«Schweizer wissen: Ein sicherer Hafen bietet nicht zwingend die höchste Rendite»
Lei Zhu, was hat sich an den asiatischen Anleihenmärkten grundlegend verändert?
Asien war früher vor allem Empfänger von Kapital aus den USA und Europa. Inzwischen ist die Region selbst zu einem Kapitalexporteur geworden. Über die vergangenen zwei Jahrzehnte sind beträchtliche Vermögen entstanden, die Anleihenmärkte haben sich entwickelt und die Bonität vieler Volkswirtschaften hat sich verbessert.
«Entscheidend ist, dass die Nachfrage zunehmend aus Asien selbst kommt.»
Dabei muss man zwei Bereiche unterscheiden: Anleihen in Hartwährungen, hauptsächlich auf Dollar lautende Unternehmensanleihen guter und schwächerer Bonität, sowie Anleihen in Lokalwährungen. Gerade die lokalen Märkte sind stark gewachsen.
Entscheidend ist, dass die Nachfrage zunehmend aus Asien selbst kommt. Wenn Anleger Kapital in die Region zurückführen, investieren sie häufig zuerst in hochwertige asiatische Anleihen.
Sie sehen in Teilen des asiatischen Anleihenmarkts einen alternativen sicheren Hafen. Worauf stützen Sie diese Einschätzung?
Sicherheit ist immer relativ. Die Diskussion über die US-Staatsverschuldung und die Herabstufungen der amerikanischen Bonität haben Anleger dazu gebracht, ihre bisherigen Vorstellungen zu hinterfragen.
Einen einzelnen Markt, der den traditionellen sicheren Hafen vollständig ersetzen könnte, gibt es nicht. Anleger verteilen ihr Kapital deshalb stärker auf verschiedene Währungen und Märkte. Singapur und Australien profitieren dabei von ihrer hohen staatlichen Bonität. Andere asiatische Märkte sind für bestimmte Anlegergruppen attraktiv.
Auch hochwertige asiatische Dollaranleihen profitieren von dieser Entwicklung. Das Angebot ist begrenzt, während die Nachfrage aus der Region selbst stark ist.
Hat sich diese Widerstandskraft in Krisen bereits bewährt?
Ja. Das haben wir sowohl während der Handelskonflikte als auch bei den jüngsten geopolitischen Spannungen gesehen. Teile des asiatischen Anleihenmarkts haben sich im internationalen Vergleich gut behauptet.
«In einer stärker fragmentierten Weltwirtschaft verstehen nicht mehr alle Anleger dasselbe unter einem sicheren Hafen.»
Zeitweise sanken die Renditen in Singapur und Hongkong, während sie in grossen westlichen Märkten stiegen. Für mich zeigt das, dass Anleger dort gezielt Sicherheit suchten.
Allerdings muss man die einzelnen Märkte betrachten. Asien ist kein einheitlicher Anlageblock.
Handelt es sich um vorübergehende Kapitalbewegungen oder um einen dauerhaften Wandel?
Ich halte das für eine strukturelle Entwicklung. In einer stärker fragmentierten Weltwirtschaft verstehen nicht mehr alle Anleger dasselbe unter einem sicheren Hafen.
Nehmen Sie Malaysia: Das Land profitiert davon, dass Unternehmen ihre Lieferketten breiter aufstellen. Hinzu kommen Investitionen aus dem benachbarten Singapur. Für Anleger aus dem Nahen Osten kann Malaysia - als islamisches Land - zudem ein relativ stabiler Standort ausserhalb ihrer eigenen Region sein.
Ein Markt muss nicht von allen als sicherer Hafen angesehen werden. Es genügt, wenn er die Anforderungen von Anlegern erfüllt, die über erhebliche Vermögen verfügen.
Warum nimmt Singapur eine besondere Stellung ein?
Singapur hat sich von einem regionalen zu einem globalen sicheren Hafen entwickelt. Das Kapital kommt längst nicht mehr nur aus Asien, sondern auch aus Europa und Nordamerika.
Ich habe 14 Jahre in Singapur gelebt und dort für die grösste Bank des Landes gearbeitet. Diese Entwicklung habe ich deshalb aus der Nähe verfolgt. Die hohe Bonität ist ein wichtiger Vorteil, gerade weil es nur eine begrenzte Zahl entsprechend gut bewerteter Staaten gibt.
Die Nachfrage zeigt sich auch in den vergleichsweise niedrigen Anleihenrenditen. Anleger akzeptieren tiefere laufende Erträge für die Sicherheit, die sie mit dem Standort verbinden.
Und welche Rolle spielt Hongkong?
Hongkong verbindet die Liquidität aus China mit dem amerikanischen Zinsumfeld. Am kurzen Ende werden die Zinsen stärker von den lokalen Liquiditätsverhältnissen und den Bedingungen auf dem chinesischen Festland beeinflusst. Bei längeren Laufzeiten ist die Verbindung zu den USA enger.
Daraus kann sich eine attraktive Zinskurve ergeben. Hinzu kommt die relativ niedrige Inflation, die das reale Zinsniveau interessant macht.
Wir beobachten Zuflüsse aus Festlandchina und anderen Teilen Asiens, zunehmend aber auch aus dem Nahen Osten und Europa. Hongkong und Singapur ergänzen sich aus meiner Sicht. Beide ziehen unterschiedliche Kapitalströme an und haben ihren Platz in einer breiter aufgestellten Vermögensallokation.
Die Risikoaufschläge asiatischer Unternehmensanleihen guter Bonität sind bereits tief. Was hält die Nachfrage aufrecht?
