Ein Erfolgsmodell, das verteidigt werden muss

Markus Lasek über das wahre Erfolgsgeheimnis der Finanzplätze Schweiz und Liechtenstein – und über den sorglosen Umgang der Politiker mit dem Bankgeheimnis.


Vor einigen Tagen hat sich Heinrich Kieber über die deutschen Medien zurückgemeldet. Zur Erinnerung: Heinrich Kieber war – je nach Perspektive – verräterischer Datendieb oder global umworbener Retter des verlorenen Steuerschatzes.

Auf jeden Fall hat er Liechtenstein und der Schweiz erheblichen Schaden zugefügt. Der Verkauf gestohlener Daten markiert einen vorläufigen Höhepunkt der Belastungen des Finanzplatzes.

Ein Blick zurück in die Geschichte. Über Jahrhunderte war das Leben in den Bergen gleichbedeutend mit Armut. Die Schweiz besitzt keine Bodenschätze, wenige fruchtbare Ackerflächen, umständliche Verkehrswege und keinen Anschluss zum Meer. Aber sie verfügt über eine schöne Landschaft, eine strategisch wichtige Lage innerhalb Europas sowie eine bodenständige Bevölkerung.

Bei dieser Ausgangslage sind die Möglichkeiten für volkswirtschaftlichen Wohlstand begrenzt. Bereits vor dem Tourismus und dem Aufkommen der Exportindustrie etablierte sich in der Schweiz eine Bankenszene. Schon vor Jahrhunderten wurde Geld in den sicheren Hafen der Eidgenossenschaft überführt. Das Geschäftsmodell lautete Sicherheit und Diskretion, und es war der Grundstein für einen Mythos.

Die beste Adresse für Vermögensverwaltung

Geschäftstüchtige Banker und kluge Politiker förderten die Alleinstellungsmerkmale des Bankenplatzes. Parallel dazu investierte man in Bildung und förderte die Diversifikation der Dienstleistungen, um als Standort für Finanzdienstleister und Anleger gleichermassen attraktiv zu sein. Die Schweiz hat das Beste aus ihrer Situation gemacht und ist nach wie vor die beste Adresse für Vermögensverwaltung weltweit. Doch nach wie vor sind politische Unsicherheiten oder steuerliche Nachteile im Ausland das wesentliche Argument für den Vermögenstransfer in die Schweiz.

In Liechtenstein stellte sich die Ausgangslage noch schlechter dar als in der Schweiz. Man besass nur ein paar Acker- und Waldflächen irgendwo zwischen Fluss und Berg sowie eine Textilindustrie, die nicht allen Menschen Arbeit gab. Für das Fürstentum war der Aufbau einer Finanzbranche die schnellste und lukrativste Möglichkeit, zu Wohlstand zu kommen.

Man tauschte Traktoren gegen Tresore und erfand exotische Rechtskonstruktionen, die nie zuvor ein Mensch gesehen hatte. Demzufolge kamen vor allem Anleger, die lieber fürstliche Gebühren statt ordentlicher Steuern zahlten. Die Strategie war erfolgreich und die rund 35'000 Einwohner Liechtensteins erlebten eine sagenhafte Bonanza.

Der sichere Hafen war auch schon wichtiger

Gefahren für das Geschäftsmodell Sicherheit und Diskretion zeichneten sich seit längerem ab. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist die längste Friedens- und die stabilste Wirtschaftszeit im neuzeitlichen Europa. So segensreich dieser Umstand auch sein mag, für den hiesigen Standort ist es ein Bedeutungsverlust als sicherer Hafen.

Zudem werden seit der Auflösung des Abkommens von Bretton Woods die Staatshaushalte der meisten Länder Europas und der USA durch immer höhere Schulden finanziert. Dieser Umstand impliziert eine Suche der Staaten nach Einkommensquellen und weniger Toleranz gegenüber Umständen, die zur Steuerhinterziehung animieren. Die aktuelle gesamtpolitische Lage hat sich über Jahrzehnte angekündigt, fand aber leider keine Beachtung.

Ein glückliches Zeitfenster der Geschichte

Politische Aktionen benötigen oft einen Auslöser. Da traf es sich gut, dass in Liechtenstein die fürstliche Treuhandgesellschaft besagten Heinrich Kieber, einen zwielichtigen Zeitgenossen aus dem Ländle, mit der digitalen Archivierung aller Kundendaten betraute, die er prompt zur Selbstverwirklichung nutzte. Mitleid mit den zur Rechenschaft gezogenen Steuerhinterziehern muss man keines haben, denn Entdeckung und Nachzahlung gehörten zum Risiko ihrer Strategie.

Aufgrund der Offenlegung wuchs der internationale Druck auf das Fürstentum und zwang dieses zur Kooperation und damit letztendlich zur Aufgabe seines Geschäftsmodells. Wenn man heute Liechtenstein besucht, so hat man nicht den Eindruck, dass die Folgen dieser Entwicklung schon beim Volk angekommen sind. Während das Fürstenhaus den Ernst der Lage erkannt hat, begegnet einem auf der Strasse unverändert der spezielle Charme dieses Alpenvolkes.

