Philipp Schwander: «Fast alle Betriebe in Saint-Émilion könnte man kaufen»
Herr Schwander, kürzlich waren Sie im Bordeaux, um den Jahrgang 2025 zu verkosten. In welche Richtung geht es?
2025 hat von Beginn weg unglaubliche Vorschusslorbeeren erhalten und wird – alles andere wäre ja auch überraschend (lacht) – einmal mehr als Jahrhundertjahrgang verkauft. Aber ich muss sagen: Meine Euphorie ist sehr verhalten.
Warum?
Weil ich aufgrund der super positiven Berichte viel erwartet hatte.
Und diese Erwartungen wurden enttäuscht?
Es hat wirklich ein paar hervorragende Weine. Aber es hat sehr viele Weine, die ich jetzt nicht als sensationell erachte, sondern bestenfalls als gut. Viel wichtiger ist etwas anderes.
Und zwar?
Es ist ein Jahrgang, der preislich sehr attraktiv sein wird, teilweise günstiger gar als der miserable 2024er. Aber man sollte aufpassen, was man einkauft, denn es hat ziemlich viele Weine, die recht durchschnittlich sind.
Warum war der 2024er so wenig überzeugend?
Es tut mir leid, wenn man das so sagen muss, aber das war ein ganz schwieriges Jahr. Es hat viel geregnet, vor allem im Herbst. Man verzeichnete den regenreichsten Herbst seit über dreissig Jahren. Den 2024er in Subskription einzukaufen, ist komplett überflüssig. Diese Weine werden Sie immer bekommen und die Wahrscheinlichkeit, dass sie günstiger werden, liegt bei 100 Prozent.

Philipp Schwander zur Fassprobe bei Moeuix, Négociant und Besitzer zahlreicher Weingüter (u.a. «La Fleur-Pétrus», «Bélair-Monange»). (Bild: zVg)
Von welchen Jahrgängen sollte man sonst noch die Finger lassen?
Bereits 2021 war im Bordelais sehr schwierig. 2013 ganz verheerend, und jetzt eben 2024.
Zurück zum 2025er: Was sind die neuralgischen Punkte?
Dieses Jahr war geprägt von einer extremen Trockenheit. Das sehen viele erst einmal als positiv an. Aber wenn es zu trocken ist, gibt es Reifeblockaden, die Rebe hat zu wenig Wasser für die Ausreifung der Trauben. Oft ist es in solchen Jahren so, dass die Reife der Farb- und Gerbstoffe nicht optimal ist. Dies geschah teilweise im 2025. Es kam dann zwar Regen im richtigen Moment, aber dieser hat in einigen Fällen offensichtlich nicht ganz so viel geholfen, wie behauptet wird.
«Man hat doch einige 25er mit massiven, nicht optimal reifen Tanninen und, zumindest degustativ, einer gewissen Säure.»
Zudem: Was oft verschwiegen wird, ist, dass viele aus Angst vor weiteren Regenfällen und Fäulnis relativ früh gelesen haben, obwohl sie zugunsten der optimalen Reife besser noch zugewartet hätten. Das schmeckt man in einigen Weinen. Und deshalb hat man doch einige 25er mit massiven, nicht optimal reifen Tanninen und, zumindest degustativ, einer gewissen Säure. Es ist eigentlich nicht das, was man sich unter einem «Jahrhundertjahrgang» vorstellt. Viele Weine sind zudem, wie gesagt, zwar nicht schlecht, aber auch nicht aussergewöhnlich, manchmal recht kurz.
Haben Sie die ganze Preispalette durchprobiert?
Wir haben fast ausschliesslich die berühmten «Cru Classés» probiert. Die einfachen Weine nicht, denn sie werden vielfach nicht «en primeur» angeboten. Da hat man noch Zeit und kann warten.
Welche 2025er haben Sie besonders überzeugt?
Einer, der wegen zu starker Extraktion und entsprechend trocknenden Tanninen immer ein wenig mein Sorgekind war: der «Château Pavie». Jetzt haben sie einen sensationellen Wein gemacht, etwas vom Besten im Jahrgang. Jean-Baptiste Pion, Maître de Chai, hat mir auch bestätigt, dass sie jetzt viel sanfter, nicht mehr so extrem wie früher extrahieren. Ich erinnere mich an die ersten Pavies unter dem Perse-Regime. Die Crew liess den gärenden Most derart lange an der Maische, dass die Gerbstoffe einem den völlig Mund ausgetrocknet haben und man im Anschluss am liebsten ein Bier getrunken hätte. Es hat sich auch gezeigt, dass solche Weine häufig nicht besonders harmonisch reifen. Jetzt sieht es so aus, als hätten sie bei Pavie die Balance gefunden. Kompliment!
