Lionel Aeschlimann: «Wir sind nicht wichtig – unsere Arbeit ist es»
Was kann die Finanzwelt von Künstlern lernen?
Wenn ich mit Künstlern spreche, hilft mir das manchmal, Dinge besser zu verstehen – ein Unternehmen, eine Investition oder auch die Bedürfnisse eines Kunden. Kunst gibt uns eine andere Perspektive auf das, was wir tun. Sie ist ein Raum der Freiheit. Kunst ist etwas Besonderes, sie ist gut für die Seele.
Ganz subjektiv gefragt: Welchen Stellenwert messen Sie der Kunst insgesamt bei?
Kunst ist wesentlich. Kunst ist Leben. Wenn man an die Banken des 16. oder 17. Jahrhunderts denkt, erinnert sich heute niemand mehr an ihre Transaktionen. Aber jeder erinnert sich an Leonardo da Vinci, Botticelli oder Raffael – an die Künstler, die von Bankiers unterstützt wurden. Es gab schon immer eine enge Verbindung zwischen Finanzen und Kunst. Und die Kunst bleibt.
«Entscheidend ist nicht nur die Strategie selbst, sondern die Disziplin in der Umsetzung.»
Mirabaud unterstützt das Centre Pompidou seit 2022, und die Partnerschaft wurde kürzlich verlängert. Können Sie bereits skizzieren, wie sich diese Zusammenarbeit künftig entwickeln soll? Welche Schwerpunkte planen Sie?
Wenn wir Partnerschaften eingehen, tun wir das langfristig. Es ist uns wichtig, dass Institutionen wie das Centre Pompidou wissen, dass sie auf uns zählen können.
Wir haben 2022 begonnen und zum Ende unserer dreijährigen Partnerschaft wurde das Museum wegen Renovationsarbeiten geschlossen. Viele dachten: «Jetzt ist die Partnerschaft vorbei.» Aber für uns war klar, wir machen weiter und wir haben sie um Jahre verlängert. Wir wollen langfristig ein verlässlicher Partner sein und die wichtige Arbeit des Museums unterstützen, Kunst für alle zugänglich zu machen. Dabei mischen wir uns nicht in künstlerische Entscheidungen ein. Das ist nicht unsere Rolle. Wir bleiben bewusst diskret.
Das Centre Pompidou befindet sich gerade im Wandel, das Gleiche lässt sich auch von der Mirabaud Gruppe sagen. Kürzlich wurden die jüngsten Zahlen veröffentlicht, die eine positive Entwicklung andeuten. Sind Sie zufrieden?
Ja, ich bin zufrieden mit unserer Entwicklung. Wir wachsen, und gleichzeitig investieren wir in unsere Zukunft. Ich habe meine Rolle als Senior Managing Partner erst vor kurzem übernommen. Ich sehe mich als Bindeglied zwischen der Geschichte und dem Erbe der Familie – das ich respektiere und weiterführen möchte – und der Zukunft. Gemeinsam mit meinen Partnern möchte ich dazu beitragen, ein neues Kapitel in einer mehr als zweihundertjährigen Geschichte zu schreiben.
Beim Verfassen dieses neuen Kapitels müssen wir darauf achten, dass wir modern und für jüngere Generationen relevant sind und mit der Zeit gehen. Auch die Technologie spielt dabei eine wichtige Rolle. Wir müssen sicherstellen, dass wir über die richtigen Werkzeuge verfügen, um den Erwartungen der nächsten Generation gerecht zu werden.
Wie sieht die aktuelle Strategie von Mirabaud im Transformationsprozess aus?
Entscheidend ist nicht nur die Strategie selbst, sondern die Disziplin in der Umsetzung. Unsere Strategie basiert auf drei Säulen: Erstens der Abschluss der technologischen Transformation unseres Wealth Management Bereichs. Zweitens die Fokussierung auf unsere Kernaktivitäten und Kernmärkte – insbesondere die Schweiz, Europa, Lateinamerika und den Nahen Osten. Drittens internes Wachstum beschleunigen. Wir schliessen eine mögliche kleinere Akquisition in der Zukunft nicht aus, aber erst, wenn wir technologisch bereit sind und diese mit unseren Werten und unserer Kultur in Einklang steht.
«Ich sehe mich als Bindeglied zwischen der Geschichte und dem Erbe der Familie – und der Zukunft.»
Wann rechnen Sie damit, die Transformation abgeschlossen zu haben?
