«Stellen fallen nicht weg, sie entstehen gar nicht erst»

Bei der diesjährigen Umfrage zu den Berufsaussichten tritt eines deutlich zu Tage:  82,5 Prozent der Befragten erwarten weniger Stellen in der Finanzbranche. Ist das Ausdruck einer momentan schlechten Stimmung oder steht der Schweizer Finanzplatz vor einem strukturellen Stellenabbau?

Die Gesamtbeschäftigung bei Schweizer Banken ist klar zurückgegangen, allerdings war dies stark geprägt durch die Entwicklung bei den Grossbanken. Andere Bankengruppen haben teilweise Personal aufgebaut. Und ebenfalls gemäss dem diesjährigen Bankenbarometer der Schweizerischen Bankiervereinigung erwarten rund 93 Prozent der befragten Banken für den weiteren Jahresverlauf einen stabilen oder steigenden Personalbestand.

Unsere Umfrage unter den Arbeitnehmenden zeigt deshalb auch, wie stark der Strukturwandel wahrgenommen wird. Digitalisierung, KI, Konsolidierung und Kostendruck verändern die Zusammensetzung der Beschäftigung und verursachen verständlicherweise auch Verunsicherung.

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Nur gerade rund 15 Prozent beurteilen ihre persönlichen Berufsaussichten negativ. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Das ist nicht zwingend ein Widerspruch. Man kann erwarten, dass die Branche insgesamt mit weniger Personal auskommt, und gleichzeitig davon ausgehen, dass die eigene Qualifikation weiterhin gefragt bleibt. Wichtig bleibt die stetige persönliche Weiterbildung, damit man am Ball bleibt.

«Die bisherige Evidenz spricht dafür, dass KI vor allem Aufgaben verändert und weniger ganze Berufe ersetzt.»

Fast neun von zehn Befragten nutzen KI bereits zumindest punktuell. Ersetzt KI inzwischen tatsächlich Stellen?

Wir wissen es noch nicht mit Sicherheit. Die bisherige Evidenz spricht dafür, dass KI vor allem Aufgaben verändert und weniger ganze Berufe ersetzt. Grossflächige Entlassungen, die in erster Linie auf KI zurückgehen, sehe ich bisher nicht.

Erste Studien deuten aber darauf hin, dass Unternehmen in KI-exponierten Bereichen weniger Berufseinsteigerinnen und -einsteiger einstellen. Stellen fallen also nicht weg, sie entstehen gar nicht erst.

Mich beschäftigt deshalb vor allem, wie junge Fachkräfte ihr Handwerk lernen sollen, wenn die klassischen Routineaufgaben wegfallen, die bisher ein wichtiger Teil ihrer Ausbildung waren.

Neben Backoffice und Abwicklung werden mittlerweile auch Marketing, Legal, Compliance und IT als gefährdet betrachtet. Welche Tätigkeiten werden als Nächstes grundlegend verändert?

Ich würde weniger in Abteilungen als in Tätigkeiten denken. Laut Umfrage gilt zunehmend auch qualifizierte Wissensarbeit als exponiert. Der menschliche Beitrag verschiebt sich hin zu Beurteilung, Kontrolle und Verantwortung.

«Der Schweizer Finanzplatz hat technologische Umbrüche in der Vergangenheit erfolgreich bewältigt.»

Auch sollte man zwischen verschiedenen Zeithorizonten unterscheiden. Kurzfristig sehen wir vor allem Produktivitätsgewinne und zurückhaltendere Neueinstellungen. Mittelfristig werden Prozesse und Jobprofile neugestaltet. Langfristig kann KI neue, heute noch unbekannte Geschäftsmodelle mit sich bringen. Wie sich all das auf die Beschäftigungszahlen in der Schweiz auswirkt, ist offen.

Ich bin aber zuversichtlich: Der Schweizer Finanzplatz hat technologische Umbrüche in der Vergangenheit erfolgreich bewältigt und bringt mit seinen gut ausgebildeten Fachkräften gute Voraussetzungen mit, auch diesen Wandel zu meistern.

Macht KI den Faktor Mensch wieder wertvoller?

