Das Erbe von Pierin Vincenz

Pierin Vincenz, bis Oktober 2015 Raiffeisen-CEO

Die Veränderungen, welche die Raiffeisen Gruppe unter der Führung Pierin Vincenz in den letzten 16 Jahren durchlebt hat, sind enorm – und unterm Strich auch enorm erfolgreich.

War sie zuvor eine verschlafene Genossenschaftsbank auf dem Land mit einer vergleichsweise anspruchslosen Kundschaft, ist sie heute als Retailbank und Kreditinstitut eine Macht mit Ambitionen im Private Banking und Asset Management.

Diese bemerkenswerte Entwicklung hat die Raiffeisen ohne Fehltritte und wie sich angesichts der am Freitag präsentierten Geschäftszahlen zeigt, auch ohne zu viel Risikonahme geschafft.

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Patrik Gisel hat von Vincenz ein kerngesundes und weiterhin aufstrebendes Institut übernommen. Das lässt sich an einigen Pluspunkten festhalten – die zu Tage getretenen negativen Punkte werden hier aber auch nicht verschwiegen.

Die positiven Hinterlassenschaften von Vincenz:

1. Die Diversifikation funktioniert
Vincenz war unter anderem angetreten, der Raiffeisen Gruppe neben dem Zinsgeschäft weitere Ertragsquellen zu eröffnen, das heisst vor allem im Anlagegeschäft mit Kunden. Das Ziel lautet hier, nur noch zwei Drittel der Erträge aus dem Zinsgeschäft zu generieren, ein Drittel aus den übrigen.

Dort ist Raiffeisen noch nicht ganz: 2015 kamen 72 Prozent der Erträge aus dem Zinsgeschäft. Die Entwicklung der letzten fünf Jahre zeigt aber, dass beispielsweise das Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft stark an Bedeutung gewonnen und 2015 fast doppelt so hohe Erträge erzielt hat wie 2011.

2. Das Hypothekargeschäft ist stabil
Die Raiffeisen Gruppe gehört zu den grössten Profiteuren des Immobilienbooms in der Schweiz. Ihr Marktanteil im Hypothekenmarkt beläuft sich inzwischen auf 16,9 Prozent. Ihr Wachtum ging teils zu Lasten der Grossbanken.

Der Durchmarsch der Raiffeisen Gruppe war verschiedentlich beargwöhnt worden. Die Kreditvergabe sei zu aggressiv, das Wachstum gelinge nur, weil die Bank auch höhere Risiken nähme.

Bislang hat sich nur gezeigt, dass Raiffeisen die Risiken im Griff hat. Die Wertberichtungen für Ausfallrisiken sanken auf 0,14 Prozent der Kundenausleihungen. Die effektiven Kreditverluste blieben mit 0,02 Prozent der Ausleihungen stabil.

Raiffeisen hat sich an den «Hot Spots» im Schweizer Immobilienmarkt nicht stark exponiert. 92 Prozent aller Hypotheken sind kleiner als 1 Million Franken.

3. Die Kapitalsituation ist komfortabel
Vincenz hat neben den Investitionen in die Gruppe auch hunderte Millionen für Zukäufe ausgegeben: Beteiligungen an Helvetia, Vontobel, Leonteq sowie die Akquisitionen der Notenstein Privatbank und der heutigen Vescore-Einheiten im Asset Management.

Sein Nachfolger Gisel hat Ende 2015 noch 10 Prozent an der IT-Schmiede Avaloq gekauft, wohl auch für einen dreistelligen Millionenbetrag. Vincenz hat dabei einerseits ein gutes Händchen bewiesen: Die Vontobel-Beteiligung wurde mit über 40 Millionen Franken Gewinn wieder verkauft. Die Veräusserung eines Teils der Leonteq-Aktien brachte 2015 62 Millionen Franken, die restlichen 29 Prozent an Leonteq bilden ein schönes Kapitalpolster in der Raiffeisen-Bilanz.

Die Einkaufstour von Vincenz ging andererseits auch nicht zu Lasten des Eigenkapitals. Dieses ist mit 16,4 Prozent sehr solide, womit Raiffeisen die Anforderungen bezüglich Systemrelevanz erfüllt.

