Moussierende Entdeckungen in der Wine Bank

Die Wine Bank Zürich ist auf 1'000 Quadratmetern in erster Linie ein Weintresor und Club für Mitglieder (finews hat das Projekt bereits im Frühling vorgestellt). Daneben funktioniert sie aber auch als Event-Location.

finews war an einer der ersten Veranstaltungen dabei. Die rund zwei Dutzend Champagner-Enthusiasten, die am vergangenen Freitagabend ins Untergeschoss der behaglich-modern gestalteten Räume hinabstiegen, waren nicht wegen prominenter Etiketten gekommen.

Understatement als Affiche

Im Gegenteil, die Affiche verströmte demonstratives Understatement: Im Zentrum stand der Pinot Meunier (kurz: Meunier): jene dritte Rebsorte der Champagne, die traditionell in der Cuvée verschwindet und es nur selten aufs Etikett schafft. Die Weinbauern bekommen für sie etwa halb so viel Geld wie für den edlen Chardonnay.

Durch das Programm führte eine Kennerin, die in der Branche schlicht als «Madame Meunier» firmiert: Jelena van Eerdenurg. Der Schweizer Champagnerexperte und Buchautor Peter Jauch, der auch für finews schreibt und die Champagner-Events in der wineBAR kuratiert, hat sie in der Champagne kennengelernt.

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13 Champagner zur Verdeutlichung der Traubensorte. (Bild: Peter Jauch)

Von der Juristerei in die Champagne

Van Eerdenburg, geboren 1985, ist studierte Juristin. Vor etwa zehn Jahren sattelte sie ganz auf Champagner um. Zu ihren fachlichen Qualifikationen gehören ein Diplom des britischen Wine & Spirit Education Trust, die Mitgliedschaft in der Österreichischen Weinakademie und ein Titel als Certified Sommelier des Court of Master Sommeliers. Derzeit arbeitet sie auf den Master of Wine hin.

Der Einstieg an der Stockerstrasse war didaktisch klug: die drei Hauptsorten in Reinkultur, von der Gastgeberin als das «Alphabet» der Champagne bezeichnet.

Drei reinsortige Weine zur Kalibrierung

Die Charakteristik des Chardonnay erklärte der «Blanc de Blancs» von Lanson, Basis 2015 mit 38 Prozent Reserveweinen aus fünfzehn Crus. Für den Pinot Noir stand der «1000% Pinot Noir» 2022 von Herbert & Co. aus Ludes, Rilly-la-Montagne und Trois-Puits, neun Monate im Eichenfass, 2457 Flaschen.

Und den Meunier, die Haupttraube des Abends, verköperte «Es'Sens» 2019 von A&J Demière aus Fleury-la-Rivière – 73 Monate auf der Hefe, ohne Malolaktik, ohne Dosage.

Der unterschätzte Dritte

«Es gab eine Zeit, nicht lange her, da zogen es die Champagnerhäuser vor, den Pinot Meunier zu ignorieren», erklärte van Eerdenburg: zu proletarisch im Vergleich zu Pinot Noir und Chardonnay, zur Anonymität verurteilt. Unterschätzt sei der Meunier auch deshalb, weil manche Erzeuger bis heute so täten, als verwendeten sie weniger davon, als sie tatsächlich verwenden.

Von dort ging es in die Vallée de la Marne, das Kernland der Sorte – kühl, lehmig, wenig prestigeträchtig. Hier zeigte sich, wie fein die Unterschiede werden, wenn man den Massstab verkleinert: Der «Racines» von Collard-Picard versammelt vierzigjährige Reben aus Villers-sous-Châtillon, Reuil, Binson und Orquigny; der «Ameunia» 2023 von Agrapart – der Produzent gehört zum Chardonnay-Heiligtum Avize – stammt aus Mareuil-le-Port und Festigny, zu 30 Prozent im Demi-muid ausgebaut, ohne Dosage.

Rechtes Ufer, linkes Ufer

Ein interessanter Vergleich war der zwischen den beiden Marne-Ufern. Links «La Vigne d'Or» 2006 von Tarlant aus Oeuilly sieben Monate im gebrauchten Barrique, null Gramm Dosage. Daneben «Le Bois de Binson 18.19» von Éric Taillet aus Montigny, Reben von 1956, neun Monate im Demi-muid. Gleiche Traube, gleiches Tal, zwei deutlich unterschiedliche Temperamente.

Danach das Kontrastprogramm: Meunier von ausserhalb der Marne. In der Petite Montagne de Reims steht Vrigny mit rund 80 Prozent Meunier-Anteil, im Massif de Saint Thierry sind es über die Lage hinweg gut 55 Prozent – zwei Gebiete, die im Schatten der grossen Crus liegen und deren Bestände genau deshalb interessant sind. Im Glas: die «Vignes de Vrigny» 2021 von Egly-Ouriet von sechzigjährigen Reben, die «Noues» 2021 von Gounel + Lassalle aus Chigny-les-Roses und der «L.P.M» von Champagne Ullens aus Hermonville, Lage Marzilly.

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Soloauftritt für den Ensemble-Spieler. (Bild: Peter Jauch)

Von kantig bis alt

Kantiger wurde es beim Solera-Wein: «La Part des Anges» von A&J Demière, ein fortlaufendes System der Jahrgänge 2018 bis 2024, ohne Malolaktik, ohne Dosage, unter Kronkorken. Interessant unbedingt – aber nichts, was man einer grösseren Runde als Einstieg servieren würde.

Ein wichtiger Streitpunkt kam zum Schluss: das Alterungspotenzial. Der Vorwurf, Meunier altere weniger gut als seine beiden Begleiter, gehört zum Standardrepertoire gegen die Sorte. Den Gegenbeweis führte die «Oenothèque» 2009 von A&J Demière, sechzigjährige Reben, im Stahl ausgebaut und erst am 14. Juli dieses Jahres degorgiert. Zusammen mit dem 2006er Tarlant hatte man damit zwei Meunier von zwanzig Jahren im Glas, die in ihrer komplexen Aromatik wunderbare Tertiäraromen entwickeln.

Wie eine Wanderung durch die Champagne

Format und Weinauswahl zielten auf den avantgardistisch interessierten Gaumen: fast durchwegs Kleinproduzenten, fast durchwegs null oder ultratiefe Dosage, kein einziger der grossen Namen ausser Lanson zur Eichung der Geschmacksnerven.

Diese Übungsanlage hätte leicht in ein dröges Weinseminar kippen können. Dass genau das nicht geschah, lag an Madame Meunier: Die gebürtige Niederländerin hat in der Champagne längst Wurzeln geschlagen und geht bei den interessantesten Winzern ein und aus, kennt ihre Geschichten und zahllose Ankedoten. Damit geriet der Abend zu einer Wanderung durch die Weinberge in charmanter Begleitung.

Martin Zuan, Gründer der Wine Bank, zog am Ende des Abends, wie auch die Gäste, ein positives Fazit. «Diese Events sind wichtig. Sie bringen eine gute Gruppe an Interessierten zu uns.» Die Spannweite reiche «von zugänglich bis anspruchsvoll».


Weiter geht es in der Wine Bank diesen Herbst mit einer Champagner-Reihe unter der Ägide von Peter Jauch: am 16. September mit «Blanc de Blancs», am 14. Oktober mit «Blanc de Noirs – Pinot Noir und Meunier im Vergleich» und am 11. November mit «Winzerchampagner und grosse Häuser». Die Anlässe sind öffentlich buchbar und kosten je 130 Franken.