Hamilton-Lane-Executive Co-Chairman: «Diese Konzentration ist nicht nachhaltig»


Herr Hirsch, beim Thema Künstliche Intelligenz fliesst bereits enorm viel Kapital. Befinden wir uns noch am Anfang des Investitionszyklus oder haben wir den Wendepunkt bereits überschritten?

Wir stehen noch sehr früh in diesem Prozess. Im Bereich der Dateninfrastruktur sind wir schon relativ weit, und beim notwendigen Ausbau der Energieversorgung bewegen wir uns langsam in Richtung Mitte des Zyklus.

Was wir aber noch nicht gesehen haben, sind all die Technologien und Anwendungen, die daraus hervorgehen werden. Heute dreht sich vieles um einige wenige Large Language Models. KI ist aber noch längst nicht in allen Bereichen unseres Alltags angekommen.

Sie sprechen also erst vom Beginn dieser Transformation?

Genau. Schauen Sie sich an, wie gering der Anteil der Menschen ist, die heute tatsächlich dafür bezahlen, KI zu nutzen.

«KI ist der neue technologische Rüstungswettlauf.»

Gleichzeitig erleben einige dieser Unternehmen ein aussergewöhnliches Umsatzwachstum. Aber ihre heutigen Umsätze reichen bei Weitem noch nicht aus, um die Bewertungen zu rechtfertigen, die bei einem Börsengang erwartet werden.

Wie sich das entwickelt und wie schnell die Transformation voranschreitet, ist noch völlig offen.

Braucht KI mehr Regulierung?

Ja, aber wir müssen sehr genau überlegen, welches Problem wir lösen wollen. KI ist in gewisser Weise das neue Wettrüsten. Für die USA ist das insbesondere ein Wettlauf mit China.

Massnahmen, die das Wachstum der KI-Branche stark einschränken, wären deshalb riskant. Die Branche völlig unkontrolliert laufen zu lassen, wäre angesichts der möglichen Folgen aber ebenfalls problematisch.

Wir müssen die richtige Balance finden: genügend Regulierung, um Sicherheit zu gewährleisten, ohne aber Innovation und Unternehmertum abzuwürgen. Das wird eine schwierige Gratwanderung.

Viele Arbeitnehmer befürchten, dass KI ihre Stellen vernichten wird. Teilen Sie diese Sorge?

Bislang sehen wir keine Daten, die auf einen massenhaften Wegfall von Arbeitsplätzen durch KI hindeuten.

Was wir sehen, ist eine höhere Produktivität von Mitarbeitenden. Das dürfte dazu führen, dass Unternehmen weniger neue Leute einstellen. Ein Rückgang bei den Neueinstellungen ist aber etwas anderes als massive Entlassungen.

«Europa wird sich entscheiden müssen, welchem Team es sich anschliesst: USA oder China?»

Kurzfristig könnten autonome Fahrzeuge für bestimmte Berufsgruppen sogar wesentlich grössere Auswirkungen haben als der direkte Ersatz von Arbeitsplätzen durch KI: etwa für Taxi-, Uber- oder Lastwagenfahrer.

Europa hat im Vergleich zu den USA und China nur wenige grosse KI-Unternehmen hervorgebracht. Wie beurteilen Sie die Position Europas?

Europa wird sich entscheiden müssen, welchen Weg es einschlägt. Orientiert es sich stärker an chinesischer Technologie, mit allen Vor- und Nachteilen, oder an amerikanischen Unternehmen?

Dass plötzlich aus dem Nichts ein neues europäisches Large Language Model entsteht und zu einem dominierenden globalen Player wird, halte ich unter den heutigen Voraussetzungen für eher unwahrscheinlich. Natürlich kann sich die Technologie von LLMs in eine neue Richtung entwickeln. Aber auf dem heutigen Spielfeld sind die wichtigsten Akteure weitgehend etabliert.

Und Europa steht derzeit nicht auf diesem Spielfeld. Es wird sich deshalb entscheiden müssen, welchem Team es sich anschliesst.

Das klingt nach einer unangenehmen Abhängigkeit.

Angesichts des geopolitischen Umfelds würde ich mir an Europas Stelle mehr Unabhängigkeit wünschen. Europa versucht bereits, bei seinen militärischen und verteidigungspolitischen Fähigkeiten unabhängiger zu werden. Entsprechend beginnt viel Kapital in diesen Bereich zu fliessen.

Dasselbe gilt für Energie und Energieproduktion. Dort besteht ein enormer Bedarf nach grösserer Unabhängigkeit.

Das wird für Europa schmerzhaft, schafft gleichzeitig aber grosse Anlageopportunitäten bei der dafür notwendigen Infrastruktur.

Anleger konzentrieren sich derzeit stark auf einige wenige KI-Unternehmen. Liegen dort tatsächlich die interessantesten Chancen?

Wahrscheinlich eher bei den Unternehmen in ihrem Umfeld.

Die grossen KI-Unternehmen bilden gewissermassen den Hub. Darum herum werden zahlreiche «Spokes», also neue Anwendungen, Technologien und Unternehmen, entstehen.

Der Hub bleibt sehr wertvoll. Aber ein grosser Teil der Wertsteigerung hat dort bereits stattgefunden. Bei einem jungen Unternehmen aus dem Ökosystem können Sie vielleicht bei einer Bewertung von 100 Millionen Dollar einsteigen und erleben, dass daraus 5 Milliarden Dollar werden.

Deshalb glaube ich, dass es künftig mehr Dynamik bei den «Spokes» als beim eigentlichen Hub geben wird.