Hier zeigt sich der Vorteil des Genossenschaftsmodells, das eine sogenannte Gewinnthesaurierung erlaubt: An die Teilhaber werden jeweils nur rund 5 Prozent des Gewinns verteilt, der grosse Rest wird wieder verwendet oder kann dem Eigenkapital zugeführt werden.

Die negativen Hinterlassenschaften von Vincenz:

1. Das Private Banking
Es war immer der Ehrgeiz von Vincenz gewesen, auch ein Wealth Management für gut betuchte Kunden anbieten zu können und in der Raiffeisen Gruppe Anlagekompetenz aufzubauen. Die Herauslösung der Notenstein Privatbank aus der Wegelin war ein Schritt dazu.

Mit ihrer Wachstumsstrategie in der Schweiz tut sich Notenstein aber enorm schwer. Mit der Übernahme und Integration der Basler Privatbank La Roche ist ihr zwar ein Sprung gelungen. Aber bezüglich organischem Wachstum lief bei Notenstein La Roche auch 2015 praktisch nichts.

Die Kundengelder, die akquiriert werden konnten, kamen über Raiffeisen-Kanäle rein. Vor den Medien sagte Gisel am Freitag, das müsse sich ändern. Faktisch muss Notenstein La Roche aber weitere Übernahmen tätigen, um die angestrebte Gewinnkraft zu erreichen. Ein Verkauf des Private Bankings steht laut Gisel aber nicht zur Diskussion.

2. Das Asset Management
Noch schwieriger ist die Situation im Asset Management, wo Raiffeisen die verzettelten Aktivitäten unter dem Namen Vescore führt. Die Gewinnschwelle ist noch meilenweit entfernt und es zeigt sich, dass Beat Wittmann mit dem Geld und Segen von Vincenz einzelne Geschäfte eingekauft hat, die nicht auf einer soliden operativen Basis standen.

Die Zusammenführung der einzelnen Boutiquen ist aus Kostengründen notwendig, aber komplex. Eine eigentliche Strategie muss noch ausgearbeitet werden.

Wie Gisel zu finews.ch sagte, habe Vescor die verwalteten Vermögen zwar auf 17 Milliarden Franken erhöhen können. Doch notwendig seien wohl 30 bis 35 Milliarden Franken, um bestehen zu können. Auch hier wird der Weg nur über Akquisitionen führen, was sich – wie im Private Banking – angesichts der Konkurrenz als sehr schwierig erweisen wird.

3. Die verschlafene Digitalisierung
Unter Vincenz hat Raiffeisen die Präsenz in der gesamten Schweiz zwar massiv ausgebaut – über 1'000 Filialen sind im Land verteilt. Aber den Digitalisierungstrend und Innovationen hat er vernachlässigt.

Erst vor knapp einem Jahr hat Raiffeisen eine Art Expertengruppe aufgestellt, welche die Aufgabe hat, zukunftsweisende Bankdienstleistungen zu entwerfen. Raiffeisen gehört definitiv noch nicht zu den digitalen Banken der Schweiz, wie auch eine Bewertung von finews.ch ergeben hat.

Vincenz' Nachfolger Gisel will den technologischen Rückstand zu anderen Schweizer Kreditinstituten nun aufholen. Als erster Schritt wird das Online-Banking ausgebaut. Geplant ist auch eine Hypotheken-Portal sowie eine Spendenplattform. Konsequenterweise müsse auch die Anzahl Filialen in den kommenden Jahren sinken, so Gisel. Er rechnet in einigen Jahren noch mit 700 bis 750 Raiffeisen-Filialen.

