«We Remain Strangers»: Maurice Haas bringt Weltstars ins Mandarin Oriental
Sechs Porträts. Drei Frauen, drei Männer. Allesamt international bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler mit einer Präsenz, die Maurice Haas als einnehmend, ausdrucksstark und dominant beschreibt. Bis Ende Dezember sind die sechs Arbeiten im Mandarin Oriental Savoy am Zürcher Paradeplatz zu sehen. Die Entscheidung für drei Frauen und drei Männer traf Haas bewusst. Es sollte sich für ihn harmonisch und richtig anfühlen.
Das Stille hinter den grossen Namen
Beim Betrachten seiner Bilder rückt die Berühmtheit der Porträtierten eher in den Hintergrund. Die Porträts besitzen etwas Stilles, manchmal Melancholisches. Sie wirken vielschichtig und strahlen gleichzeitig etwas erstaunlich Echtes aus, das sich schwer in Worte fassen lässt.
So ähnlich fühlt sich auch die Begegnung mit dem Fotografen selbst an. Der gebürtige Churer spricht offen, denkt nach, sucht nach Worten und korrigiert seine Gedanken manchmal noch während er sie ausspricht.

Sean Penn (links) und James McAvoy – letzterer eingehüllt in einen Teppich von Haas und fotografiert auf der Treppe des Mandarin Oriental Savoy. (Bild: zVg)
Nervosität ist immer da
Vieles, was Haas über Fotografie erzählt, dreht sich eigentlich um Menschen. Um Nähe. Um Unsicherheit. Und darum, dass nicht alles kontrollierbar sein muss. Routine? An die glaubt er nicht. «Ich werde immer nervös vor Shootings, egal wer es ist», sagt Haas. Jede Person sei anders. Deshalb versuche er, möglichst unvoreingenommen hineinzugehen.
Roger Federer etwa kam für ein Werbeshooting in ein grosses Fotostudio. Rund 15 Menschen standen herum, der Aufwand war gross. «Da war für mich klar: Jetzt kommt Roger Federer.»
Der Mann mit dem Spazierstock
Anders war es bei John Malkovich. Der weltbekannte Schauspieler stand plötzlich allein mit seinem Spazierstock vor ihm und fragte: «Are you my photographer for the filmfestival?» Haas war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig bereit. «Yes, I think I am», habe er geantwortet. Malkovich habe eine enorme Ruhe ausgestrahlt. «Es war fast schon intim», beschreibt Haas.
«Lieber habe ich flattrige Knie»
An solche Situationen will Haas sich nicht gewöhnen. «Lieber habe ich jedes Mal flattrige Knie, als die Begegnung mit einem Promi irgendwann als normal anzusehen.»
Auch vor dem diesjährigen Zurich Film Festival beschäftigt ihn deshalb wieder die Frage, wie er den Menschen begegnen wird, die vor seine Kamera treten. Einer davon wird Joe Locke sein, verrät er, bekannt aus der Netflix-Serie «Heartstopper».
Die Anspannung vor jeder Begegnung gehört für Haas dazu. Er spricht von Demut und Hingabe, davon, dass man sich einem Moment aussetzen müsse. Man dürfe nichts erwarten. Wenn ihm sein Gegenüber vor der Kamera etwas von sich gebe, sei das deshalb ein Geschenk.

