F1 trifft Vermögensverwalter: Warum Vollgas nicht immer die beste Strategie ist
Unter dem Motto «Flossbach von Storch meets Formel 1» hatte der Kölner Vermögensverwalter am Donnerstagabend zu einer Kundenveranstaltung ins Mandarin Oriental Savoy in Zürich eingeladen. Im Zentrum stand ein Vergleich zweier Welten, in denen es um Wettbewerb, Strategie, Performance und Entscheidungen geht, die unter hohem Druck gefällt werden.
Der entscheidende Unterschied sei, betonte Maximilian Spiess, Geschäftsführer Flossbach von Storch Invest S.A., Vertretung Zürich: Während in der Formel 1 nach knapp zwei Stunden feststeht, wer gewonnen hat, zeigt sich der Erfolg einer Anlagestrategie häufig erst nach Jahren.
Vom Schiffsmotorenbauer in die Formel 1
Beat Zehnder, langjähriger sportlicher Direktor des früheren Sauber-Rennstalls (heute Audi Revolut F1 Team), blickt auf eine aussergewöhnliche Karriere zurück. Ursprünglich hatte er sich bei Sulzer in Winterthur auf den Bau riesiger Schiffsmotoren spezialisiert. Mit dem Ende der entsprechenden Produktion musste er sich beruflich neu orientieren.
Durch einen Zufall entdeckte er auf einer Zugfahrt ein Stelleninserat von Peter Sauber. Motorsport hatte ihn bis dahin kaum interessiert. Das erste Vorstellungsgespräch dauerte lediglich zehn Minuten und endete mit einer Absage.
Drei Wochen später rief Zehnder erneut an. Dieses Mal erhielt er die Stelle. Er wurde Mitarbeiter Nummer neun bei Sauber. Aus dem ursprünglich auf ein Jahr angelegten Engagement wurden fast vier Jahrzehnte.

Beat Zehnder (zweiter von links) und Simon Jäger. Die Fragen stellte Kubilay Yalcin, Portfolio Director Equities bei Flossbach von Storch. (Bild: zVg)
Eine Erfahrung, die auch Simon Jäger bekannt vorkam. Der Portfoliomanager von Flossbach von Storch berichtete, dass er vor seiner Anstellung zahlreiche Vorstellungsgespräche mit Firmengründer Bert Flossbach geführt habe. Entscheidend sei letztlich nicht nur die fachliche Qualifikation gewesen, sondern die Frage, ob jemand ins Team passe.
Wenn Wachstum zum Problem wird
Wie stark sich Organisationen verändern können, schilderte Zehnder anhand des Formel-1-Rennstalls Sauber, der heute als Audi Revolut F1 Team antritt.
Während das Team früher mit rund 90 Mitarbeitenden operierte, sei die Belegschaft im Zuge des Einstiegs von Audi innerhalb von zwei Jahren von etwa 450 auf rund 850 Personen gewachsen.
Der finanzielle Rückhalt eines grossen Automobilkonzerns bringe erhebliche Vorteile, etwa bei Entwicklungskapazitäten, Technologie und industriellen Prozessen. Gleichzeitig nehme die Bürokratie zu.
Wo früher wenige Gespräche und ein Handschlag für den Start eines Projekts gereicht hätten, seien heute Präsentationen, zusätzliche Abstimmungen und mehrere Freigabestufen notwendig.
Zehnder machte deutlich, dass die zunehmende Grösse zwar Ressourcen schaffe, gleichzeitig aber die Entscheidungswege verlängere.
Flossbach von Storch setzt auf Konzentration
Jäger zog eine Parallele zum Asset Management, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Mehr Personal, mehr Produkte und mehr Komplexität führten nicht zwangsläufig zu besseren Anlageergebnissen.
Flossbach von Storch setze deshalb bewusst auf überschaubare Teams und konzentrierte Portfolios. «Unabhängigkeit ist sehr wichtig für uns und ebenso der Fokus», sagte er.
Die Anlagestrategien sollten auch für Menschen nachvollziehbar bleiben, die sich nicht täglich mit Finanzmärkten beschäftigen.
Dabei erinnerte er an seine frühere Tätigkeit bei einer Grossbank, als er ein Portfolio von 1'400 auf 800 Aktien reduzierte und dafür kritisiert wurde, sich zu weit vom Referenzindex zu entfernen.
Gerade darin liege für ihn ein grundlegender Unterschied zwischen indexorientierten und überzeugungsbasierten Anlagestrategien.
Die Kehrseite des KI-Booms
Besonders deutlich wurde Jäger bei der Entwicklung der Aktienmärkte. Die zunehmende Bedeutung künstlicher Intelligenz beschleunige wirtschaftliche Veränderungen und führe zu stärkeren Kursschwankungen.
Für einen Vermögensverwalter, der auf solide Bilanzen und langfristig tragfähige Geschäftsmodelle setzt, sei dies eine Herausforderung.
«Wir schauen zuerst auf die Bilanz und dann auf die Gewinn- und Verlustrechnung», sagte Jäger.
Viele Marktteilnehmer konzentrierten sich derzeit vor allem auf das Wachstumspotenzial einzelner Unternehmen. Flossbach von Storch frage dagegen, wie robust ein Geschäftsmodell sei und welche Risiken mit dem erwarteten Wachstum verbunden seien.