DOSSIER BANKEN

Dossier Banken

Dossier UBS Dossier Credit Suisse Dossier Bank Vontobel Dossier Julius Bär Dossier Zürcher Kantonalbank

Die wichtigsten Schweizer Banken auf einen Blick:

 

DAS BESTE IM WEB

Gute Stories und Links aus aller Welt

  • Sorry, we speak only «Deutsch»
  • Kapitulation der Währungshüter
  • Wie die reichsten Männer der Welt ihr erstes Geld verdienten
  • So viele Milliarden könnten die Banken mit der Blockchain sparen
  • Der Facebook-Milliardär, der Wrestler und ein Sexvideo
  • Fintech: Das war erst der Anfang
  • Hervé Falciani: Dieb oder Weltverbesserer?
mehr

Follow us

Follow finews.ch on Twitter Follow finews.ch on Facebook Follow finews.ch on Google+ Follow finews.ch on LinkedIn Follow finews.ch on Xing Follow finews.ch on Youtube Follow finews.ch on Instagram

Zürcher Bankenverband

Führende Vertreter der Schweizer Finanzbranche zum Thema Regulierung.

Beiträge lesen

Lohnvergleich

Lohnvergleich

Verdienen Sie genug? Vergleichen Sie doch mal Ihren Lohn.

zum Lohnvergleich

Newsletter

Newsletter-SymbolKostenlos abonnieren

Abonnieren Sie jetzt den finews.ch-Newsletter und Sie erhalten kostenlos 2x wöchentlich die wichtigsten News aus der Schweizer Finanzwelt per E-Mail.

SELECTION

Millennials: Die Klientel von morgen

Millennials: Die Klientel von morgen

Wie die Schweizer Banken auch in Zukunft erfolgreich sein können.

Selection

So machen Sie Headhunter auf sich aufmerksam

So machen Sie Headhunter auf sich aufmerksam

8 Tipps, um auf dem Personalmarkt Beachtung zu finden.

Selection

NEWS GANZ KURZ

Raiffeisen

Die Zertifizierung der Energieeffizienz von Gebäuden erfährt in der Schweiz laut Raiffeisen breite Unterstützung. Die genossenschaftlich organisierte Bank und grösste Hypothekengeberin der Schweiz trägt dem Rechnung und bietet neu eine energetische Immobilienbewertung in der Hypothekenberatung an.

Profidata

Profidata, der Softwaredienstleister für Finanzunternehmen, hat in Deutschland die Abraxas übernommen. Abraxas ist spezialsiert auf die Konsolidierung und Qualitätssicherung von Finanzmarktdaten, Marktgerechtigkeitsprüfungen und Fair-Value-Berechnungen.

SigFig

Der amerikanische Robo-Advisor, an dem sich kürzlich auch die UBS beteiligte, hat eine weitere Finanzierungs-Runde erfolgreich hinter sich gebracht. Von diversen Investoren, darunter die Schweizer Grossbank und die spanische Banco Santander, löste SigFig rund 40 Millionen Dollar.

State Street

Der US-Asset-Manager State Street ist in Genf zum offiziellen Research Partner des International Forum of Sovereign Wealth Funds gewählt worden. Eines der ersten Forschungsprojekte sind langfristige Anlagestrategien.

Unicredit

Unicredit steigt in den Schweizer ETF-Markt ein. Die italienische Bank emittiert zwei ETFs an SIX Swiss Exchange und übernimmt für diese auch das Market Making. Damit wächst die Zahl der ETF-Anbieter an SIX Swiss Exchange erstmals auf 22 und die Produktauswahl steigt auf einen neuen Höchststand von 1‘240 Produkten.

Swisscard

Die Kreditkarten-Tochter der Grossbank Credit Suisse emittiert weitere so genannte Asset Backed Securities (ABS) zur eigenen Refinanzierung. Die neue Transaktion im Umfang von 200 Millionen Franken besteht aus drei Tranchen mit einer Laufzeit von drei Jahren, die an der SIX kotiert werden.

Credit Suisse

Die mächtige Rating-Agentur Fitch zieht der Schweizer Grossbank Punkte ab. Das Langzeit-Bonitäts-Rating senkt die Agentur dazu um eine Stufe auf A- von bislang A gesenkt. Der Ausblick wird auf «stabil» von «positiv» revidiert. Die Rating-Abstufungen begründet Fitch mit der Anfälligkeit des Geschäftsmodells der Bank gegenüber den gestiegenen Herausforderungen an den Kapitalmärkten.

