IWF warnt vor gefährlicher Mischung aus KI-Boom und Schuldenkrise

Die Weltwirtschaft zeigt sich trotz geopolitischer Spannungen, steigender Energiepreise und hoher Staatsschulden erstaunlich widerstandsfähig. «Diese Widerstandsfähigkeit bedeutet aber nicht unbedingt Sicherheit», sagte Athanasios Vamvakidis, Vizedirektor der Abteilung für Geld- und Kapitalmärkte des IWF, bei der Vorstellung des jüngsten Global Financial Stability Report.  

Denn hinter der robusten Entwicklung bauten sich erhebliche Risiken für die Finanzmärkte auf. An seiner Jahrestagung in Bangkok warnt der Internationale Währungsfonds vor einer gefährlichen Kombination aus steigenden Anleiherenditen, hoher Verschuldung und dem zunehmend kreditfinanzierten Boom rund um künstliche Intelligenz.

Besonders problematisch: Ein Rückschlag bei den KI-Investitionen könnte nicht nur Technologieaktien treffen, sondern über die Anleihemärkte auch Banken und andere Finanzinstitute unter Druck setzen.

Tech-Konzerne verschulden sich massiv

Der Aufbau neuer Rechenzentren und KI-Infrastrukturen verschlingt enorme Summen. Während die grossen Technologiekonzerne ihre Investitionen bisher weitgehend aus eigenen Mitteln finanzieren konnten, greifen sie inzwischen verstärkt auf die Kapitalmärkte zurück.

Nach Berechnungen des IWF entfallen 2026 fast zehn Prozent aller weltweit neu ausgegebenen Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating auf lediglich fünf Unternehmen: Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle. Im Jahr 2024 hatte ihr Anteil erst 0,5 Prozent betragen.

Die Zinskosten der Technologiekonzerne haben sich entsprechend erhöht. Im zweiten Quartal beliefen sie sich zusammen auf nahezu sechs Milliarden Dollar und lagen damit mehr als doppelt so hoch wie ein Jahr zuvor.

Damit konkurrieren die Konzerne zunehmend mit Staaten um dasselbe Kapital. Die steigende Nachfrage nach Finanzierungsmitteln könnte die Renditen an den Anleihemärkten zusätzlich nach oben treiben.

1,4 Billionen Dollar an gegenseitigen Verpflichtungen

Besonders kritisch beurteilt der IWF die finanziellen Verflechtungen innerhalb der KI-Branche. Seit 2023 identifizierten die Experten 14 grosse Transaktionen, bei denen Unternehmen gleichzeitig als Investoren, Kreditgeber, Lieferanten und Kunden auftreten. Diese Vereinbarungen umfassen Eigenkapitalinvestitionen von rund 300 Milliarden Dollar sowie Fremdkapital von 650 Milliarden Dollar.

Im Gegenzug verpflichteten sich die finanzierten Unternehmen, künftig Cloud-Dienstleistungen oder KI-Chips im Wert von insgesamt 1,4 Billionen Dollar abzunehmen.

Ein Beispiel für solche Strukturen sind Investitionen von Chipherstellern in Betreiber von Rechenzentren, die mit dem erhaltenen Kapital wiederum Chips der Investoren kaufen. Das Problem: Die Finanzierungen und künftigen Umsätze konzentrieren sich auf wenige Unternehmen. Gerät einer dieser Akteure in Schwierigkeiten, könnte dies eine Kettenreaktion auslösen.

IWF-Ökonom Jason Wu warnt vor einem dreifachen Risiko: Die Beteiligungen verlieren an Wert, Kredite lassen sich möglicherweise nicht mehr bedienen und die erwarteten Umsätze bleiben aus.

«Schwächere KI-Investitionen oder eine geringere Rentabilität könnten ein Schock sein, der eine Marktkorrektur auslöst», warnt der IWF.

Neuverschuldung steigt erneut

Parallel dazu verschärft sich die Lage an den Anleihemärkten. Die Renditen langfristiger Staatsanleihen sind in zahlreichen Industrieländern deutlich gestiegen. Der Anstieg der Staatsanleiherenditen sei «klar» die grösste Veränderung im Risikobild seit April, sagte Athanasios Vamvakidis gegenüber Bloomberg. Neben den hohen Haushaltsdefiziten sorgen die Energiepreisentwicklung und steigende Inflationserwartungen für zusätzlichen Druck.

