ETF-Boom: Jetzt kommt die Gegenbewegung
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In den ersten neun Monaten 2026 verzeichnete die DWS langfristige Nettomittelzuflüsse von knapp 35 Milliarden Euro. Ein grosser Teil des Wachstums entfiel auf das Geschäft mit passiven Anlageprodukten, insbesondere auf die ETF-Marke Xtrackers.
«Das Wachstum von ETFs geht weiter, es beschleunigt sich», sagt Sven Württemberger, CEO der DWS Schweiz, die künftig als Deutsche Asset Management auftritt, im Gespräch mit finews. Europaweit seien die Mittelzuflüsse in ETFs im bisherigen Jahresverlauf gegenüber der entsprechenden Vorjahresperiode um knapp 50 Prozent gestiegen.
Für die DWS ist das Geschäft mit kostengünstigen, skalierbaren Anlageprodukten damit weiterhin einer der wichtigsten Wachstumstreiber.
ETF-Wachstum allein reicht nicht
Doch Württemberger beobachtet gleichzeitig eine Entwicklung, die auf den ersten Blick im Widerspruch zum Siegeszug passiver Anlagen steht: Aktives Asset Management gewinnt wieder an Bedeutung.
«Wir hören immer mehr von institutionellen, aber auch semi-institutionellen Kunden, dass sie aktive Lösungen wieder stärker in ihre Portfolios einbeziehen», erklärt er.
Der Grund liegt unter anderem in der zunehmenden Konzentration wichtiger Aktienindizes auf wenige grosse Technologieunternehmen. Wer ausschliesslich einem Referenzindex folgt, ist automatisch stark in diesen Titeln engagiert.
Damit rückt zunehmend die Frage in den Vordergrund, wie sich solche Konzentrationen durch eine breitere Diversifikation gezielt ausbalancieren lassen.Für Investoren stellt sich deshalb zunehmend die Frage, wie sie sich breiter diversifizieren und gleichzeitig zusätzliche Rendite gegenüber der Benchmark erzielen können.
Privatbanken erweitern ihre Strategie
Die Veränderung ist laut Württemberger bereits in Kundengesprächen zu spüren.
So habe eine grosse Privatbank angekündigt, künftig wieder stärker aktive Fonds einzusetzen. Auch in der Schweiz registriere die DWS eine zunehmende Nachfrage nach aktiven und semiaktiven Anlagelösungen.
Dazu gehören aktive ETFs, benchmarknahe Strategien und sogenannte Index-Enhanced-Lösungen. Letztere orientieren sich weiterhin an einem Referenzindex, erlauben dem Portfoliomanagement aber gezielte Abweichungen, um zusätzliche Rendite zu erwirtschaften.
Auch Pensionskassen beschäftigten sich zunehmend mit der Frage, wie indexbasierte Modelle sinnvoll um ergänzende Index-Enhanced-Lösungen und aktive Elemente erweitert werden können
Für Württemberger ist deshalb nicht von einer Ablösung passiver durch aktive Strategien auszugehen. Vielmehr werde die Nachfrage differenzierter.
Postfinance-ETF erschliesst neue Kundengruppe
Ein Beispiel für die Bedeutung des ETF-Geschäfts ist die Zusammenarbeit mit Postfinance.
Der gemeinsam lancierte ETF wurde nach Angaben Württembergers bereits wenige Monate nach seiner Einführung als «ETF des Jahres» ausgezeichnet. Postfinance erhielt zudem die Auszeichnung als «Newcomer des Jahres» bei den Swiss ETF Awards.
Die Resonanz habe die Erwartungen übertroffen. Allerdings steht das Produkt bei der Entwicklung des Anlagevolumens noch in einer frühen Wachstumsphase. «Der Aufbau von 10 auf 50 Millionen ist eine wichtige Wachstumsphase. Mit zunehmender Grösse erweitert sich in der Regel auch der Kreis potenzieller Investorener», sagt Württemberger mit Blick auf die notwendige Skalierung eines neuen ETF.
In der jetzigen Phase fokussiert sich der ETF zunächst vor allem auf Privatanleger. Mit steigendem Fondsvolumen kann das Produkt auch für grössere institutionelle Investoren zunehmend interessant werden, da viele professionelle Anleger Mindestvolumina berücksichtigen. Der Postfinance-ETF richte sich derzeit deshalb vor allem an selbstentscheidende Privatanleger.
Mittelfristig sieht Württemberger jedoch weiteres Potenzial bei unabhängigen Vermögensverwaltern, Neobrokern und anderen digitalen Vertriebskanälen.
Der Kampf um die Vertriebskanäle
Die zunehmende Bedeutung von Neobrokern, Online-Plattformen und ETF-Sparplänen verändert auch das Geschäftsmodell grosser Asset Manager.
Württemberger macht deutlich, dass die DWS in diesen Bereichen weiter wachsen möchte. Gleichzeitig sollen institutionelle Kunden verstärkt mit massgeschneiderten Lösungen angesprochen werden.
Die Grenzen zwischen passivem und aktivem Management werden dadurch zunehmend durchlässiger. Ein ETF kann passiv oder aktiv verwaltet werden. Und institutionelle Mandate können sowohl indexorientierte als auch aktive Elemente enthalten.
Aktiv und passiv gezielt kombinieren
Die DWS profitiert weiterhin stark von der hohen Nachfrage nach ETFs. Gleichzeitig verzeichnet der Vermögensverwalter auch im aktiven Aktiengeschäft eine positive Entwicklung. Nach Angaben Württembergers erzielte dieser Bereich zuletzt das beste Halbjahr seit sechs Jahren.
Für den Schweizer Markt sieht er deshalb Wachstumsmöglichkeiten auf beiden Seiten.
Die Entwicklung könnte darin liegen, dass Anleger aktive und passive Ansätze innerhalb ihrer Portfolios künftig noch gezielter kombinieren, statt die beiden Produktgruppen als grundsätzliche Gegensätze zu betrachten, sagt Württemberger.
Dies würde der Branche neue Möglichkeiten bei Produktinnovation, Anlageperformance und dem Zugang zu unterschiedlichen Kundengruppen eröffnen.















