäten setzen Sie als neuer Niederlassungsleiter von LGT in Lugano?

Zunächst wollen wir LGT im gesamten Tessin bekannter machen. In Gesprächen mit Freunden und Bekannten über meine neue Aufgabe habe ich festgestellt, dass vielen Menschen gar nicht bewusst ist, was wir ihnen anbieten können.

«Der wichtigste Massstab sind für mich Kunden, die uns langfristig vertrauen.»

Wo sehen Sie konkret Potenzial?

Wir verfügen über die Expertise, um komplexe internationale Vermögensfragen zu lösen. Gleichzeitig wollen wir für vermögende Privatkunden, Unternehmer und Familien im Tessin eine Bank sein, die sie in ihren unterschiedlichen finanziellen Bedürfnissen begleitet.

Was bedeutet das für das Angebot?

Neben Anlagen und Vermögensplanung gehören dazu beispielsweise auch Immobilienfinanzierungen, alltägliche Bankgeschäfte und eine moderne E-Banking-Plattform. Entscheidend ist, dass Kunden ihre persönlichen und familiären Bankbedürfnisse bei einem Institut bündeln können, das ihre gesamte Situation versteht.

Woran werden Sie Ihren Erfolg in Lugano messen?

Ich bin ein pragmatischer Mensch. Der wichtigste Massstab sind für mich Kunden, die uns langfristig vertrauen und uns ihren Freunden und Bekannten weiterempfehlen.

Das klingt nach einer recht einfachen Zielsetzung.

Einfach formuliert, aber anspruchsvoll in der Umsetzung. Ich möchte, dass sich jeder Kunde bei uns willkommen fühlt und ein Beratungsgespräch mit einem noch besseren Gefühl verlässt: weil er verstanden wurde, mehr Klarheit über seine Möglichkeiten gewonnen hat und weiss, dass er sich auf uns verlassen kann.

Dafür braucht es das gesamte Team – vom Empfang über die Kundenbetreuung bis zu unseren Spezialisten. Letztlich sind es immer die Menschen, die den Unterschied machen.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müssen wir in unsere Mitarbeitenden investieren und ihnen das nötige Fachwissen sowie die erforderlichen Instrumente zur Verfügung stellen.


Francesco Andreazzi ist Direktor und Leiter der Region Tessin bei der LGT Bank (Schweiz). Der gebürtige Tessiner begann seine Bankkarriere 2004 in Lugano und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Vermögensverwaltung.

Während mehr als eines Jahrzehnts leitete er Front-Office-Teams im Tessin. Zunächst betreute er bei der UBS vermögende Schweizer Privatkunden, bevor er bei der Credit Suisse die Leitung des Wealth-Management-Geschäfts im Südtessin übernahm. Später wurde sein Verantwortungsbereich auf die Kundensegmente Entrepreneurs & Executives sowie Premium Clients im gesamten Kanton ausgeweitet.

Zuletzt war Andreazzi in Zürich bei der UBS als Front Office Integration Lead tätig. In dieser Funktion begleitete er die Integration des Schweizer Wealth-Management-Geschäfts der Credit Suisse in die UBS.