Was nützen die paar hunderttausend Dollar, wenn einem die Frau des Lebens abhaut?

6. Teil der siebenteiligen Reportage «Banker unter Tage», von Hannes Grassegger.

Die Hintergrundmusik im Café hat sich zu einem anhaltenden Gitarrensolo gesteigert. «Natürlich ist unsere Demokratie bedroht», wütet Paul Cleary, «und natürlich hat dieser Fall internationale Relevanz.» Drei weltweit operierende Unternehmen hätten die Regierung der laut IWF dreizehntstärksten Volkswirtschaft der Welt ausgehebelt.

Und der Putsch sei nur ein Beispiel, sagt Cleary und erzählt vom 36 Milliarden schweren Breitbandnetzwerk, das der Staat baut, ohne auch nur eine Kosten-Nutzen-Analyse gemacht zu haben, von 8000 Dollar Monatsmieten für eine Wellblech-Donga in der Pilbara, von Minenindustrieangestellten, die in die Politik gehen und umgekehrt. Es gibt schon eine Sezessionsbewegung, die das reiche Westaustralien abspalten will. Jetzt, wo der Rest des Landes wirtschaftlich leidet und ein Stück vom Kuchen aus Perth haben will, werden diese Stimmen lauter. «Wir hatten zu viel Glück, und wir sind dabei, uns zu ruinieren», schliesst Cleary.

Sammys Zukunft ist relativ klar. Jetzt, nach fünf Jahren Mine, ist Schluss. Sonst ist die Beziehung ruiniert. Was nützen die paar hunderttausend Dollar Ersparnisse, wenn einem die Frau des Lebens abhaut? So wie den Verlierertypen hier in der Mine. Manche von den Jungs zahlen mit 35 schon doppelt: Eine erste Ehe und eine zweite. Am Wochenende auf Nachtschicht rufen manchmal Freunde aus Sydney an. Ob man mit ausgehen wolle. Gedanken an die Zukunft, an ein Leben auf dem Land. Familie. Von der Dry-Mess ins Verwaltungsgebäude, Antritt um Punkt halb sechs. Zwölfstundenschicht. Die letzte.

Es war Jeremy Wolf, ein Fotograf aus Sydney, der mir zuerst von den Vorgängen in Australien erzählte. Von Schauspielerfreunden, die in Minen verschwanden, oder Künstlern, die zu Lastwagenfahrern für die Industrie wurden. Von einer grossen, schleichenden, aber rapiden Veränderung, die da vor sich ginge. Am Tag nach meiner Ankunft in Sydney springen wir in Jeremys weissen Jeep und fahren hoch ins Hunter Valley. Zu Bob, der aus Sydneys italienisch geprägtem Stadtteil Leichhardt kommt und seit acht Monaten in Singleton, im Staat New South Wales wohnt und arbeitet. Früher sei Bob Banker gewesen. Jetzt steuere er Trucks in Kohleminen, meint Jeremy.

Auf dem Pacific Highway nordwärts passieren wir immer wieder weisse Pick-ups mit markanten, meterlangen Fahnenstangen und Sirenen – damit sie von den 166 Tonnen schweren Lastern nicht übersehen werden.

Hunter Valley heisst die Umgebung von Singleton, und sie ist ein Paradebeispiel für Paul Clearys Two-Speed-Economy. Im Laufe der letzten Jahrzehnte hatte sich aus der vormals durch Kohlebergbau und Schwerindustrie geprägten Region eine der bekanntesten australischen Weingegenden entwickelt, Touristen kamen zum Testen, Backpacker wanderten durch die schönen Küstengegenden. Die Hauptstadt der Region, Newcastle, wandelte sich vom Kohlepott und Industrieloch zur Universitätsstadt mit über 32 000 Studenten. Die Stadt war gerade dabei, eine Kunstszene mit überregionaler Ausstrahlung zu entwickeln, als der neue Ressourcenboom heranrollte. Ohne Pause rattern vollbeladene Kohlezüge aus Singleton heran. An die hundert Waggons. Sie rollen in den Hafen, riesige Arme gelber Maschinen laden die Kohle in die Schiffe. Über 95 Prozent geht nach Asien. Japan, Thailand, China, Indien. Unmengen von Schiffen warten vor der Küste. Eins am anderen. Kilometerlang.

Nun investiert Newcastle in die Vergrösserung des Kohlehafens, der gerade mal etwa 130 Leute beschäftigt. Die Universität, die sich zu grossen Teilen durch ausländische Studenten finanziert, leidet jedoch. Bis zu 50 Prozent weniger Neuanmeldungen chinesischer Studenten aufgrund des teuren australischen Dollars beklagt Wang Lei, Manager bei einem internationalen Studentenvermittlungsservice. Newcastle gewinnt und verliert zugleich. Newcastle verändert sich.

In der Gegend gibt es mittlerweile unter der Woche keine Schlafplätze mehr. Alles gemietet von Minenarbeitern und Firmen. Ein schäbiges Motelzimmer kostet um die 160 Dollar. Rentner, die sich angewöhnt hatten, im Hunter Valley Wein zu testen, suchten neue Regionen, klagt «The Senior», ein landesweites Rentnerblatt.

Singletons strahlend neues Tourist-Office, finanziert von der Bergbaugesellschaft Xstrata, verkauft Souvenirs mit dem Slogan «Unearth every single treasure» (Wir fördern jeden Schatz zutage). Nur Touristen kommen keine. Bei Singleton Auto Electrical Services fasst Russel die Lage zusammen. Man verdiene ja gut mit den Aufträgen aus den Minen. Aber jeden besseren Lehrling verliere er nach der Ausbildung an die Minenbetriebe, die dringend Mechaniker suchten. Er könne einfach nicht mithalten bei deren Löhnen. Die Lohnkosten seien irrsinnig gestiegen. Er kratzt sich an der Stirn. Andererseits: Singleton gäbe es ohne den Bergbau wohl gar nicht mehr.

 


 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Magazines REPORTAGEN.

REPORTAGEN ist das Ende Oktober 2011 neu lancierte deutschsprachige Magazin, das sich ausschliesslich auf Reportagen fokussiert: Sechs Mal pro Jahr erzählen herausragende Autoren und Autorinnen unerhörte Geschichten aus aller Welt. Erhältlich in Buchhandlungen und am Bahnhofskiosk.

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