Was der Iran-Krieg für Investoren bedeutet
Der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Israel auf der einen Seite und Iran auf der anderen ist rasch in eine Eskalationsphase eingetreten – mit erheblichen Folgen für die Geopolitik, die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte. Von US- und israelischen Offiziellen als Operation «Epic Fury» bezeichnet, spiegelt die Kampagne den gezielten Versuch wider, einen Regimewechsel im Iran herbeizuführen und zugleich die regionalen Machtverhältnisse neu zu ordnen.
Wir erwarten, dass diese Eskalationsphase – abhängig von der Reaktion der Finanzmärkte, der Intensität der militärischen Operationen und möglichen Kollateralschäden im Nahen Osten – mehrere Tage bis einige Wochen andauern wird. Obwohl Iran keine direkte militärische Bedrohung für die Vereinigten Staaten oder Israel darstellt, ist der Konflikt ein weiteres Beispiel für einseitige Interventionen, die an frühere US-Kriege wie im Irak erinnern.
Erosion der regelbasierten Weltordnung
Der Krieg zeigt zudem – nach Russlands völkerrechtswidrigem Angriff auf die Ukraine – erneut die zunehmende Dominanz machtpolitischer («hard power») Geopolitik in den internationalen Beziehungen. Mehrere Verletzungen des Völkerrechts verdeutlichen die Erosion der regelbasierten Weltordnung, in der strategische Rivalität zunehmend rechtliche Rahmenwerke und multilaterale Institutionen überlagert.
«Iran ist realistisch weder zu besetzen noch dauerhaft zu kontrollieren.»
Die Vereinigten Staaten starteten die Kampagne ohne Konsultation ihrer Verbündeten, obwohl sie für militärische Operationen auf europäische logistische Infrastruktur angewiesen sind. Der Konflikt legt damit erneut die wachsende Kluft zwischen unilateralem Handeln und jener kooperativen Sicherheitsarchitektur offen, die westliche Allianzen bislang geprägt hat.
Strategische Realitäten eines Krieges mit Iran
Strategisch unterscheidet sich Iran grundlegend von früheren militärischen Zielen wie Irak oder Afghanistan. Mit einer Bevölkerung von rund 90 Millionen Menschen, einem ausgedehnten und gebirgigen Territorium sowie einem gefestigten politischen und militärischen System ist Iran realistisch weder zu besetzen noch dauerhaft zu kontrollieren. Die Streitkräfte und die Revolutionsgarden verfügen über umfangreiche Raketenfähigkeiten und regionale Proxy-Netzwerke, während die geografischen Gegebenheiten des Landes eine erhebliche strategische Verteidigungstiefe bieten.
Der Konflikt dürfte sich daher primär in Form von Luftangriffen, Raketenbeschuss, Cyberoperationen sowie Angriffen auf kritische Infrastruktur entfalten – und weniger als klassischer Bodenkrieg.
Moderne Kriegsführung unterstreicht die entscheidende Bedeutung kritischer Infrastruktur. Energieanlagen, Entsalzungsanlagen, Verkehrsnetze, Stromsysteme und Kommunikationsinfrastruktur sind verwundbare Ziele, die eine Volkswirtschaft lähmen können, ohne dass eine vollständige Invasion erforderlich ist. Die Zerstörung oder Störung solcher Infrastrukturen schwächt wirtschaftliche Aktivität erheblich, ohne eine militärische Besetzung zu erfordern – und macht Infrastrukturangriffe zu einem zentralen Element moderner Konflikte.
Strategische Rolle der Energiemärkte
Aus geopolitischer Sicht befindet sich der Konflikt klar in einer Eskalationsphase. Der Name der Operation «Epic Fury» signalisiert die Absicht, maximalen Druck auf das iranische Regime auszuüben. Gleichzeitig dürfte die Dauer dieser Phase begrenzt sein, da die Energiemärkte starken Einfluss auf die Dynamik des Konflikts haben.
Iran kontrolliert den Zugang zur Strasse von Hormus, einem engen maritimen Engpass, durch den rund 20 Prozent des globalen Ölangebots transportiert werden. Jede Störung der Schifffahrt in diesem Korridor führt unmittelbar zu erheblichen Preissprüngen auf den globalen Energiemärkten.
«Das wahrscheinlichste Szenario ist eine Transformation des Regimes hin zu einer autoritären, aber wirtschaftlich pragmatischen Regierung.»
Iran hat daher starke Anreize, den Konflikt zu regionalisieren – etwa durch Angriffe auf Seewege, Energieinfrastruktur oder verbündete Anlagen in der Golfregion. Solche Maßnahmen betreffen vor allem Asien als wichtigsten Absatzmarkt für Energie aus den Golfstaaten, wirken sich jedoch auch auf Europa und in geringerem Maße auf die Vereinigten Staaten aus. Selbst wenn sich direkte militärische Operationen geografisch auf den Nahen Osten konzentrieren, hat der Konflikt somit globale wirtschaftliche Relevanz.
Drei mögliche politische Szenarien für Iran
Die Forderung von Donald Trump nach einer «bedingungslosen Kapitulation» Irans ist unrealistisch, da Iran weder Deutschland noch Japan im Jahr 1945 ist und daher nicht in vergleichbarer Weise zu einer vollständigen Kapitulation gezwungen werden kann.
Drei grundlegende Szenarien könnten den politischen Ausgang für Iran prägen:
- Das erste Szenario wäre die Entstehung eines «Failed State», ähnlich wie im Irak nach der US-Invasion von 2003. In diesem Fall würde das politische System Irans kollabieren und in Fragmentierung sowie interne Konflikte abgleiten. Aufgrund der deutlich grösseren Bevölkerung und des umfangreicheren Territoriums Irans wären die Folgen erheblich gravierender als im Irak. Regionale Mächte wie die Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten fürchten und lehnen ein solches Szenario ab, da es den Nahen Osten destabilisieren und massive Flüchtlingsbewegungen in Nachbarregionen und nach Europa auslösen könnte.