Die heutigen Einwohner haben Armut nicht mehr kennengelernt. Noch leben sie gut von den Früchten der Vergangenheit, die sie auf ihre persönliche Leistung und nicht auf ein glückliches Zeitfenster der Geschichte zurückführen, welches nun zu Ende geht.

Es geht um den Mythos

In der Schweiz stellt sich die Lage komfortabler dar. Das Land war von dem Druck auf Liechtenstein ebenfalls betroffen und hat sich durch das Verhalten der UBS in den USA ein Eigentor geschossen. Doch im Gegensatz zum Ländle ist die Schweiz ein geographisch wichtiges Land mit einer breiter aufgestellten Volkswirtschaft, in der die Finanzindustrie nur einen Teil der Wertschöpfung übernimmt.

Das Geschäftsmodell der Sicherheit und Diskretion ist unverändert attraktiv. Heute ist die Finanzwelt globalisiert, und die Schweiz hat Konkurrenz erhalten. Die Möglichkeiten zur Differenzierung sind kleiner geworden, aber Sicherheit und Diskretion sind weltweit nach wie vor seltene Güter. Der Ruf des Schweizer Finanzplatzes liegt in seinem Mythos begründet.

Ob Tonnen von Gold unter der Bahnhofstrasse oder Vermögen von Diktatoren bei den Banken – die ausländischen Anleger kamen nicht trotzdem, sondern genau deswegen. Sie alle schätzten dieselben Qualitäten, und wenn ein Privatkunde ein Konto bei derselben Bank hat wie die Reichen und Mächtigen der Welt eröffnete, so war er stolz darauf und nicht pikiert. Ein Konto in der Schweiz gehörte zum guten Ton und vermittelte exklusive Sicherheit.

Transparenz und Ethik sind Nischenprodukte

In der Politik und in der Finanzwirtschaft zählen nicht Transparenz und Ethik, sondern das monetäre Ergebnis. Das ist keine persönliche Meinung, sondern eine Tatsache.

Nur naive Seelen glauben, das Bankkundengeheimnis sei heutzutage als ökonomisches Argument obsolet und ausländische Anleger würden stattdessen den ethisch korrekten Datenaustausch und steuerliche Transparenz bevorzugen. Dem ist nicht so. Anleger lassen sich nicht umerziehen, sondern folgen dem Ruf der besten Renditeerwartung und dem der Diskretion.

Ob normaler Anleger oder Steuerhinterzieher – erzwungene Offenlegung oder Datenaustausch führen zu Vermögensabzug. Transparenz und Ethik sind Nischenprodukte der Finanzwirtschaft und haben einen monetären Preis. Dieser ist für die Schweiz zwingend mit Wohlstandsverlust verbunden. Nochmals: An dieser Stelle sollen nicht Moral und Steuerhinterziehung, sondern nur die finanziellen Auswirkungen auf die Schweiz angesprochen werden.

Die anderen kennen keine Skrupel und Höflichkeit

Leider hat die Schweizer Politik die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Man lässt die Entwicklung auf sich zukommen und reagiert unangemessen auf ausländischen Druck. Entweder wird die Bürokratie zulasten des Finanzplatzes aufgebläht, indem man die vielleicht strengsten Gesetze der Welt gegen Geldwäscherei erfindet, oder man geht Konzessionen ohne Gegenleistungen ein. Mit der Faust auf den Verhandlungstisch zu schlagen, ist nicht die Schweizer Art.

Natürlich gilt es, bei allen Aktionen das Wohl der gesamten Wirtschaft im Auge zu behalten. Aber weder Deutschland, Grossbritannien noch die USA kennen Skrupel und Höflichkeit, wenn es um die Durchsetzung ihrer eigenen Partikularinteressen geht. Sie sind weder ökonomische noch ethische Vorbilder. Für die Schweiz wäre es völlig legitim, ihr Bankkundengeheimnis in umfassender Form zu verteidigen, wenn sie keinen Wohlstandsverlust hinnehmen will.

Als Tresor Europas und Alpentransitland hätte sie die Möglichkeiten dazu, Gleiches mit Gleichem zu beantworten.

 

AUTOREN

Claude Baumann ist einer der Gründer von finews.ch. Er publiziert zudem regelmässig in der «Handelszeitung». Bekannt wurde er auch durch mehrere Fachbücher über die Finanzbranche.

Ralph Pöhner ist einer der Gründer von finews.ch. Er veröffentlicht sonst in «Die Zeit» und arbeitete zuvor unter anderem für AWP, «Facts» und die «Weltwoche».

Hans-Peter Bauer ist Präsident und CEO der Swiss Finance & Property AG in Zürich. Das Unternehmen ist spezialisiert auf alternative Anlagen im Bereich Immobilien und Hedge Funds.

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