Wenn alle dieselben Aktien kaufen
Sorgen bereitet dem Portfoliomanager die starke Konzentration des US-Aktienmarkts auf wenige grosse Technologiekonzerne.
Der Boom passiver Anlageprodukte verstärke diese Entwicklung aus seiner Sicht zusätzlich. Während immer mehr Kapital indexgebunden investiert werde, werde die kurzfristige Preisbildung stärker von anderen Marktteilnehmern beeinflusst, darunter gehebelte Hedgefonds.
Dadurch könnten neue Ineffizienzen entstehen, obwohl Investoren heute über mehr Informationen verfügten als jemals zuvor.
Jäger sieht darin auch eine Chance für aktives Management. Denn selbst wenn Informationen allgemein zugänglich seien, bleibe die entscheidende Frage, wie sie interpretiert würden.
«Investieren ist auch eine Kunst und nicht nur eine Wissenschaft», hielt er sinngemäss fest.
Neben Daten und Bewertungsmodellen brauche es Erfahrung, Urteilsvermögen und ein Gespür für das Management eines Unternehmens.
Eine Million Datenpunkte pro Sekunde
Dass Daten allein noch keinen Erfolg garantieren, zeigte Zehnder am Beispiel der Formel 1.
Ein moderner Rennwagen verfüge über mehr als 250 Sensoren. Pro Sekunde würden rund eine Million Datenpunkte erfasst. Während eines Rennwochenendes kämen ungefähr 5 Terabyte an Informationen zusammen.
Die Daten würden praktisch in Echtzeit an Ingenieurteams in Hinwil und Neuburg übertragen. Allein in Hinwil verfolgten rund 45 Ingenieure die Entwicklung der Fahrzeuge.
Dennoch komme es am Ende auf die richtigen Entscheidungen an. Denn selbst kleinste Fehler könnten die Arbeit von Hunderten Spezialisten zunichtemachen.
Ein Reifenwechsel dauere normalerweise zwischen 2,2 und 2,5 Sekunden. Rund 22 Personen arbeiteten dabei in einer präzise abgestimmten Choreografie zusammen. Wenn nur ein Beteiligter einen Fehler mache, könne ein entscheidender Zeitvorteil verloren gehen.
Risiken müssen bewusst eingegangen werden
Auch beim Risikomanagement zeigten sich bemerkenswerte Gemeinsamkeiten zwischen Motorsport und Vermögensverwaltung.
Zehner erklärte, dass ein Formel-1-Team seine Strategie laufend an die Ausgangslage anpassen müsse. Je nach Position in der Konstrukteurswertung und den verbleibenden Rennen könne es sinnvoll sein, konservativer vorzugehen oder bewusst grössere Risiken einzugehen.
Entscheidend sei nicht, permanent das Maximum zu riskieren, sondern Chancen und mögliche Verluste gegeneinander abzuwägen.
Jäger betonte seinerseits, dass Flossbach von Storch auch in schwierigen Marktphasen an den Grundprinzipien seiner Anlagephilosophie festhalten wolle. Die Erfahrung habe aber gezeigt, dass Veränderungen notwendig sein könnten, aber innerhalb einer konsistenten Investmentphilosophie erfolgen müssten.
Fehler analysieren statt Schuldige suchen
Eine weitere Gemeinsamkeit fanden die Gesprächspartner in der Unternehmenskultur.
Zehnder betonte, dass im Motorsport Fehler unvermeidlich seien. Entscheidend sei deshalb eine Kultur, in der diese konsequent analysiert würden, ohne reflexartig nach Schuldigen zu suchen.
«Wir agieren als Team», sagte er. Harte Diskussionen gehörten dazu. Wichtig sei jedoch, dass die gemeinsame Leistung im Mittelpunkt stehe.
Auch Jäger hob die Bedeutung einer offenen Kommunikation hervor. Gute Teams müssten in der Lage sein, Entscheidungen kritisch zu hinterfragen und bestehende Überzeugungen gegebenenfalls zu korrigieren.
Die wichtigste Investition bleibt der Mensch
Zum Abschluss richtete sich der Blick auf die kommenden Jahre. Zehnder zeigte sich überzeugt, dass die Formel 1 weiterhin Wachstumspotenzial besitzt. Der Einstieg von Audi eröffne dem früheren Sauber-Team neue Perspektiven, auch wenn sich die Organisation dadurch grundlegend verändere.
Seine wichtigste Erkenntnis aus fast vier Jahrzehnten Motorsport fasste er mit einem Grundsatz zusammen: «Fix im Ziel und flexibel auf dem Weg.»
Vor allem aber gelte es, in Menschen und Unternehmenskultur zu investieren. Denn technische Reglemente, Motoren und Fahrzeuge kämen und gingen. Gute Mitarbeitende dagegen seien die Grundlage für langfristigen Erfolg.
Jäger wiederum plädierte dafür, sich an den Finanzmärkten weniger von kurzfristigen Trends und der täglichen Informationsflut treiben zu lassen.
Damit schloss sich der Kreis des Abends: Ob auf der Rennstrecke oder an der Börse – nachhaltige Performance entsteht nicht allein durch Geschwindigkeit, sondern durch Strategie, Disziplin und die Fähigkeit, auch unter Druck die richtigen Entscheidungen zu treffen.