- Das zweite – und wahrscheinlichste – Szenario ist eine Transformation des Regimes hin zu einer autoritären, aber wirtschaftlich pragmatischen Regierung. In diesem Fall würde das theokratische System durch eine technokratisch geprägte Führung ersetzt oder umgestaltet, die von den Revolutionsgarden unterstützt wird. Eine solche Struktur würde die politische Macht zentralisieren, gleichzeitig aber wirtschaftliche Öffnungsschritte ermöglichen, etwa durch Sanktionslockerungen, internationale Investitionen und stärkeren Handel.
- Das dritte und am wenigsten wahrscheinliche Szenario wäre ein demokratischer Übergang mit repräsentativen Wahlen und einer säkularen politischen Ordnung. Zwar ist die iranische Bevölkerung – insbesondere die jüngere Generation – hoch gebildet und zunehmend säkular geprägt. Ein solcher Übergang würde jedoch stabile Institutionen und einen geordneten politischen Transformationsprozess voraussetzen, der unter äußerem militärischem Druck derzeit kaum realistisch erscheint.
Geoökonomische Folgen für Investoren
Für globale Investoren schafft der Konflikt unmittelbare geoökonomische Risiken. Energiemärkte bilden dabei den wichtigsten Übertragungskanal. Störungen in der Strasse von Hormus oder Angriffe auf Energieinfrastruktur in der Region treiben die Preise für Öl und Gas rasch nach oben. Solche Preisschocks schlagen sich in höherer Inflation nieder, schwächen die Kaufkraft der Konsumenten, drücken auf Unternehmensmargen, verschlechtern die Anlegerstimmung und erhöhen die Volatilität sowie das Verlustrisiko an den Finanzmärkten.
Besonders verwundbar ist Asien aufgrund seiner starken Abhängigkeit von Energieimporten aus dem Nahen Osten. Europa ist etwas weniger exponiert, da die Energieversorgung stärker diversifiziert ist – insbesondere durch Flüssigerdgas (LNG) und strategische Reserven. Dennoch würden auch hier deutliche Preiseffekte auftreten. Störungen im Schiffsverkehr im Golf würden zudem Transport- und Versicherungskosten erhöhen und damit globale Lieferketten sowie Handelsströme belasten.
«Der Iran-Konflikt verstärkt die fortschreitende Fragmentierung des globalen Wirtschaftssystems.»
Finanzmärkte reagieren erfahrungsgemäß schnell auf Schocks dieser Größenordnung. Steigende Energiepreise, Lieferkettenstörungen, politische Unsicherheit und mögliche weitere Eskalation führen zu starken Bewegungen bei Aktien, Währungen und Anleihen. Hinzu kommen innenpolitische Faktoren in den Vereinigten Staaten, da die öffentliche Meinung gespalten ist und sich rasch verschlechtern könnte, sollten Opferzahlen steigen oder Benzinpreise deutlich anziehen.
Strategische Anlageimplikationen
Auf struktureller Ebene verstärkt der Iran-Konflikt die fortschreitende Fragmentierung des globalen Wirtschaftssystems in drei geopolitische Blöcke: ein US-zentriertes Amerika, ein EU-zentriertes europäisches System und eine von China dominierte asiatische Sphäre. Wirtschaftliche Verflechtungen bestehen weiterhin, werden jedoch zunehmend durch geopolitische Risiken, Diversifizierung der Lieferketten und regionale Investitionsstrategien gesteuert.
China spielt in dieser neuen Ordnung eine zentrale Rolle, da Stabilität im Nahen Osten für seine Energiesicherheit entscheidend ist. Die Region bleibt Chinas wichtigste Quelle für Öl- und Gasimporte, weshalb Peking ein starkes Interesse daran hat, Instabilität zu begrenzen und stabile Beziehungen sowohl zu regionalen Akteuren als auch zu den Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten.
Für Investoren unterstreichen diese Entwicklungen die wachsende Bedeutung von Sektoren, die mit nationaler Sicherheit, technologischer Innovation und der Resilienz kritischer Infrastruktur verbunden sind. Verteidigungsindustrien, Dual-Use-Technologien und Investitionen in kritische Infrastruktur dürften dauerhaft staatliche Unterstützung erhalten, da geopolitische Spannungen nationale Prioritäten neu definieren. Europa dürfte insbesondere von steigenden Verteidigungsausgaben, industrieller Modernisierung und Bestrebungen nach größerer strategischer Autonomie profitieren. Finanzplätze wie die Schweiz gewinnen in solchen Phasen zusätzlich an Bedeutung, da sie traditionell als sichere Häfen in geopolitisch turbulenten Zeiten gelten.
In diesem Umfeld richten Investoren ihre Portfolios stärker entlang geopolitischer Räume und Referenzwährungen aus. Europäische Aktien, Unternehmen aus der Verteidigungs- und Dual-Use-Technologie, Infrastrukturinvestitionen sowie Anlagen in Euro und Schweizer Franken dürften daher weiterhin von der strukturellen Transformation der geopolitischen und wirtschaftlichen Landschaft profitieren.
Beat Wittmann ist Chairman und Partner der in Zürich ansässigen Finanzberatungs-Gesellschaft Porta Advisors. Der Bündner blickt auf eine mehr als 30-jährige Karriere im Schweizer Bankwesen zurück, die ihn unter anderem zu den Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse sowie zu Clariden Leu und Julius Bär führte. Von 2009 und 2015 war er zunächst selbständig und danach für die Schweizer Raiffeisen-Gruppe im Asset Management tätig.