Tilda Swinton (links) und Lindsay Duncan (Bild: zVg)
Der Bösewicht, der keiner war
Dass die Begegnungen selten nach Plan verlaufen, erlebte Haas mit Benicio del Toro. Den für seine düsteren Rollen bekannten Schauspieler hatte er sich deutlich schmächtiger vorgestellt und sein Set entsprechend tief aufgebaut. «War mein Fehler, weil ich ihn vorher nicht gegoogelt habe», sagt Haas.
Also wurde kurzerhand näher am Boden fotografiert. Viel stärker als die ungeplante Situation blieb Haas jedoch der Mensch vor seiner Kamera in Erinnerung. «Er war so nett», erinnerte er sich. Diese Aufeinandertreffen mit den verschiedensten Menschen, die er sonst vermutlich nie kennenlernen würde, seien für ihn der eigentliche Reichtum seines Berufs. «Ich komme mir manchmal wie ein Sammler vor», so Haas.
Angefangen hat alles im eigenen Zimmer
Ursprünglich lernte er Hochbauzeichner. Nebenbei fotografierte Haas seine Freunde beim Skateboarden und Snowboarden. Weil das Entwickeln teuer war, begann er irgendwann um 1994 damit, seine Schwarz-Weiss-Filme selbst zu entwickeln und zu printen – in seinem kleinen Zimmer. Er kaufte Bücher, Filme und Labormaterial, machte Fehler, aber gab nie auf. «Ich war richtig fasziniert», erinnert er sich zurück.
Die Faszination hat sich gehalten. Noch heute begeistert ihn der Gedanke, dass durch die Kamera etwas entsteht, das es wenige Augenblicke zuvor noch nicht gab. Dafür muss aber kein Hollywoodstar vor ihm stehen. «Dieses Gefühl, dass mich etwas berührt hat, etwas geblieben ist, habe ich immer.»
Jede Person hinterlässt eine Duftspur
Davon erzählt auch seine Ausstellung «We Remain Strangers». «Wir sind uns einen Moment nahe und danach ist es wieder so, als wäre es nie da gewesen», beschreibt Haas die Begegnungen während seiner Shootings. Ganz spurlos verschwinden sie für ihn aber nicht. Er vergleicht sie mit einem Parfüm: Ist die Person gegangen, bleibt noch ihre Sillage zurück. Ähnlich sei es mit einem Porträt – es bleiben das Bild und die Erinnerung an einen gemeinsamen Moment.
Maurice Haas bezeichnet sich selbst als Träumer und als einen melancholischen, nachdenklichen Menschen. Die stillen Momente interessieren ihn mehr als die grosse Inszenierung. «Lieber ein bisschen zurückhaltend, still zu funktionieren, als alles ins Scheinwerferlicht zu drehen», findet er. Deshalb fühlt sich Haas auch hinter der Kamera deutlich wohler als davor.

Maurice Haas: Seine melancholische, nachdenkliche Art spiegelt sich auch in seinen Porträts wider. (Bild: Lisa Schneider)
«Künstliche Intelligenz behagt mir nicht»
Künstlicher Intelligenz steht Haas sehr kritisch gegenüber. Für seine Fotografie habe er KI bislang nie eingesetzt. «Es behagt mir nicht. Es berührt mich nicht. Persönliche Begegnungen berühren mich», hält er fest.
Eine Person oder eine Umgebung am Laptop zu prompten, könne ihm nicht dasselbe geben wie ein Mensch, der tatsächlich vor ihm stehe. Für seine eigene Arbeit sieht er darin deshalb derzeit keine Ausdrucksmöglichkeit.
Das Glück ist ein guter, aber untreuer Freund
Wann ein Porträt für Maurice Haas gelungen ist, macht er nicht an der perfekten Pose oder am richtigen Licht fest. Es muss etwas auslösen, bei ihm selbst und bestenfalls auch bei anderen. «Ein gelungenes Porträt ist für mich, wenn es berührt und in Erinnerung bleibt», sagt er gegenüber finews.
Planen lässt sich das allerdings nicht. Haas versucht deshalb auch nicht, bei einem Shooting alles zu kontrollieren. Ob zwischen zwei Menschen etwas entsteht, weiss man vorher ohnehin nicht. «Fotografie ist bisschen wie ein Blind Date. Manchmal versteht man sich, fühlt sich verbunden, manchmal überhaupt nicht», findet er. Auch das Glück gehöre dazu. Für ihn ist es ein «guter, aber untreuer Freund», auf den man sich eben nicht immer verlassen könne.
Darum fällt es ihm auch schwer, ein einzelnes Porträt herauszugreifen, das ihm besonders am Herzen liegt. «Ich möchte auch nicht in Ranglisten denken, das bin nicht ich.» Vielmehr seien es all die Erinnerungen und Begegnungen, die ihn über die Jahre mitgeprägt hätten.

Dominik Reiner, General Manager des Mandarin Oriental Savoy, mit Maurice Haas bei der Vernissage von «We Remain Strangers». (Bild: zVg)
Wie ein Stein im Fluss
Für dieses Gefühl findet Haas ein sehr persönliches Bild: «Ich fühle mich wie ein Stein im Wasser in einem Fluss, der geschliffen und immer weiter getragen wird vom Wasser, vom Leben, vom Strom.» Wohin das alles führt, könne man nicht kontrollieren. «Zum Teil ist es schön, zum Teil mühsam.» Dabei ist Haas mit sich selbst wohl sein strengster Kritiker. «Ich habe viele Selbstzweifel, bin sehr kritisch mit mir», gibt er offen zu.
Trotz aller Bedeutung, die die Fotografie für ihn hat, relativiert Haas am Ende aber auch: «Am Ende sind es nur Bilder. Wichtig ist nichts und doch ist alles wichtig. Bisschen wie Magie oder die Liebe.»