Was waren Ihre weiteren Entdeckungen?
«La Mission Haut-Brion» ist sensationell, sogar ein bisschen besser als «Haut-Brion». «Montrose» war besser als «Cos-d’Estournel». «Château Margaux» ist hervorragend, ebenfalls der «Pavillon Rouge». Auch «Léoville Las Cases» und «Pontet Canet» gefielen sehr, «Lynch-Bages» dagegen würde ich etwas weniger hoch einstufen. Man muss auf diesen Jahrgang wirklich selektiv zugehen.

Verkostung auf «Pontet Canet» mit Mathieu Bessonnet, Kellermeister. (Bild: zVg)
Die Stammtisch-Gleichung «je mehr Tannin, desto lagerungsfähiger» stimmt nicht.
Wein kann man manchmal fast ein wenig mit Tee vergleichen: Der wird auch nicht besser, je länger man ihn an den Blättern ziehen lässt. Ich habe das Glück, seit dem Jahr 1982 Bordeaux-Fassproben zu degustieren. Da entwickelt man mit der Zeit ein Gespür und sieht, wie sich die alten Jahrgänge entwickelten, und versteht, woher die Probleme kamen.
«Man entwickelt mit der Zeit ein Gespür und sieht, wie sich die alten Jahrgänge entwickelten, und versteht, woher die Probleme kamen.»
Ich erinnere mich noch an die ersten Jahrgänge. Beim 86er fand ich als Youngster: Der hat ja massiven Gerbstoff, das ist etwas für hundert Jahre, das muss ja grossartig sein. Aber wenn im Verhältnis zur Frucht zuviel Gerbstoff vorhanden ist, kann es durchaus passieren, dass der Gerbstoff bleibt und die Frucht überproportional verschwindet. Das gibt dann tanninreiche, eher unfreundliche Weine. Das war bei manchen 86ern der Fall.
Was verrät Ihr historisches Gedächtnis sonst noch?
Zum Beispiel: Weine, die mehr Cabernet Franc enthalten, sind anfänglich wesentlich verhaltener als solche mit Merlot-Schwerpunkt. Cabernet-Franc braucht einfach viel, viel länger, bis er sich ausdrücken kann. Gerade «Cheval Blanc» wird in der Jugend bei den Fassproben dadurch gerne unterschätzt, weil der Anteil an Cabernet Franc relativ hoch ist.
Sie haben das Jahr 1986 erwähnt. Das ist gerade ein Jubiläumsjahr, das zur Idee verleiten kann, einen Bordeaux dieses Jahrgangs zu entkorken. Sie raten zur Vorsicht?
Es gibt ein paar sehr gute 86er. Aber es gibt auch viele, die auch heute noch recht streng sind. Diese sind immer noch zu tanninbetont und stellen eher ein gotisch-asketisches als ein barockes Vergnügen dar.
Gibt es sonst noch etwas, was Ihnen aufgefallen ist?
Es gibt einen eigentlichen Trend zu hochwertigen Weissweinen, gerade im Médoc. Ich habe zahlreiche köstliche Beispiele degustiert. Auf Pichon-Lalande macht man zur Zeit hochspannende Versuche mit Weissweinen. Exzellent sind «Aile d’Argent» (Mouton), «Lynch Bages blanc» und «Pavillon blanc» (Margaux) oder der «Duhart-Milon blanc», der tatsächlich von einer ehemaligen Merlot-Parzelle von «Lafite» stammt.
Was sehen Sie allgemein bei der Bordeaux-Preisdynamik?
Man merkt, dass sie zu wenig entschlossen mit den Preisen zurückgegangen sind. Die Lager sind deshalb noch ziemlich voll.
Die Preise sind im Durchschnitt um etwa 30 Prozent zurückgegangen. Ist das unentschlossen?
Ja, weil der 24er eben so verheerend war. Dieser hätte eigentlich noch viel günstiger sein müssen. Das zeigt sich jetzt auch daran, dass gewisse 25er, die viel besser sind als 24er, zu gleichen Preisen oder sogar günstiger auf den Markt kommen. Die Zeiten sind schwierig geworden, auch wegen der hirnrissigen Anti-Alkohol-Kampagne der Weltgesundheitsorganisation WHO. Kürzlich habe ich im Magazin Cicero dargelegt, dass deren Behauptungen falsch sind. Das kommt auch wieder anders, aber im Moment ist es nicht so erfreulich.
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