Pensionskassen

Gemäss der Pensionskassen-Studie der ZKB-Tochter Swisscanto haben die Schweizer Vorsorge-Werke im Jahr 2015 trotz höherem Risiko weniger verdient. Demnach erzielten die Pensionskassen eine Performance von durchschnittlich 1,13 Prozent (Vorjahr: 7,31 Prozent). Somit verfehlten sie nicht nur die durchschnittlich angestrebte Zielrendite von 3,9 Prozent, sondern auch die Mindestzins-Vorgabe von 1,75 Prozent deutlich. Dies trotz einer Zunahme der risikobehafteten Anlagen.

Glarner Kantonalbank

Die Glarner Kantonalbank lanciert das Login per Fingerabdruck in die GLKB Mobile Banking App. Die Sicherheit mit dem neuen Login-Verfahren bleibt laut Mitteilung unverändert hoch.

Postfinance

Die Postbank beteiligt sich mit 9 Prozent am Aktienkapital der Swiss Bankers Prepaid Services (SBPS). Postfinance arbeitet bereits seit Jahren mit der Dienstleisterin im Bereich Reisezahlungsmittel zusammen. Im Zuge des Engagements wurde Nicole Walker, Leiterin Produktmanagement Zahlungslösungen bei der Post-Tochter, in den Verwaltungsrat der SBPS gewählt.

Swiss Life

Der Schweizer Lebensversicherer weist im BVG-Geschäft eine Auschüttungs-Quote von 92,9 Prozent aus. Die Prämien in der Kollektivversicherung stiegen 2015 im Vergleich zum Vorjahr 6 Prozent auf 8,69 Milliarden Franken. Um die Leistungsversprechen langfristig zu sichern, wurden zusätzliche technische Rückstellungen von 939 Millionen Franken gebildet.

Helvetia

Die Helvetia ist in der Schweiz in der beruflichen Vorsorge 2015 mit den periodischen Prämien gewachsen, hat aber bei den Einmaleinlagen zurückhaltend neues Geschäft gezeichnet. Total ging das Prämienvolumen um 4,1 Prozent auf 2,55 Milliarden Franken zurück.

Axa Winterthur

Die Axa Winterthur hat 2015 in der Beruflichen Vorsorge (BVG) den Gewinn leicht gesteigert. Das Betriebsergebnis aus dem der Mindestquote unterstellten Geschäft nahm um 10 Millionen Franken auf 221 Millionen Franken zu. Dagegen gingen die gesamten Prämieneinnahmen aufgrund weniger Neuabschlüsse in der Vollversicherung zurück.

Luzerner KB

An der Generalversammlung der Luzerner Kantonalbank haben die Aktionäre der beantragten Ausschüttung von 11 Franken via Nennwertrückzahlung zugestimmt. Sie wählten Andreas Emmenegger neu in den Verwaltungsrat. Aufgrund der Amtszeitbeschränkung von 15 Jahren wurde Christoph Lengwiler aus dem Gremium verabschiedet.

Valiant

Die Aktionäre der Valiant Bank haben der Erhöhung der Dividende auf 3,60 Franken zugestimmt und den Zuger Othmar Stöckli in den Verwaltungsrat gewählt. Er ersetzt Franz Zeder, der nach 14 Jahren aus dem Gremium ausgeschieden ist.

Postfinance

Die Post-Tochter hat ihr Online-Trading-Angebot überarbeitet. Via die neue Benutzeroberfläche können Kunden in Echtzeit an den wichtigsten Börsenplätzen der Schweiz, Europas und Nordamerikas selbstständig Aktien, Obligationen, Fonds, ETFs und Derivate handeln, wie es hiess. Entwickelt wurde die neue Plattform von der Postfinance-Partnerin Swissquote.

Zurich

Der Versicherer Zurich Insurance hat eine nachrangige Anleihe in Höhe von 750 Millionen Euro platziert. Die Anleihe hat eine Laufzeit bis Oktober 2046 und ist erstmals im Oktober 2026 kündbar. Die Transaktion richtet sich gemäss der Mitteilung an Investoren in Europa.

weitere News