El Niño und Iran-Krieg: Agrarrohstoffe drohen zum nächsten Preistreiber zu werden

Die internationalen Agrarmärkte stehen möglicherweise vor einer neuen Phase erheblicher Preisschwankungen. Zwei Entwicklungen treffen dabei aufeinander: ein sich verstärkendes El-Niño-Wetterphänomen und die anhaltenden Störungen der Energie- und Düngemittelversorgung durch den Krieg im Nahen Osten.

Nach Einschätzung von Aneeka Gupta, Equity Strategist beim Vermögensverwalter Wisdom Tree, könnten die Auswirkungen 2027 sichtbar werden. Während geopolitische Risiken bereits heute auf die Preise wirken, dürften sich die extremen Wetterbedingungen erst mit zeitlicher Verzögerung auf die Ernten auswirken.

Wetterdienste warnen vor aussergewöhnlich starkem El Niño

Die amerikanische Wetterbehörde NOAA rechnet laut der Analyse mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent mit einem sehr starken El-Niño-Ereignis im Herbst und Winter 2026/27. Auch die Weltorganisation für Meteorologie geht von einer anhaltenden und intensiven Wetteranomalie aus.

Der australische Wetterdienst meldete Mitte September für den relevanten Niño3.4-Index eine Temperaturabweichung von plus 2,51 Grad Celsius. Die Schwelle für El Niño liegt bei plus 0,80 Grad. Mehrere Prognosemodelle erwarten sogar Werte von über 3 Grad.

Für die Landwirtschaft ist dabei weniger der Zeitpunkt des meteorologischen Höhepunkts entscheidend als dessen verzögerte Wirkung. Laut Wisdom Tree können zwischen dem Höhepunkt im Pazifik und den Auswirkungen auf die Ernten sechs bis zwölf Monate liegen.

Besonders betroffen sein könnten Australien, Indien, Westafrika sowie wichtige Anbaugebiete für Palmöl und Kaffee in Südostasien.

Iran-Krieg trifft die Düngemittelproduktion

Zusätzlich verschärft der Krieg im Nahen Osten die Versorgungslage bei wichtigen landwirtschaftlichen Produktionsmitteln. Anders als bei früheren Konflikten geht es laut Wisdom Tree nicht nur um unterbrochene Transportwege, sondern zunehmend um beschädigte oder stillgelegte Produktionsanlagen.

Der Analyse zufolge sind schätzungsweise 31 Ammoniakwerke im Nahen Osten direkt betroffen oder vollständig stillgelegt. Weitere 49 Anlagen in Südasien arbeiten wegen Rohstoffengpässen nur eingeschränkt oder stehen ebenfalls still. Hinzu kommen mindestens 20 durch Drohnenangriffe beschädigte Werke in Russland.

Naher Osten und Russland

Die Dimension ist erheblich: Auf die Golfstaaten entfallen rund 43 Prozent der weltweit auf dem Seeweg transportierten Harnstoffexporte und 44 Prozent des entsprechenden Schwefelhandels.

Die Wiederherstellung der Produktionskapazitäten dürfte nach Einschätzung von Wisdom Tree mehrere Jahre dauern. Damit würden die Düngemittelkosten auch dann höher bleiben, wenn sich die geopolitische Lage wieder beruhigt.

Weizen verteuert sich trotz hoher Ernteprognosen

Besonders deutlich zeigt sich der Einfluss geopolitischer Risiken beim Weizen. Obwohl das US-Landwirtschaftsministerium seine Prognose für die weltweite Produktion 2026/27 um 3,1 Millionen auf 822,4 Millionen Tonnen erhöhte, ist der Weizenpreis seit Jahresbeginn um 42 Prozent gestiegen.

Auch die erwarteten globalen Endbestände wurden um 3 Millionen auf 276,3 Millionen Tonnen nach oben korrigiert. Der Preisanstieg lässt sich damit kaum durch eine allgemeine Verknappung erklären. Ausschlaggebend sind vielmehr die anhaltenden Angriffe auf Hafenanlagen und Transportinfrastruktur am Schwarzen Meer. Über diese Region wird normalerweise fast ein Viertel der weltweiten Weizenexporte abgewickelt.

Gleichzeitig hat sich die spekulative Nettopositionierung bei Weizen innerhalb eines Monats um 130 Prozent erhöht. Dies deutet auf eine deutlich veränderte Einschätzung der Marktteilnehmer hin.

Mais leidet unter steigenden Produktionskosten

Bei Mais sieht Wisdom Tree dagegen bereits konkrete Anzeichen einer Angebotsverknappung. Die Prognose für die amerikanische Maisproduktion 2026/27 wurde um 5,4 Millionen auf 401,3 Millionen Tonnen gesenkt. Weltweit dürfte die Produktion nach den jüngsten Schätzungen um 7,9 Millionen Tonnen tiefer ausfallen als zuvor angenommen und 1,291 Milliarden Tonnen erreichen.

Die globalen Endbestände wurden um 2,6 Millionen auf 272,1 Millionen Tonnen reduziert. Hinzu kommt die hohe Abhängigkeit der Maisproduktion von Stickstoffdünger. Wisdom Tree erwartet, dass die Düngemittelpreise bis 2028 über dem Niveau vor dem Nahostkonflikt bleiben könnten.

