Zwei Seiten des neuen 3er-BMW in der herbstlichen Provence

Zwei Limousinen stehen im Kies vor einem provenzalischen Mas, eine rot, eine grau. Wer nicht genau hinschaut, hält sie für Zwillinge. Tatsächlich trennt sie das Wesentliche: Die rote fährt mit einem Reihensechszylinder, die graue mit Strom.

Nach dem iX3, den finews vor einigen Monaten probegefahren ist, erstreckt sich die «Neue Klasse» beim 3er von BMW erstmals über alle Antriebe hinweg. Die neue Limousine gibt es elektrisch als i3, mit Benzinmotoren (einschliesslich 48-Volt-Mildhybrid) sowie als sportbetontes M-Modell. Eine Antriebsvariante mit Plug-in-Hybrid kommt nächstes Jahr, gefolgt von den Kombis, die allgemein spätestens anfangs 2028 erwartet werden.

Gebaut wird der i3 in München, die Verbrenner kommen aus Dingolfing.

Baureihe mit Geschichte

Der Anspruch ist seit 1975 derselbe: Der 3er soll die sportlichste Limousine seiner Klasse sein. Mit über 18 Millionen verkauften Exemplaren ist er das erfolgreichste Modell der Marke, und während Jahrzehnten mussten sich Mercedes 190, C-Klasse, Audi 80 und A4 an ihm messen lassen.

Ein Detail ist hübsch: Der 3er stammt von der 02-Reihe ab, und diese wiederum von der ursprünglichen «Neuen Klasse» der frühen Sechzigerjahre, die BMW damals vor dem Untergang rettete. Mit der Neuauflage kehrt der Name also an seinen Ursprung zurück.

Messlatte im Segment

Auch in der Schweiz ist der 3er in seinem Segment die Messlatte: 2025 wurden hierzulande 1'734 Exemplare neu eingelöst. Das sind mehr als beim Audi A5 mit 1'242 Fahrzeugen, der seit der Umbenennung bei Audi die Rolle des früheren A4 übernommen hat. Dahinter folgen das Tesla Model 3 mit 1'237 und die Mercedes C-Klasse mit 1'091 Fahrzeugen.

Innerhalb des eigenen Hauses ist der 3er allerdings längst nicht mehr der Platzhirsch. Vom X3 setzte BMW Schweiz mit 3'007 Einheiten fast drei Viertel mehr ab, der kleinere X1 kam sogar auf 3'428. Der grössere 5er bleibt mit 1'141 Exemplaren dagegen klar zurück. Kurz: Im 3er steckt die Seele der Marke, das Geschäft machen die SUV.

Leuchtband statt Tacho

Aussen und innen sind die Antriebsvarianten kaum auseinanderzuhalten. Das Design ist extrem clean und modern. Niere und Doppelscheinwerfer verschmelzen zu einer einzigen Lichtsignatur, die Türgriffe liegen bündig in der Karosserie.

Ein klassisches Cockpit gibt es nicht mehr. An seine Stelle tritt die «Panoramic Vision», ein Leuchtband, das sich am unteren Rand der Windschutzscheibe über die ganze Breite zieht. Auch der Beifahrer bekommt darauf einen eigenen Anzeigebereich.


Innen Panoramic Vision, draussen die Rebberge. (Bild: BMW)

Mehr Designstudio als Ledersattlerei

Die Materialien wirken hochwertig, ohne in Ultraluxus abzudriften. Auffällig ist ein feines, technisch anmutendes Gestrick an den Flanken der Mittelkonsole und an den Türverkleidungen.

Es erinnert nicht zufällig an den Mini, denn die Idee stammt aus der Konzernschwester. Beim M350 schimmert durch das Textil der Instrumententafel sogar ein Lichtmuster in den M-Farben. Das wirkt eher nach Designstudio als nach Ledersattlerei.

Der i3: Neue Klasse in Reinform

Auf der Südroute ins Département Var fahren wir den i3 50 xDrive. Er hat zwei Motoren, 469 PS, 645 Newtonmeter Drehmoment und eine Batterie mit netto 108,7 Kilowattstunden. Beschwingt geht es über die Landstrassen um La Roquebrussanne, durch Pinienwälder und Weinberge.

BMW i3 50 xDrive in Fahrt vor einem Kalkmassiv in der Provence
Der i3 50 xDrive vor der Montagne Sainte-Victoire, einem der Lieblingsmotive von Cézanne. (Bild: BMW)

Trotz 2,2 Tonnen Leergewicht fährt sich die Limousine leichtfüssig. Die zentrale Fahrdynamik-Steuerung, bei BMW «Heart of Joy» genannt, arbeitet laut Hersteller zehnmal schneller als bisher.

