«Wir erleben eine ungewöhnliche Entwicklung am Arbeitsmarkt»
Herr Brütsch, der Franken hat sich zuletzt abgeschwächt. Wie wichtig ist das für die Schweizer Wirtschaft?
Das kommt zu einem günstigen Zeitpunkt. Vor anderthalb Jahren, mitten in den Handelskonflikten, hätte man sich kaum vorstellen können, dass sich die Situation bei den Zöllen wieder beruhigt und der Franken gleichzeitig nicht zusätzlich aufwertet. Die derzeitige Situation hilft der Exportwirtschaft. Eine weitere starke Aufwertung hätte potenziell auch den Druck erhöht, Industriearbeitsplätze ins Ausland zu verlagern.
«Es öffnet sich ein Fenster, in dem die SNB den Leitzins wieder von null nach oben bewegen könnte.»
Die Schweiz hat derzeit einen Leitzins von 0 Prozent. Bleibt das so?
Wir sind bislang davon ausgegangen, dass sich die Leitzinsen bis Ende 2027 nicht verändern. Diese Einschätzung überprüfen wir derzeit. Es öffnet sich ein Fenster, in dem die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Leitzins wieder von null nach oben bewegen könnte – insbesondere dann, wenn sich die Inflation in Europa verfestigt und die Europäische Zentralbank nochmals erhöht.
Wichtig dabei wäre allerdings die Kommunikation: Denn ein solcher Schritt wäre nicht zwingend als Straffung der Geldpolitik zu verstehen, sondern könnte vielmehr eine Normalisierung in Richtung einer neutraleren Geldpolitik darstellen.
Sind damit erneute Negativzinsen vom Tisch?
Negativzinsen sind derzeit sicher nicht unser Basisszenario. Interessant ist, wie schnell sich die Diskussion verändert hat. Noch vor einiger Zeit wurden Negativzinsen intensiv diskutiert und teilweise auch eingepreist. Heute präsentiert sich das Umfeld deutlich anders. Mittelfristig besteht die Chance, dass die SNB innerhalb der nächsten zwei Jahre wieder in einen neutraleren Zinsbereich kommt.
Negativzinsen bleiben allerdings ein Instrument, das sie in einer Notsituation einsetzen könnte. Sie wären aber nicht die erste Wahl.
Auch die Inflation spricht momentan nicht für Negativzinsen.
Nein. Wir erwarten, dass die Inflation innerhalb des SNB-Zielbereichs von 0 bis 2 Prozent bleibt, selbst wenn die Energiepreise auf dem aktuellen Niveau verharren sollten. Unsere Prognose liegt für dieses Jahr bei durchschnittlich 0,6 Prozent und für das kommende Jahr bei 0,7 Prozent. Ein Szenario mit einer nachhaltig über 2 Prozent liegenden Inflation sehen wir derzeit nicht.
«Wir haben seit einigen Quartalen einen konjunkturellen Aufschwung. Gleichzeitig stagniert der Arbeitsmarkt.»
Die Schweizer Wirtschaft hat Handelskonflikte, geopolitische Unsicherheit und einen starken Franken erstaunlich gut verkraftet. Wo liegt derzeit die grösste Schwachstelle?
Bemerkenswert ist vor allem die Situation am Arbeitsmarkt. Wir haben seit einigen Quartalen einen konjunkturellen Aufschwung und eine fundamentale Dynamik ungefähr im Bereich des Potenzialwachstums. Gleichzeitig stagniert der Arbeitsmarkt.
Man könnte von einer Art «Jobless Recovery» sprechen. Die Arbeitslosigkeit steigt zwar nicht mehr wirklich an, aber wir sehen trotz des Wachstums auch keinen entsprechenden Rückgang. Gleichzeitig nimmt die Zahl der offenen Stellen weniger stark zu. Das sind ungewöhnliche Entwicklungen für die Phase des Konjunkturzyklus, in der wir uns befinden, und möglicherweise spielen strukturelle Faktoren eine Rolle.
Zuletzt haben mehrere Schweizer Unternehmen einen Stellenabbau angekündigt. Ist das bereits ein Warnsignal?
Nein, das würde ich nicht so interpretieren. Viele der angekündigten Entlassungen haben unternehmens- oder branchenspezifische Gründe. Dazu gehören beispielsweise auch die Bereinigungen infolge der Integration von Credit Suisse und UBS.
Gleichzeitig gibt es längerfristige Entwicklungen, die wir sehr genau beobachten müssen. Dazu gehört Chinas Bestreben, zunehmend in höherwertige Produkt- und Technologiesegmente vorzudringen. Das betrifft nicht nur klassische Industriebranchen. Auch die Schweizer Pharmaindustrie muss sich überlegen, welche Konsequenzen sich daraus langfristig ergeben könnten.
Was macht die Schweizer Wirtschaft so widerstandsfähig?
Ein wesentlicher Faktor ist die internationale Aufstellung unserer Unternehmen. Die Schweiz verfügt über eine sehr wettbewerbsfähige Exportwirtschaft, teilweise mit hoch spezialisierten Produkten, die sich nicht einfach substituieren lassen.
Hinzu kommt die Flexibilität des Arbeitsmarktes. Schweizer Unternehmen haben immer wieder gezeigt, dass sie sehr schnell auf Krisen reagieren können. Diese Anpassungsfähigkeit ist ein wichtiger Teil der wirtschaftlichen Resilienz.
Gleichzeitig wird die Welt protektionistischer. Ist die Schweiz dafür richtig positioniert?
