Anthropic peilt IPO-Rekord von über zwei Billionen Dollar an
Die Dimensionen verschieben sich bei Anthropic derzeit fast im Monatsrhythmus. Im Februar sammelte das KI-Unternehmen 30 Milliarden Dollar zu einer Bewertung von 380 Milliarden Dollar ein. Ende Mai folgte eine weitere Finanzierungsrunde über 65 Milliarden Dollar, welche die Bewertung bereits auf 965 Milliarden Dollar katapultierte. Damals meldete Anthropic zugleich einen annualisierten Umsatz von mehr als 47 Milliarden Dollar.
Die Finanzierungsrunde im Mai wurde von Altimeter Capital, Dragoneer, Greenoaks und Sequoia Capital angeführt. Die Eigentümerstruktur von Anthropic ist nicht öffentlich. Bekannt sind allerdings prominente Beteiligte wie Alphabet, Amazon, Microsoft und Nvidia. Die Stimmrechte liegen gesondert bei einer Stiftung, dem Long‑Term Benefit Trust, der die Mehrheit von sieben Verwaltungsräten bestellt, darunter seit April auch Vas Narasimhan, CEO von Novartis.
Jetzt steht der nächste Sprung bevor. Anthropic könnte bei seinem geplanten Börsengang mit mehr als zwei Billionen Dollar bewertet werden, wie aus einem von Reuters eingesehenen Börsenprospekt hervorgeht. Damit würde sich die Bewertung gegenüber der Finanzierungsrunde im Mai innerhalb weniger Monate nochmals mehr als verdoppeln.
Acht Milliarden operativer Verlust
Die Zahlen im Prospekt zeigen, wie rasant Anthropic gewachsen ist – und wie teuer dieses Wachstum erkauft wurde. Der Umsatz vervielfachte sich 2025 auf rund 4,6 Milliarden Dollar. Gleichzeitig resultierte ein operativer Verlust von gut acht Milliarden Dollar, dies nach knapp drei Milliarden Dollar im Vorjahr.
Unter dem Strich belief sich der Nettoverlust sogar auf fast 42 Milliarden Dollar. Davon entfielen allerdings rund 34 Milliarden Dollar auf einen nicht liquiditätswirksamen Buchhaltungseffekt im Zusammenhang mit der Neubewertung von Finanzierungsinstrumenten. Das operative Defizit zeigt jedoch, dass die Entwicklung und der Betrieb leistungsfähiger KI-Modelle weiterhin enorme Summen verschlingen.
Rechenleistung wird zum entscheidenden Kostenfaktor
Allein für Rechenleistung und Infrastruktur gab Anthropic 2025 7,33 Milliarden Dollar aus – rund dreimal so viel wie im Vorjahr. Noch eindrücklicher sind die längerfristigen Verpflichtungen: Laut den im Prospekt veröffentlichten Angaben hat sich Anthropic zu insgesamt 518 Milliarden Dollar für Cloud-, Computing- und Infrastrukturleistungen verpflichtet.
Reuters berichtete bereits im August, dass Anthropic für 2028 einen Jahresumsatz von rund 190 bis 200 Milliarden Dollar anpeilt. Ende 2025 lag der annualisierte Umsatz noch bei rund neun Milliarden Dollar, im Mai bereits bei mehr als 47 Milliarden Dollar. Für das zweite Quartal 2026 hatte das Unternehmen mindestens 10,9 Milliarden Dollar Umsatz und erstmals einen operativen Quartalsgewinn von 559 Millionen Dollar prognostiziert.
Claude Code als Wachstumsmotor
Hinter dem steilen Anstieg steht insbesondere Anthropics starke Position bei Unternehmenskunden und Softwareentwicklern. Anders als OpenAI mit seinem stark auf Konsumenten ausgerichteten ChatGPT hat sich Anthropic mit Claude und insbesondere Claude Code früh im Geschäftskundenmarkt positioniert.
Bereits im Mai hatte das Unternehmen erklärt, dass die Nachfrage von Unternehmen und Entwicklern das starke Wachstum antreibe. Die neuen Zahlen machen allerdings auch eine Schwachstelle sichtbar: Laut Börsenprospekt entfiel 2025 fast ein Viertel des Umsatzes auf lediglich zwei Kunden: Amazon und Google. Die beiden Tech-Konzerne sind zugleich Grossinvestoren und Cloud-Lieferanten des Unternehmens. Zudem verfügen zahlreiche Kunden offenbar nicht über langfristige Verträge.
IPO wohl im November
Anthropic hatte Anfang Juni vertraulich einen Entwurf für die Börsenregistrierung bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Damals waren weder die Zahl der angebotenen Aktien noch der Ausgabepreis festgelegt.
Ein konkreter Zeitplan ist nicht öffentlich. Der Börsengang, der laut Reuters nach den US-Zwischenwahlen im November stattfinden dürfte, dürfte den Appetit der Anleger auf hoch bewertete KI-Aktien testen. Er folgt auf den erfolgreichen Börsengang von SpaceX, das mit 1,77 Billionen Dollar bewertet wurde.
Eigene Forscher warnen
Die jüngsten Pläne kommen zu einer Zeit, in der Anthropic mit Erkenntnissen aus der eigenen Forschung konfrontiert ist, denen zufolge zunehmend autonome KI-Modelle sich auf unerwartete und potenziell schädliche Weise verhalten können. Anthropic-Chef Dario Amodei hat die KI-Gemeinschaft aufgefordert, das Tempo bei der Veröffentlichung neuer Fähigkeiten zu drosseln. Dennoch brachte Anthropic vergangene Woche sein neues Modell Opus 5.5 auf den Markt, um mit dem Konkurrenten OpenAI und dessen GPT-6 Astra Schritt zu halten.
OpenAI hat IPO verschoben
OpenAI wollte ursprünglich «schneller» an die Börse, doch die Firma hinter ChatGPT verschiebt sein IPO. Chef Sam Altman verwies dabei auf die aktuelle Debatte um die Gefahren hochentwickelter Künstlicher Intelligenz (KI). «Man wäre schlecht beraten, genau jetzt an die Börse zu gehen», sagte der OpenAI-Chef in einem Interview. «Ich würde sagen, nicht 2026. Wir haben noch viel zu tun.»