Reichweitenangst ad acta gelegt

Bemerkenswerter ist aber eine andere Zahl. Nach 200 Kilometern mit durchaus agiler Fahrweise zeigt die Anzeige noch 60 Prozent Restreichweite. Hochgerechnet wären das rund 500 Kilometer unter realen, nicht gerade schonenden Bedingungen. (Nach WLTP-Norm sind es bis zu 912 Kilometer.)

An der Schnellladesäule lädt der i3 mit bis zu 400 Kilowatt, in zehn Minuten kommen so bis zu 423 Kilometer dazu. Wie schon beim iX3 gilt: Mit der Neuen Klasse legt BMW das Thema Reichweitenangst spürbar ad acta.

Der M350: Liebe auf den ersten Kilometer

So richtig begeistert hat uns allerdings der M350 xDrive auf der Nordroute in den Vaucluse.

Sein Dreiliter-Reihensechszylinder leistet zusammen mit dem Mildhybrid-Elektromotor 443 PS und 580 Newtonmeter. Gegenüber dem Vorgänger M340i sind das fast 70 PS mehr. Von 0 auf 100 km/h braucht er 4,1 Sekunden.

Noch wichtiger als die Zahlen ist aber der Charakter. Im Modus «M Sport Plus» strafft sich das Auto spürbar. Das adaptive M-Fahrwerk, die variable Sportlenkung und das M-Sportdifferenzial sind serienmässig, und die Lenkung wird im Sportmodus direkter. Der Sechszylinder meldet sich mit einem satten Grollen. Unter Last baut sich der typische, seidig-heisere Reihensechser-Klang auf.

Wohliges akustisches Feedback

Die Abgasanlage mit ihren vier Endrohren legt in den sportlichen Modi hörbar zu und begleitet jeden Zwischensprint mit wohligem akustischem Feedback. Puristen sollten wissen, dass BMW den Klang über die Lautsprecher dezent verstärkt.

Auch von den Dimensionen her passt der M350 hervorragend in diese Gegend. Mit 4,77 Metern Länge und 1,85 Metern Breite ist er wie gemacht für die engen Dörfchen des Luberon und die Platanenalleen aus napoleonischer Zeit. Hier könnten wir uns ohne Weiteres einen längeren Aufenthalt vorstellen.

Roter BMW M350 xDrive in einer Baumallee
Wie gemacht für die Alleen des Midi: der M350 xDrive. (Bild: BMW)

Herbst im Midi

Dazu kommt die Kulisse. Es waren wunderbare Herbsttage in Südfrankreich. Var und Vaucluse liegen nur eine Autostunde auseinander, landschaftlich aber in zwei verschiedenen Welten: im Süden Kalkmassive, Pinien und Garrigue, im Norden sanfte Hügel, Steindörfer und abgeerntete Lavendelfelder.

Verbunden werden die beiden Regionen durch Weinberge, die in Gelb, Rostrot und Bordeaux leuchten. Bessere Bedingungen für eine Testfahrt kann man sich kaum wünschen. Hier fühlt sich der neue 3er so richtig wohl.


Unterwegs in der Provence: der neue BMW 3er in Bildern. (Bilder: BMW)

Eher sportlicher Preispunkt

Bleibt die Frage nach dem Preis. Der Einstieg in die Baureihe gelingt in der Schweiz mit dem BMW 318 ab 61'900 Franken, der 320 kostet ab 65'100 Franken und der M350 xDrive ab 90'600 Franken. Der vollelektrische i3 40 xDrive beginnt bei 67'100 Franken, also nur 2'000 Franken mehr als der 320 mit Benzinmotor, bringt aber 374 PS und Allradantrieb mit, bei bis zu 710 Kilometern Normreichweite.

Bei der Überarbeitung des Vorgängers 2022 stand der 318i noch ab 51'900 Franken in der Liste – allerdings mit deutlich magererer Serienausstattung.

So gut uns die Autos gefallen haben: Für eine Limousine, die sich formal noch zur Mittelklasse zählt, sind die Preispunkte in einen zunehmend sportlichen Bereich vorgerückt. Das ist allerdings kein BMW-spezifisches Thema: Die Konkurrenz aus Ingolstadt und Stuttgart spielt in derselben Liga, der Audi A5 startet gar leicht darüber.