Wir hoffen, unsere neue Technologieplattform Anfang nächsten Jahres einzuführen. Aber solche Projekte sind komplex, deshalb möchte ich keine festen Versprechungen machen. Wichtig ist nicht die Geschwindigkeit, sondern dass es richtig gemacht wird. In zwei oder drei Jahren wird sich niemand mehr daran erinnern, wann genau wir das System eingeführt haben – entscheidend ist, dass es funktioniert und es uns erlaubt flexibel zu bleiben und zukünftige Technologie zu integrieren. Wir wollen kein Risiko für unsere Kunden eingehen. Es wird solide sein und ihnen zusätzliche Funktionen bieten.
Wo sehen Sie in der Wachstumsphase die grössten Opportunitäten?
Vor allem im Bereich der Vermögensverwaltung. Wir sehen starkes Wachstumspotenzial in unseren Kernmärkten, insbesondere angesichts des bevorstehenden grössten generationsübergreifenden Vermögenstransfers der Geschichte.
Dies schafft eine überzeugende Bündelung von Chancen – von der Nachlassplanung über die Nachfolgeberatung bis hin zur Familienführung. Wir beobachten zudem ein steigendes Interesse an privaten Vermögenswerten, da Kunden Renditen und Diversifizierung jenseits der börsennotierten Märkte suchen.
Allgemeiner gesagt liegt unser Vorteil darin, in Situationen hoher Komplexität eine wirklich ganzheitliche, massgeschneiderte Beratung anzubieten – sei es bei einem Liquiditätsereignis, einer grenzüberschreitenden Situation oder einer Unternehmensnachfolge. Bei diesem Grad an Personalisierung sehen wir die stärkste Nachfrage und glauben, dass wir hier am bedeutendsten wachsen können.
Der Private Equity Markt ist derzeit von Unsicherheiten geprägt. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?
Wir glauben weiterhin an Private Equity. Sie ist eine wichtige Anlageklasse für Diversifikation und langfristige Performance. Aber sie ist illiquide und mit spezifischen Risiken verbunden. Deshalb ist es wichtig, sie Kunden mit entsprechender Risikobereitschaft anzubieten. Wir sehen aktuell viele Möglichkeiten, die Liquidität versprechen – das wirkt fast wie eine «magische Welt» ähnlich wie bei Alice im Wunderland. Was Private Assets angeht, ist Illiquidität jedoch gegeben. Wenn man dies jedoch einkalkulieren kann, bieten sich durchaus interessante Chancen. Unsere Kunden haben grosses Interesse an den von uns vorgestellten Club-Deals sowie an Investitionen in einige der weltweit besten GPs im Rahmen unserer Evergreen-Strategie gezeigt.
«Wir glauben weiterhin an Private Equity.»
Auch in Middle East haben die geopolitischen Spannungen zugenommen. Sind Sie mehr gefordert?
Im Moment noch nicht. Wir sind seit 2007 in Dubai präsent und gehören zu den wenigen internationalen Banken, die über eine vollständige Banklizenz im DIFC verfügen, die sie 2010 erhalten haben, und unsere Kunden sowie unsere Teams sind ruhig geblieben. Wir befinden uns aktuell in einer angespannten Situation, deshalb braucht es Zeit, um mögliche konkrete Auswirkungen zu beurteilen. Mirabaud hat seit 1819 mehr als 50 Krisen und zwei Weltkriege überstanden.
Unsere Aufgabe ist es, unseren Kunden in solchen Zeiten Orientierung zu geben und Ruhe zu bewahren. Und wenn möglich, Krisen in Chancen zu verwandeln. Wenn Märkte stark fallen, ergeben sich neue Investitionsmöglichkeiten – insbesondere für langfristig orientierte Anleger.
Lionel Aeschlimann ist Senior Managing Partner der Mirabaud SCA, der Holdinggesellschaft der Gruppe. Er trat 2010 als Mitglied der Geschäftsleitung bei Mirabaud & Cie SA ein, eine Funktion, die er bis Ende Dezember 2013 innehatte, bevor er die Position des CEO von Mirabaud Asset Management übernahm, die er bis Ende 2024 bekleidete. Zuvor war er Partner in einer Schweizer Anwaltskanzlei, wo er den Bereich Bank- und Finanzrecht leitete. Er ist zugelassener Rechtsanwalt (Bern und Genf), verfügt über ein Postgrade in Europarecht (Sevilla) und einen Master (LLM) in Europarecht (College of Europe, Brügge).
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