Als kleines Land ist die Schweiz auf eine gute Vernetzung angewiesen. Wir gehen davon aus, dass wir uns in Richtung einer multipolaren Welt bewegen, in der sich verschiedene Blöcke herausbilden. Der Zugang zu Knowhow oder Spitzentechnologien könnte künftig nicht mehr allein über den Preis geregelt werden. Entscheidend wird zunehmend auch sein, in welche Netzwerke ein Land eingebunden ist.
Deshalb ist die internationale Vernetzung für die Schweiz enorm wichtig. Auch Europa hat die Chance, sich als bedeutender Akteur in dieser multipolaren Welt zu positionieren: etwa mit Rechtssicherheit und attraktiven Kapitalmärkten.
Bewegt sich die Schweiz dabei schnell genug?
Die geldpolitischen Entwicklungen könnte man kreativer und offensiver nutzen. Die grössten Herausforderungen liegen derzeit teilweise direkt vor unserer eigenen Haustür.
Kommen wir zur künstlichen Intelligenz (KI). Sehen wir den versprochenen Produktivitätsschub bereits?
Bei technologischen Umbrüchen dauert es häufig lange, bis sie in den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsstatistiken sichtbar werden. Das kennen wir vom sogenannten Solow-Paradoxon: Computer waren bald einmal überall zu sehen, aber lange nicht in den Produktivitätszahlen.
«Untersuchungen aus den USA zeigen, dass Firmen, die beim Einsatz von KI fortgeschritten sind, neue Stellen schaffen.»
Bei KI gibt es inzwischen aber durchaus interessante Daten. In der Schweiz hat sich der Arbeitsmarkt in bestimmten IT-Bereichen seit der Lancierung von ChatGPT deutlich verändert.
Gleichzeitig zeigen Untersuchungen aus den USA, dass Unternehmen, die beim Einsatz von KI bereits weiter fortgeschritten sind, auch neue Stellen und neue Berufsbilder schaffen. Das stimmt mich grundsätzlich optimistisch.
KI muss also nicht zwangsläufig Arbeitsplätze vernichten?
Nein. Wir wissen heute noch gar nicht, welche neuen Berufe entstehen werden. Genau das wird in solchen Diskussionen häufig unterschätzt: Diejenigen, deren heutige Tätigkeit gefährdet ist, wissen sehr genau, was sie verlieren könnten. Die potenziellen Gewinner kennen hingegen teilweise noch nicht einmal die Jobs, die künftig entstehen werden.
Kann die Schweiz zu den Gewinnern gehören?
Wenn die Schweiz weiterhin auf ihren flexiblen Arbeitsmarkt setzt, sehe ich durchaus Chancen. Entscheidend sind ein attraktives regulatorisches Umfeld, verfügbare Energie und vor allem die notwendigen Fähigkeiten. Mit ETH und EPFL verfügen wir bei den Kompetenzen über sehr gute Voraussetzungen. Die Herausforderung besteht darin, Innovationen, die in der Schweiz entstehen, anschliessend auch international skalieren zu können.
Wo sehen Sie derzeit an den Finanzmärkten eine mögliche Fehlbewertung?
Ich würde auf den starken Zinsanstieg bei langfristigen Staatsanleihen verweisen, insbesondere in den USA und Frankreich. Interessant ist, weshalb die Renditen gestiegen sind. Die langfristigen Inflationserwartungen sind weiterhin relativ gut verankert. Gleichzeitig sehen wir gerade in den USA im historischen Vergleich sehr hohe Realzinsen.
Das hat viel mit der Diskussion über die Staatsfinanzen und die Verschuldung zu tun. Dafür gibt es gute Gründe. Gleichzeitig steht ein Konkurs der USA oder Frankreichs nicht unmittelbar bevor. Diese Probleme werden seit Jahrzehnten vor sich hergeschoben – und es gibt aus heutiger Sicht keinen zwingenden Grund, weshalb das nicht noch länger möglich sein sollte.
Das heisst, die Renditen könnten wieder sinken?
Kurzfristig könnte die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen durchaus noch weiter steigen. Auf Sicht von zwölf Monaten würde ich aber eher dagegenhalten und die Zinsen näher bei 4 als bei 6 Prozent sehen.
Welches Risiko wird von den Märkten derzeit möglicherweise unterschätzt?
Eine Eskalation um Taiwan wäre ein klassisches Szenario mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit, aber sehr hohen Auswirkungen. Nach dem Krieg in der Ukraine und den Spannungen im Nahen Osten wäre eine zusätzliche Eskalation in Taiwan ein erhebliches Risiko.
«Europa könnte durchaus positiv überraschen. Auch in Frankreich ist ein solches Szenario denkbar.»
Ich halte einen solchen Schritt Chinas derzeit nicht für besonders wahrscheinlich. Sollte er dennoch eintreten, wären die Auswirkungen enorm. Genau deshalb gehört dieses Szenario trotz seiner geringen Wahrscheinlichkeit in die Risikoüberlegungen.
Sie sehen aber auch positive Überraschungen?
Ja. Europa könnte durchaus positiv überraschen. Auch in Frankreich ist ein Szenario denkbar, in dem nach der nächsten Präsidentschaftswahl wieder stabilere politische Mehrheiten entstehen und eine Regierung über mehrere Jahre Reformen umsetzen kann. Ein solches Szenario hat derzeit kaum jemand auf dem Radar – ausgeschlossen ist es aber nicht.
Marc Brütsch ist Chief Economist von Swiss Life und Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung von Swiss Life Asset Managers. Als Chefökonom beschäftigt er sich mit der Entwicklung der Schweizer und internationalen Konjunktur sowie deren Auswirkungen auf Finanzmärkte und Anleger.