Der IWF erwartet, dass die Nettoneuverschuldung der Industrieländer 2026 auf 5,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigt. Das wäre der höchste Stand seit 2021.

Besonders ausgeprägt sind die Defizite in den USA. Dort dürfte die gesamtstaatliche Nettoneuverschuldung laut IWF 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen, nach 7,1 Prozent im Vorjahr. Die weltweite Staatsverschuldung lag bereits 2025 bei knapp 94 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Wie deutlich die Anleger inzwischen zwischen verschiedenen staatlichen Schuldnern unterscheiden, zeigt sich in Europa. Der Renditeaufschlag zehnjähriger französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen ist zuletzt auf mehr als 140 Basispunkte gestiegen. Hintergrund sind die hohe französische Staatsverschuldung, anhaltende Haushaltsdefizite und politische Unsicherheit.

IWF-Stresstest: Banken benötigen 68 Milliarden Dollar

Welche Folgen ein gleichzeitiger Einbruch der KI-Bewertungen und ein weiterer Zinsanstieg haben könnten, zeigt ein Stresstest des IWF mit 665 Banken aus 29 Ländern. Im simulierten Krisenszenario verlieren Aktien über drei Jahre mehr als ein Viertel ihres Wertes. Gleichzeitig steigen die Renditen langfristiger Anleihen um drei Prozentpunkte, während sich Öl und andere Rohstoffe um mehr als 50 Prozent verteuern.

Das globale Bankensystem bliebe unter diesen Annahmen insgesamt ausreichend kapitalisiert. Allerdings würden Institute, die zusammen 22 Prozent der weltweiten Bankbilanzsumme repräsentieren, unter eine harte Kernkapitalquote von sieben Prozent fallen. Im Vorjahrestest hatte diese Quote noch bei 18 Prozent gelegen.

Noch gravierender: Banken mit zusammen sieben Prozent der weltweiten Bilanzsumme würden sogar die regulatorische Mindestquote von 4,5 Prozent unterschreiten.

Diese Institute benötigten nach den Berechnungen des IWF insgesamt 68 Milliarden Dollar zusätzliches Eigenkapital. Besonders stark betroffen wären Banken in Asien, gefolgt von europäischen Instituten. Dabei handelt es sich ausdrücklich um ein hypothetisches Krisenszenario und nicht um eine Prognose.

Cyberangriffe als zusätzliche Gefahr

Neben den finanziellen Risiken sieht der IWF auch eine zunehmende Bedrohung durch Cyberangriffe. In mehr als 70 Prozent der gemeldeten Fälle hatten Softwareanbieter 2026 praktisch keine Zeit, eine Sicherheitslücke zu schliessen, bevor Angreifer sie ausnutzten, vor fünf Jahren waren es gemäss IWF noch nahezu 300 Tage gewesen.

Ein schwerer Angriff auf eine grosse Bank, einen Zahlungsdienstleister oder einen Cloud-Anbieter könnte deshalb weitreichende Folgen haben. Gerade die zunehmende Vernetzung des Finanzsystems verstärke die Gefahr, dass sich Störungen auf zahlreiche Institute übertragen.

Weltwirtschaft wächst dennoch weiter

Trotz der Warnungen rechnet der IWF nicht mit einem unmittelbaren Einbruch der Weltwirtschaft. Zu den wichtigen Stützen gehörten weiterhin die milliardenschweren Investitionen in künstliche Intelligenz, heisst es dazu.

Für 2026 haben die Volkswirte ihre globale Wachstumsprognose leicht auf 3,1 Prozent angehoben. Im kommenden Jahr erwartet der IWF nun sogar ein Plus von 3,4 Prozent.

Die USA dürften in beiden Jahren um 2,3 Prozent wachsen. Für die Eurozone prognostiziert der IWF 1,1 Prozent im laufenden und 1,2 Prozent im kommenden Jahr. Deutschland erhält eine deutlich bessere Prognose: Statt bisher 0,7 Prozent erwartet der Fonds für 2026 nun ein Wachstum von 1,3 Prozent, ein Jahr später sollen es 1,1 Prozent sein.

Für die Schweiz rechnet der IW mit einem realen Wachstum von 1,9 Prozent im laufenden Jahr und nur noch 1,2 Prozent 2027.