In Regionen, in denen Landwirte bereits seit mehreren Jahren weniger Phosphat und Kalium einsetzen, seien die Ausbringungsmengen um 10 bis 15 Prozent gesunken. Die Auswirkungen auf die Ernteerträge könnten sich erst mit mehrjähriger Verzögerung zeigen.

Zucker profitiert gleich von zwei Preistreibern

Unter den Agrarrohstoffen sieht Wisdom Tree Zucker als besonders anfällig für die Kombination aus Wetterrisiken und hohen Energiepreisen. Seit Jahresbeginn hat sich Zucker laut der Analyse um rund 20 Prozent verteuert. Anfang September notierte Rohzucker bei 18,44 US-Cent je Pfund und damit nahe einem 16-Monats-Hoch.

In Brasilien, einem der wichtigsten Anbauländer, sank die Zuckerproduktion in den zentralen und südlichen Gebieten in der ersten Augusthälfte um 7,9 Prozent. Hohe Energiepreise schaffen für die brasilianischen Zuckerrohrmühlen zudem einen Anreiz, mehr Rohstoff für die Ethanolproduktion und weniger für die Zuckerherstellung einzusetzen.

Auch Indien steht unter Druck. Die Regierung genehmigte die zollfreie Einfuhr von 1 Million Tonnen Rohzucker, während wichtige Anbauregionen unterdurchschnittliche Monsunniederschläge verzeichneten.

Kakao und Kaffee: Unterschiedliche Ausgangslagen

Beim Kakao ist die Situation weniger eindeutig. Zwar könnten ausbleibende Regenfälle in Westafrika die Ernte gefährden. Gleichzeitig haben sich die Lagerbestände nach dem Preisschock der vergangenen Jahre deutlich erholt. Die europäischen Kakaoverarbeitungsmengen gingen im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 4,6 Prozent zurück und erreichten den tiefsten Stand seit 17 Jahren.

Trotz der Wetterrisiken verfügt der Markt damit über einen grösseren Lagerpuffer als während der Preiskrise 2023/24. Seit Jahresbeginn ist Kakao laut WisdomTree um 9 Prozent günstiger geworden.

Schäden in der Blütephase?

Beim Kaffee unterscheidet die Analyse zwischen Arabica und Robusta. Während sich die Versorgung mit Arabica aus Brasilien verbessert, könnten Trockenperioden in Vietnam und Indonesien die künftige Robusta-Produktion beeinträchtigen. Besonders relevant ist dabei der Zeitpunkt: Schäden während der Blütephase würden sich bei den mehrjährigen Kaffeepflanzen erst auf die Ernte 2027/28 auswirken.

Die Robusta-Preise liegen laut WisdomTree dennoch nahe ihren jüngsten Tiefstständen. Daraus ergibt sich nach Einschätzung des Vermögensverwalters eine mögliche Diskrepanz zwischen den aktuellen Marktpreisen und den längerfristigen Angebotsrisiken.

Nicht alle Agrarrohstoffe entwickeln sich gleich

Die bisherige Preisentwicklung zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Rohstoffen. Während Weizen seit Jahresbeginn um 42 Prozent, Baumwolle um 25 Prozent und Zucker um 20 Prozent zulegten, verbilligten sich Kaffee um 22 Prozent und Orangensaft um 28 Prozent. Kakao verlor neun Prozent.

Auch Sojabohnen folgen einer anderen Dynamik. Hier stehen weniger die Wetterrisiken als vielmehr die Nachfrage aus China und die Verbindung zum Biokraftstoffmarkt im Vordergrund.

China hat laut WisdomTree in der laufenden Saison bereits fast 13 Millionen Tonnen amerikanische Sojabohnen gekauft. Gleichzeitig liegen die Lagerbestände von Sojabohnen und Sojaöl um 7,9 beziehungsweise 8,5 Prozent über ihren saisonalen Fünfjahresdurchschnitten.

Was das für Anleger bedeutet

Für Rohstoffanleger zeichnet sich damit ein komplexes Umfeld ab. Steigende Produktionskosten, geopolitische Unsicherheiten und mögliche Ernteausfälle könnten einzelne Agrarrohstoffe verteuern. Gleichzeitig sprechen hohe Lagerbestände und eine teilweise schwächere Nachfrage gegen einen allgemeinen Preisanstieg.

Wisdom Tree sieht insbesondere dort mögliche Chancen, wo künftige Wetterrisiken bislang nur unzureichend in den Preisen berücksichtigt sind. Dazu zählt der Vermögensverwalter vor allem Robusta-Kaffee.

Die entscheidende Unsicherheit bleibt jedoch die tatsächliche Entwicklung von El Niño. Schwächt sich die Nachfrage ab, könnten sich die Preise auch deutlich anders entwickeln. Fest steht aus Sicht von Wisdom Tree: Die Kombination aus Wetterextremen und gestörten Düngemittelmärkten könnte die Agrarrohstoffpreise weit über das laufende Jahr hinaus beeinflussen.