Schweizer Banken wollen ihre Kernbankensysteme plötzlich behalten
Während zahlreiche Schweizer Retailbanken im Jahr 2022 noch einen Systemwechsel in Betracht zogen, setzt heute eine deutliche Mehrheit auf Kontinuität. Das geht aus einem Vergleich zweier Befragungen des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern hervor.
Gemäss der aktuellen Erhebung von 2026 gehen rund zwei Drittel der teilnehmenden Banken davon aus, dass sie auch in zehn Jahren noch mit ihrem heutigen Kernbankensystem arbeiten werden. Dieser Anteil hat sich gegenüber der Befragung von 2022 ungefähr verdoppelt.

Die Ergebnisse stammen aus der neuen IFZ-Studie «Kernbankensysteme 2026», die am 27. Oktober in Zürich vorgestellt und ab dem 28. Oktober öffentlich zugänglich ist.
Vor vier Jahren war die Wechselbereitschaft deutlich grösser
2022 sah die Ausgangslage noch anders aus. Damals konnten sich zehn Prozent der befragten Institute vorstellen, ihr Kernbankensystem bis 2027 zu wechseln. Weitere 26 Prozent hielten einen Wechsel zwischen 2027 und 2029 für wahrscheinlich, nochmals 32 Prozent zwischen 2029 und 2032. Insgesamt rechneten damit rund 68 Prozent der damals befragten Banken mit einem möglichen Systemwechsel bis 2032.
Die Skepsis gegenüber den bestehenden Systemen hatte nachvollziehbare Gründe. Zwar schätzten die Banken deren Stabilität und Funktionsumfang. Gleichzeitig kritisierten sie hohe Kosten, veraltete technische Architekturen und langsame Entwicklungszyklen.
Insbesondere die sogenannten monolithischen Systeme, deren zentrale Funktionen eng miteinander verknüpft sind, galten zunehmend als Hindernis für die rasche Einführung neuer digitaler Angebote.
Avaloq und Finnova gewinnen Vertrauen zurück
Heute beurteilen die Banken die Lage offenbar deutlich positiver. Die beiden in der Schweiz besonders verbreiteten Anbieter Avaloq und Finnova sowie andere etablierte Unternehmen haben nach Einschätzung der Studienautoren Fortschritte erzielt. Sie gingen besser auf die Bedürfnisse ihrer Kunden ein und hätten ihre technologischen Entwicklungspläne transparenter gemacht.
Gleichzeitig sind die erhofften Alternativen weitgehend ausgeblieben. Vor vier Jahren hatten insbesondere neue Kernbankensysteme europäischer Neobanken Erwartungen geweckt. Doch der Eintritt in den Schweizer Markt erwies sich als schwierig.
Ein entscheidendes Hindernis ist die sogenannte Helvetisierung: Internationale Lösungen müssen an die regulatorischen, steuerlichen und betrieblichen Besonderheiten des Schweizer Bankgeschäfts angepasst werden. Mehrere mögliche Projekte scheiterten laut IFZ an diesen Anforderungen.
Künstliche Intelligenz könnte die Spielregeln verändern
Allerdings warnen die Studienautoren Urs Blattmann und Thomas Fischer davor, die gestiegene Zufriedenheit als dauerhafte Bestandsgarantie für die etablierten Anbieter zu interpretieren.
Ausgerechnet die generative künstliche Intelligenz könnte den Markt erneut grundlegend verändern. Moderne KI-Werkzeuge ermöglichen es, bestehende Softwarearchitekturen schneller zu analysieren, neu zu programmieren und zu testen.
Bislang galt die vollständige Entwicklung eines Kernbankensystems als Vorhaben, das mindestens zehn Jahre und Investitionen im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich erfordert. Diese Annahme könnte durch KI ins Wanken geraten.
Die Autoren verweisen auf eine Veranstaltung von Swiss Fintechs Innovations. Dort wurde ein Fall aus der Bahnbranche vorgestellt, bei dem eine monolithische IT-Lösung aus dem Jahr 2008 mithilfe generativer KI innerhalb von drei Monaten ersetzt worden sei.
Entwickeln Banken ihre Software künftig selbst?
Nach Einschätzung der Studienautoren könnte KI insbesondere grössere Finanzinstitute dazu bewegen, wieder verstärkt über eigene Kernbankensysteme nachzudenken.
Statt lediglich zusätzliche Anwendungen um die bestehende Kernbankensoftware herum zu entwickeln, könnten einzelne Banken versuchen, auch den technologischen Kern selbst aufzubauen.
Gleichzeitig dürfte KI den etablierten Anbietern helfen, ihre Systeme schneller zu modernisieren. Neue Wettbewerber könnten ebenfalls profitieren, weil die technologischen und finanziellen Eintrittshürden sinken könnten.
Fazit der Studie: Kurzfristig sitzen Avaloq, Finnova und andere etablierte Anbieter fester im Sattel als noch vor vier Jahren. Langfristig könnte KI ausgerechnet diese neu gewonnene Sicherheit infrage stellen.