Dafür gibt es strukturelle Gründe. Asiatische Unternehmensanleihen weisen häufig eine kürzere Duration auf als vergleichbare US-Papiere. Gleichzeitig ist die Nachfrage regionaler Anleger hoch.
Dem steht ein relativ begrenztes Angebot an hochwertigen asiatischen Dollaranleihen gegenüber. Das wachsende Vermögen, der Wunsch nach defensiven Anlagen und das knappe Angebot erklären, weshalb die Risikoaufschläge sehr tief sein können.
Wer die Bewertungen verstehen will, sollte deshalb nicht nur auf den Renditeaufschlag gegenüber US-Staatsanleihen schauen. Ebenso wichtig ist, wer diese Papiere kauft und aus welchen Gründen.
Wie präsentiert sich der Hochzinsmarkt nach der chinesischen Immobilienkrise?
Die Situation unterscheidet sich deutlich von jener während der Immobilienkrise um das Jahr 2022. Die Ausfallraten sind gegenüber den damaligen Niveaus stark gesunken. Mit der Erholung haben sich auch die Risikoaufschläge erheblich eingeengt.
«Die reine Jagd nach Rendite kann in die Irre führen.»
Die Wahrnehmung vieler Anleger hat sich allerdings langsamer verändert. Asiatische Hochzinsanleihen werden noch immer stark mit hohen Ausfallrisiken verbunden.
Aus meiner Sicht erklärt diese Lücke zwischen Wahrnehmung und tatsächlicher Verbesserung, weshalb es trotz der kräftigen Erholung weiterhin Chancen gibt.
Was macht asiatische Anleihen gerade für Schweizer Anleger interessant?
Schweizer Anleger wissen, dass ein sicherer Hafen nicht zwingend die höchste Rendite bietet. Das zeigt die Schweiz selbst sehr deutlich.
Die reine Jagd nach Rendite kann in die Irre führen. Manchmal steigen die Zinsen eines Landes, weil Anleger für das Halten seiner Schulden eine höhere Entschädigung verlangen. Sinkende Renditen können umgekehrt Ausdruck einer starken Nachfrage nach Stabilität sein.
Aus Schweizer Sicht bieten ausgewählte asiatische Anleihenmärkte die Möglichkeit, defensive Anlagen breiter zu verteilen. Das tiefe Schweizer Zinsniveau macht zudem die laufenden Erträge in Teilen Asiens interessant. Dabei muss man Hochzinsanleihen getrennt von Papieren guter Bonität und Lokalwährungsanleihen beurteilen.
Wie offen sind Schweizer Anleger gegenüber Asien?
Nach meiner Erfahrung sind sie vergleichsweise aufgeschlossen. Viele kennen Singapur und Hongkong gut oder haben selbst dort gearbeitet.
Die Schweiz ist seit langem eng mit der asiatischen Vermögensverwaltung verbunden und hat die Entwicklung Singapurs zum Finanzzentrum mitgeprägt. Diese Vertrautheit hilft dabei, die Institutionen und die Funktionsweise der Märkte zu verstehen.
Welche Länder profitieren von den Spannungen zwischen China und den USA?
Mehrere südostasiatische Volkswirtschaften gewinnen dadurch, dass Unternehmen ihre Produktion und Lieferketten auf zusätzliche Standorte verteilen. Auch chinesische Unternehmen bauen ihre Fertigung in der Region aus.
Viele Länder übernehmen damit eine verbindende Funktion zwischen China, den USA und Europa. Vietnam profitiert beispielsweise davon, dass Unternehmen neben China weitere Produktionsstandorte schaffen.
«Unternehmen, die sich günstig in China finanzieren können, senken unter Umständen ihre gesamten Finanzierungskosten.»
Dazu kommt der Investitionsboom rund um künstliche Intelligenz. Taiwan und Südkorea profitieren von der Halbleiterproduktion, Malaysia und Indonesien vom Ausbau der Rechenzentren. Die einzelnen Länder sind an unterschiedlichen Stellen an dieser Entwicklung beteiligt.
Sie bezeichnen China auch als wichtige Liquiditätsquelle für Asien. Was bedeutet das konkret?
China verfügt über einen grossen Kapitalpool. Gleichzeitig sind die Inflation und die heimische Kreditnachfrage relativ niedrig. Dadurch können Kapital und Finanzierungen verstärkt ins Ausland fliessen.
Das beschränkt sich nicht auf den Kauf von Wertpapieren. Es geht auch um Kredite, die Finanzierung ausländischer Produktionsstätten und den Zugang zum Renminbi-Anleihenmarkt. Unternehmen, die sich günstig in China finanzieren können, senken unter Umständen ihre gesamten Finanzierungskosten.
Hinzu kommt der Handel: Preiswerte chinesische Waren können den Inflationsdruck in anderen Ländern dämpfen. Diese Verbindungen helfen zu erklären, weshalb manche asiatischen Volkswirtschaften ein tieferes Zinsniveau als die USA aufrechterhalten können.
Wie weit ist dieser Wandel bereits fortgeschritten?
Aus meiner Sicht stehen wir noch am Anfang. Die asiatischen Anleihenmärkte sind zwar gewachsen, im Verhältnis zum weltweit nach Diversifikation suchenden Kapital aber weiterhin relativ klein.
Schon heute gibt ihnen das Vermögen innerhalb der Region starken Rückhalt. Wenn internationale Anleger ihre defensiven Anlagen neu verteilen, eröffnet das zusätzliches Entwicklungspotenzial.














