Sergio Ermotti: «Es geht um mehr als die UBS und den Finanzplatz»

Vergangene Woche hat der Ständerat die Frage der künftigen Eigenkapitalregulierung von Auslandtöchtern (die de facto nur die UBS betrifft) zwar debattiert, aber keinen Entscheid gefällt. Das Dossier ist v.a. für die FDP politisch heikel, weil etliche ihrer Parlamentarier den rigiden Kurs ihrer in dieser Sache federführenden Bundesrätin Karin Keller-Sutter nicht unterstützen.

Am Montag hat nun UBS-CEO Sergio Ermotti in einem Interview in der (bekanntlich dem Freisinn nahestehenden) NZZ Stellung genommen. Er beklagt darin, dass in der Debatte «zahlreiche Missverständnisse und unvollständige Darstellungen» kursierten. «Damit stiften die Behörden Verwirrung.» Die Regulierung – 90 oder 100 Prozent hartes Eigenkapital für die Auslandtöchter – sei nicht zielgerichtet, proportional und auch nicht international abgestimmt.

UBS weniger glaubwürdig als die Behörden?

Ermotti weist darauf hin, dass die Behörden (auch bei den Parlamentariern) «grundsätzlich eine höhere Glaubwürdigkeit geniessen als ein Privatunternehmen» und kontert damit indirekt auch den Vorwurf eines intensiven Lobbyings der Grossbank (den auch Keller-Sutter verbreitet hatte).

Die Behörden hätten nicht die richtigen Lehren aus der Krise der Credit Suisse (CS) gezogen, moniert der Chef der letzten Schweizer Grossbank und redet dann Klartext:  «Die CS konnte nur so lange überleben, weil ihr die Finanzmarktaufsicht weitgehende Zugeständnisse gemacht und Ausnahmeregelungen gewährt hat. Die Nationalbank hat die Probleme ignoriert; in ihrem alljährlichen Bericht zur Finanzstabilität findet sich kein Wort darüber, dass sich die CS schon seit mindestens 2019 in einer sehr schwierigen Situation befand.»

Nicht zwei blaue Augen und eine gebrochene Nase

Auch wenn es gemäss Ermotti genügen würde, die bestehenden Regulierungen konsequent durchzusetzen, ist er auch Realist. «Ohne blaues Auge kommt die UBS nicht davon.» Seine Warnung mit Blick auf die Kapitalunterlegung an die Adresse des Parlaments: «Zwei blaue Augen und eine gebrochene Nase sind zu viel.» Dagegen hält er den auch vom UBS-Verwaltungsratspräsidenten Colm Kelleher bereits am Freitag am Bankiertag in St. Gallen als akzeptierbar bezeichneten Vorschlag der ständerätlichen Kommission für Wirtschaft und Abgaben, die Unterlegung hälftig mit hartem Eigenkapital und mit Additional Tier 1 (AT1) zu bestreiten, für «verkraftbar»; finews berichtete darüber.  

Ermotti nutzte die Gelegenheit, für das von den Schweizer Behörden als Reaktion auf die globale Finanzkrise seinerzeit stark geförderte, heute aber von ihnen in die Schmuddelecke gedrängten Instrument der AT1-Anleihen zu werben.  Sie eröffneten «einen glaubwürdigen Weg, um eine Restrukturierung einer Bank zu ermöglichen». Und er hält fest, dass die vorgesehenen Anpassungen bei den Emissionsbedingungen keine grundlegende Änderung bedeuteten, mehr Klarheit schüfen und im Einklang mit den internationalen Bestimmungen stünden.

Gegen die Brandbeschleuniger-These

Den oft gehörten Einwand, dass AT1 im Fall einer Krise als «Brandbeschleuniger» fungierten, lässt Ermotti nicht gelten. Habe eine Bank «einen vollen Tank mit AT1-Anleihen», sei dies im Gegenteil ein starkes positives Signal. 

Der UBS-CEO greift auch zu einer etwas speziellen Analogie, um die Folgen eines rigiden Eigenkapitalregimes zu illustrieren. «Zusätzliches Kapital wirkt wie ein Zoll.» Der Wirtschaftsstandort Schweiz werde einen Teil der Kosten zu tragen haben. Zudem argumentiert Ermotti mit dem internationalen Wettbewerb. «Glauben Sie mir, unsere internationalen Konkurrenten freuen sich riesig über die Situation, in der wir uns befinden.»

Showdown im Parlament

Eine Prognose zum Ausgang des Ringens lässt sich Ermotti auch von der NZZ nicht entlocken. Aber sein Schlussappell ist eindringlich: «Ich mache mir grosse Sorgen. Viele Politiker sind bei der Frage verunsichert, und es gibt auch Kreise, die sie verunsichern wollen. Aber es gibt auch diejenigen, welche die Dinge wirklich verstehen wollen. Sie alle werden am Mittwoch entscheiden.»

Es gehe um mehr als die UBS oder den Finanzplatz, sagt der Tessiner und zeigt sich im letzten Satz als Patriot: «Es geht um die Schweiz.».