Pensionskassen: Emerging Markets neu denken

Von Urs Antonioli, Sandro Müller und Daniel Ammon (vlnr)
Viele Schweizer Pensionskassen haben Anlagen in Schwellenländern in den vergangenen Jahren zurückhaltend beurteilt. Geopolitische Unsicherheiten, Währungsschwankungen und einzelne Marktturbulenzen prägten lange die Wahrnehmung dieser Märkte. Doch die Voraussetzungen haben sich verändert. Gleichzeitig wird Diversifikation wieder wertvoller.
Die traditionelle Aufteilung zwischen Aktien und Anleihen diversifiziert nicht mehr in jedem Marktumfeld ausreichend. Viele institutionelle Portfolios sind zudem stark auf entwickelte Märkte, besonders die USA, konzentriert. Für Pensionskassen wird es deshalb wichtiger, Renditequellen breiter abzustützen und Klumpenrisiken zu reduzieren.
Schwellenländer eröffnen Zugang zu anderen Wirtschaftszyklen, führenden Unternehmen und Wachstumstrends. Deshalb sollten sie nicht nur als Satellitenquote betrachtet werden, sondern auch Teil der strategischen Diskussion über die langfristige Vermögensallokation sein.
Robustere Volkswirtschaften
Das Bild der Schwellenländer ist oft noch von früheren Erfahrungen geprägt. Heute verfügen aber viele Länder über solidere Staatsfinanzen, eine glaubwürdigere Geldpolitik und besser entwickelte lokale Kapitalmärkte.
Wie stark sich diese Gruppe gewandelt hat, zeigt ihre heutige Zusammensetzung: Südkorea, Taiwan oder Polen werden in vielen Emerging-Market-Indizes weiterhin geführt, gelten gemäss Weltbank aber bereits als Hocheinkommensländer. Der Begriff «Schwellenländer» greift damit zu kurz.
Zudem sind Schwellenländer deutlich vielfältiger geworden. Technologiezentren, Reformländer, Rohstoffexporteure und konsumgetriebene Volkswirtschaften entwickeln sich unterschiedlich und schaffen zusätzliches Diversifikationspotenzial.
Dennoch bleiben Schwellenländer in vielen Portfolios untergewichtet, auch bei Schweizer Pensionskassen. Die starke Verankerung in Schweizer Anlagen und Immobilien erklärt dies teilweise. Das veränderte Marktumfeld spricht jedoch für eine Neubewertung ihrer Rolle in der strategischen Allokation.
Kurzfristige Gegenwinde wie ein stärkerer US-Dollar oder geopolitische Unsicherheiten sprechen dabei weniger gegen Schwellenländer als für eine aktive und selektive Umsetzung.
Aktien: Wachstum zu attraktiven Bewertungen
Im Aktienbereich bieten Schwellenländer Zugang zu wichtigen Wachstumsthemen wie Digitalisierung, KI-Infrastruktur, Automatisierung, Energiewende und wachsendem Konsum.
Viele Unternehmen sind heute integraler Bestandteil globaler Lieferketten und Innovationsnetzwerke. Entsprechend sind Aktien aus Schwellenländern weniger von Rohstoffen und traditionellen Zyklikern geprägt als früher.
Gleichzeitig werden sie vielfach mit einem deutlichen Bewertungsabschlag gegenüber entwickelten Märkten gehandelt, während die Erwartungen an das Gewinnwachstum überdurchschnittlich bleiben. Das verbindet Wachstumspotenzial mit attraktiven Bewertungen. Aufgrund der grossen Unterschiede zwischen Ländern, Sektoren und Unternehmen kommt der aktiven Selektion jedoch eine zentrale Rolle zu.
Obligationen: Zusätzliche Ertragsquellen
Auch im Obligationenbereich können Schwellenländer einen Mehrwert bieten. Viele Marktsegmente bieten attraktive Renditeaufschläge gegenüber vergleichbaren Anleihen aus Industrieländern. Selbst nach einer Währungsabsicherung kann dieser Renditevorteil gegenüber vergleichbaren Schweizer-Franken-Anlagen relevant bleiben.
Gleichzeitig eröffnet das Anlageuniversum Zugang zu unterschiedlichen Ländern, Emittenten und wirtschaftlichen Entwicklungen, die sich teilweise von den Zyklen der Industrieländer unterscheiden. Für Pensionskassen können Obligationen aus Schwellenländern damit eine zusätzliche Ertragsquelle innerhalb eines breit diversifizierten Obligationenportfolios darstellen.
Mehr als eine Satellitenquote
Schwellenländer sind nicht risikolos.1 Doch die Märkte sind heute breiter, robuster und zugänglicher als früher. Für Schweizer Pensionskassen geht es deshalb weniger darum, ob Schwellenländer als kurzfristige Marktmeinung oder kleine Satellitenquote interessant sind.
Entscheidend ist vielmehr, welche Rolle sie künftig in der strategischen Allokation spielen sollen. In einer Welt zunehmender Konzentrationsrisiken können sie einen Beitrag zu breiterer Diversifikation und zusätzlichem Renditepotenzial leisten – und verdienen damit einen festen Platz in der strategischen Diskussion institutioneller Anleger.
1Anlagen in Schwellenländern sind mit erhöhten Risiken verbunden. Dazu zählen politische und regulatorische Unsicherheiten, Währungsrisiken, geringere Marktliquidität, Corporate-Governance-Risiken sowie teilweise höhere Kursschwankungen und Ausfallrisiken als in entwickelten Märkten. Diese Risiken sollten bei der strategischen Allokation und der Auswahl der Anlagen berücksichtigt werden.
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