Meines Erachtens ist der Faktor Mensch immer wertvoll. KI verändert vor allem, worin der besondere Wert menschlicher Arbeit liegt. Wenn Informationsbeschaffung und Analyse günstiger werden, gewinnen Urteilsvermögen, kritisches Denken, Kreativität, Führung und Vertrauen an Bedeutung. Entscheidend ist deshalb zunehmend die Kombination aus technologischem Verständnis und ausgeprägten «Human Skills».

Heisst das, dass künftig vor allem technologische Spezialisten oder besonders gute Kundenberater gefragt sind und für Generalisten weniger Platz bleibt?

Diese Zweiteilung ist mir zu stark. Besonders wertvoll dürften hybride Profile sein. Fachleute im Finanzbereich sollten verstehen, was KI kann, wo ihre Grenzen liegen und wie man sie optimal einsetzt. Fachwissen und Urteilsvermögen bleiben zentral.

«Die Werkzeuge ändern sich so schnell, dass die Bereitschaft, laufend dazuzulernen, entscheidend wird.»

Zunehmend gefragt sind zudem Anpassungsfähigkeit und Kreativität. Die Werkzeuge ändern sich so schnell, dass die Bereitschaft, laufend dazuzulernen, entscheidend wird. Und je mehr KI einzelne Aufgaben übernimmt, desto wertvoller werden Menschen, die verstehen, wie eine ganze Organisation funktioniert, und ein intuitives Gespür für das Geschäftsmodell haben. Gute Generalistinnen und Generalisten werden deshalb weiterhin sehr gefragt sein.

Fast die Hälfte erwartet sinkende Fixlöhne, noch mehr tiefere Boni. Müssen sich Beschäftigte dauerhaft von hohen Vergütungen verabschieden?

Unsere Umfrage bildet zunächst Erwartungen ab. Langfristig wird die Vergütung wie schon immer davon abhängen, welchen Wert bestimmte Fähigkeiten schaffen und wie knapp sie sind. Bei standardisierbaren bzw. automatisierbaren Tätigkeiten dürfte der Druck naturgemäss steigen. Hochqualifizierte Personen an der Schnittstelle von Finance, Technologie und Kundenbeziehungen dürften dagegen weiterhin stark gefragt sein.

Welche Fähigkeiten sollte ein 35- oder 45-jähriger Finanzprofi heute konkret aufbauen?

Ich würde auf fünf Bereiche setzen: erstens Anpassungsfähigkeit und Kreativität, zweitens solide KI- und Datenkompetenz, drittens fundiertes Fachwissen, viertens analytisches und kritisches Denken und fünftens Führung. Besonders wichtig sind zudem die Fähigkeit und der Wille, kontinuierlich zu lernen. Einzelne Technologien werden sich rasch verändern.

Entscheidend wird sein, schnell neue Wege zu finden, um mit diesen Veränderungen umzugehen.

Wird Präsenz im Büro in einem härteren Arbeitsmarkt wieder zu einem Karrierefaktor?

Nicht zwingend. Dass der Wunsch nach zusätzlichem Homeoffice zurückgeht, bedeutet noch nicht, dass physische Präsenz automatisch karriereentscheidend wird. Persönlicher Austausch, informelles Lernen, Teamarbeit und Kundenbeziehungen bleiben wichtig.

«Entscheidend ist weniger die Zahl der Bürotage als die Qualität der Zusammenarbeit.»

Gut organisierte hybride Modelle beeinträchtigen meines Erachtens weder Leistung noch Beförderungschancen. Entscheidend ist weniger die Zahl der Bürotage als die Qualität der Zusammenarbeit.

Wie passt ein stärkerer Finanzplatz mit einem möglicherweise schrumpfenden Arbeitsmarkt zusammen?

Ein gewisses Spannungsfeld besteht durchaus, und das sollte man nicht kleinreden. Ein Finanzplatz kann dank höherer Produktivität an Wertschöpfung und internationaler Bedeutung gewinnen, auch wenn er dafür weniger Personal braucht.

Für die Betroffenen ist das allerdings kein Trost. Entscheidend ist deshalb, dass ein Teil der Produktivitätsgewinne in die Weiterbildung und Umschulung der Mitarbeitenden fliesst. Gut ausgebildete Fachkräfte bleiben einer der wichtigsten Wettbewerbsvorteile des Schweizer Finanzplatzes und der gesamten Volkswirtschaft.


Alain Krapl ist Head Knowledge Exchange and Education, Member of the Management Board des Swiss Finance Institute.