Staatschulden: Mehr Zins für Blutspender und andere Ideen
«Blut für Bonds? Warum Staaten jetzt um Anleihekäufer werben», titelt ETHENEA in einem aktuellen Kommentar. Dabei ist das zitierte Beispiel aus Rumänien nicht ganz neu. Das sogenannte Fidelis-Programm wurde schon im August 2020 aufgelegt und ermöglicht es In- und Ausländern, über die Bukarester Börse direkt in rumänische Staatsanleihen zu investieren – in Leu oder Euro, mit verschiedenen Laufzeiten von zwei bis zehn Jahren. Die Mindestanlagesummen sind bewusst niedrig gehalten, um auch Kleinsparer anzusprechen. Seit dem Start hat das Programm über 71,7 Milliarden Leu (rund 12,5 Milliarden Franken) eingesammelt, allein 2025 waren es mit über 21 Milliarden Lei so viel wie nie zuvor in einem einzelnen Jahr. Und laut offiziellen Zahlen waren es im aktuellen Jahr nochmals gut 9 Milliarden Leu. Unter anderem sind alle Erträge aus diesen Staatsanleihen von den Steuern ausgenommen.
Speziell: Wer in Rumänien Blut spendet, kann unter vergünstigten Bedingungen Staatsanleihen zeichnen. Die Regierung in Bukarest bietet dafür eine spezielle Anleihetranche mit einem ein Prozent höheren Zins von aktuell 7,6 Prozent Zins an. Gleichzeitig wurde die Mindestanlage für Blutspender von 5'000 auf 500 Lei gesenkt.
Was zunächst wie eine Kuriosität erscheint, steht für eine Entwicklung an den internationalen Anleihemärkten.
Notenbanken ziehen sich zurück
«Staaten bemühen sich wieder stärker um Käufer ihrer Anleihen und nehmen dabei die eigenen Bürger in den Blick», erklärt Jörg Held, Head of Portfolio Management beim Vermögensverwalter ETHENEA Independent Investors.
Rumänien ist dabei kein Einzelfall. Italien bietet spezielle Staatsanleihen für Privatanleger an. Auch Japan und Brasilien verkaufen Staatspapiere direkt an die Bevölkerung.
In Hongkong wurden digitale grüne Anleihen in mehreren Währungen ausgegeben, die mit Blockchain-Technik verteilt werden. Auch Slowenien versucht sich in digitalen Anleihen. Der Vorteil solcher Investments: Man kann schon mit geringen Beträgen einsteigen. «Die Digitalisierung des gesamten Emissionsprozesses senkt sowohl die Finanzierungskosten als auch die Zeichnungsgebühren», nennt das World Economic Forum die Vorteile von solchen Lösungen.
Auch Länder wie Thailand, Ägypten und die Philippinen haben ähnliche Angebote. Die Elfenbeinküste und Senegal geben besonderen Anleihen für Bürger aus, die im Ausland leben. Sie gelten als finanzstark und überweisen jährlich Millionensummen zurück in die Heimat. Auf Fidschi und den Seychellen dienen die Kleinanleihen wie auch in Rumänien einem guten Zweck: Die Erlöse gehen in Klima- und Meeresschutzprojekte.
Elf Prozent der Staatsschulden gehören privaten Haushalten
«Jedes bisschen hilft», sagte Moritz Krämer, Chefökonom bei der Landesbank Baden-Württemberg und ehemaliger Chief Ratings Officer bei S&P Global gegenüber Bloomberg. «Die Regierungen versuchen, jeden Kredit zu nehmen, den sie bekommen können.» Ein Vorteil bei den Kleinanlegern: Anders als Hedgefonds spekulieren sie laut Krämer nicht mit den Anleihen, sondern halten sie für einen längeren Zeitraum. Die hohen Renditen machen die Anleihen auch bei Sparern attraktiv.
Hintergrund ist eine Verschiebung der Nachfrage. Während die Haushaltsdefizite vieler Staaten hoch bleiben, reduzieren Notenbanken im Zuge des Abbaus ihrer Anleihebestände ihre Rolle als Grosskäufer.
Für die Finanzministerien wird es dadurch wichtiger, zusätzliche Anlegergruppen zu erschliessen.
«Wer mehr Schulden verkaufen muss und weniger Grossabnehmer findet, wendet sich an den eigenen Bürger als treuen Gläubiger. Er kauft regelmässig und verkauft selten in Panik», sagt Held.
Private Haushalte hielten 2024 in den von der OECD erfassten Ländern elf Prozent der Staatsschulden – mehr als doppelt so viel wie 2021. Sechs Länder gaben im Zeitraum bis Oktober 2025 neue, auf Privatanleger zugeschnittene Wertpapiere aus, sechs weitere planten dies ebenfalls.
Speziell in Japan boomt der Anleihenverkauf, da Privatanleger nach den höchsten Renditen seit Jahrzehnten greifen. Das Land verkaufte zwischen April und September Anleihen im Rekordwert von 5,14 Billionen Yen (etwa 27 Milliarden Franken) an Privatanleger – ein Plus von 84 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Rendite heisst auch Risiko
«Hohe Renditen sind nie ein Geschenk, sondern immer Ausdruck eines Risikos. Anleger sollten deshalb genau verstehen, wofür sie die Prämie erhalten», warnt Held.
Dass Investoren wieder stärker zwischen einzelnen Staaten unterscheiden, zeigt sich auch innerhalb der Eurozone.
Frankreich muss für zehnjährige Staatsanleihen inzwischen einen Renditeaufschlag von mehr als einem Prozentpunkt gegenüber Deutschland bezahlen, wie ETHENEA ausführt. Damit ist die Differenz auf ein Niveau gestiegen, das seit der Eurokrise nicht mehr erreicht worden sei.
Als Gründe gelten die hohe Staatsverschuldung, das anhaltend grosse Haushaltsdefizit und die politische Unsicherheit durch fehlende stabile Mehrheiten im Parlament.
Für Deutschland stellt sich die Ausgangslage bislang günstiger dar. Allerdings dürfte auch dort der Finanzierungsbedarf steigen, insbesondere durch zusätzliche Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung.
Der Bund hat den direkten Vertrieb von Bundesschatzbriefen an Privatanleger bereits 2012 eingestellt. Nach Einschätzung von Held könnte die Frage einer stärkeren Beteiligung privater Sparer an der Staatsfinanzierung wieder aktuell werden.
Potenzial wäre vorhanden: Rund 3,6 Billionen Euro deutscher Ersparnisse liegen laut ETHENEA auf Bankkonten, die vielfach nur geringe Zinsen abwerfen.
Bonität wird wichtiger als der Kupon
Für Anleiheinvestoren eröffnet das veränderte Marktumfeld neue Möglichkeiten. Nach der langen Niedrigzinsphase bieten Staatsanleihen wieder höhere laufende Erträge. Gleichzeitig verlangen die Märkte für finanzpolitisch schwächere Länder deutlichere Risikoaufschläge.
Entscheidend ist deshalb nicht allein die Höhe des versprochenen Zinses, sondern auch die Fähigkeit des Schuldners, seine Verpflichtungen langfristig zu erfüllen.
«Das Beispiel Frankreich zeigt, Anlegern wird die Bonität eines Schuldners zunehmend wichtiger als die Höhe des Kupons», sagt Held.













