Ein Alpaka gegen die Jobangst auf dem Finanzplatz
Wer auf dem Schweizer Finanzplatz arbeitet, braucht derzeit mitunter starke Nerven. Stellenabbau, Umstrukturierungen, ungewisse Perspektiven und stets die Frage: Bin ich vielleicht der Nächste?
Die Sorge, irgendwann selbst auf der Streichliste zu landen, kennt auch ein ehemaliger Mitarbeiter einer Schweizer Grossbank, der anonym bleiben möchte. Angesichts des anhaltenden Stellenabbaus wurde ihm zunehmend unwohl. «Ich hatte kein gutes Gefühl mehr», erzählt er gegenüber finews. Als zweifacher Familienvater habe er schliesslich «viele Verpflichtungen». Die Ungewissheit über seine berufliche Zukunft sei für ihn eine grosse Belastung gewesen.
Er begann deshalb, sich nach einer neuen Stelle umzusehen. Auf Facebook stiess er zufällig auf die KI-Plattform Bewerbino. Zunächst nutzte er die kostenlose Version, später wechselte er zum kostenpflichtigen Angebot.
Fünf Tage bis zum ersten Vorstellungsgespräch
Bereits fünf Tage nach Beginn seiner Suche mit Bewerbino erhielt er eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch im Wealth Management von Swiss Life. Er schaffte es in die zweite Runde, entschied sich letztlich aber für einen anderen Arbeitgeber. Auch dessen Stellenangebot hatte Bewerbino für ihn gefunden.
«Wie ein persönlicher Sekretär»
Besonders die Zeitersparnis habe ihn überzeugt. Täglich seien passende Stellenangebote eingetroffen, ohne dass er selbst danach suchen musste. Die Motivationsschreiben habe die KI individuell auf die jeweilige Position zugeschnitten und in einem authentischen Stil formuliert.
«Wie ein persönlicher Sekretär, der im Hintergrund läuft», beschreibt er Bewerbino. Neben seiner beruflichen Tätigkeit hätte ihm oft die Zeit gefehlt, zahlreiche Bewerbungen selbst zu verfassen.
Einst bei Credit Suisse, SIX und Vontobel
Entwickelt hat Bewerbino Arthur Ergen. Der Informatikingenieur kennt den Schweizer Finanzplatz aus eigener Erfahrung: Er arbeitete bei Credit Suisse, SIX und Bank Vontobel, bevor er sich 2010 selbstständig machte. Mit seiner Firma GetLeedz entwickelt er heute Softwarelösungen, unter anderem für die Finanzbranche.
Die zunehmende Automatisierung und ihre möglichen Folgen für den Arbeitsmarkt beschäftigen ihn seit Längerem. Mit Bewerbino will er künstliche Intelligenz nicht zur Rationalisierung von Arbeitsplätzen, sondern zur Unterstützung von Stellensuchenden einsetzen.

Vom Lebenslauf zum passenden Job: Arthur Ergens KI-Plattform Bewerbino sucht Stellenangebote und verfasst individuelle Motivationsschreiben. (Bild: zVg)
Ein Alpaka mit Karriereambitionen
Bei einem persönlichen Treffen mit finews in Zürich führt Ergen vor, wie Bewerbino funktioniert. Nutzer laden ihren Lebenslauf und auf Wunsch weitere Unterlagen hoch. Die KI gleicht ihre Qualifikationen mit Stelleninseraten ab, sucht nach passenden Angeboten und erstellt individuelle Motivationsschreiben. Welche Bewerbungen tatsächlich verschickt werden, entscheiden die Stellensuchenden selbst.
Das Aushängeschild der Plattform hat vier Beine, reichlich Muskeln und einen ausgeprägten Sinn für elegante Garderobe. Ein Alpaka im Smoking, ausgestattet mit einer futuristischen Brille, verkörpert den digitalen Karrierehelfer. Mit ihr scannt es symbolisch den Stellenmarkt nach passenden Angeboten. Ergen hat die Figur bewusst gewählt: Sie soll Berührungsängste gegenüber künstlicher Intelligenz abbauen und der Plattform einen persönlichen, sympathischen Charakter verleihen.
«Auf Maschine antwortet Maschine»
Ausgerechnet jene Technologie, die auf dem Arbeitsmarkt für Verunsicherung sorgt, soll nun bei der Stellensuche Abhilfe schaffen. Ein Widerspruch? Für Arthur Ergen eher eine logische Konsequenz.
Während Unternehmen zunehmend KI einsetzen, um Bewerbungen zu prüfen und Kandidaten vorzusortieren, sollen auch Stellensuchende von der Technologie profitieren. Ergen möchte damit für mehr Augenhöhe sorgen. Schliesslich sollten nicht nur Unternehmen auf intelligente Software zurückgreifen können, sondern auch jene, die sich um eine Stelle bewerben. «Auf Maschine antwortet Maschine», fasst er seinen Ansatz zusammen.
Die Software könne Qualifikationen mit den Anforderungen der Unternehmen abgleichen und auch dann Übereinstimmungen erkennen, wenn dieselben Fähigkeiten unterschiedlich beschrieben würden. Wer fachlich geeignet ist, soll nicht allein deshalb durchs Raster fallen, weil im Lebenslauf bestimmte Schlagwörter fehlen.
Die ersten 300 sind in Sicht
Seit Juni ist Bewerbino auf dem Markt. Im Oktober zählt die Plattform laut Ergen ungefähr 300 registrierte Nutzer. Rund jeder achte bezahlt für den Dienst.
Bei 300 Nutzern soll es nicht bleiben. Bewerbino soll künftig auch ausserhalb der Schweiz angeboten werden. Dafür möchte Ergen zusätzliche Mitarbeiter einstellen und Investoren gewinnen. Sobald die Plattform 1'000 registrierte Nutzer erreicht, sollen Apps für iOS und Android folgen.
Wie gut das Angebot tatsächlich funktioniert, lässt sich nach wenigen Monaten noch nicht beurteilen. Ergen weist darauf hin, dass die Software nicht jeden beruflichen Werdegang gleich gut erfassen könne. Gerade ungewöhnliche Karriereverläufe und schwer messbare Fähigkeiten stellten die KI vor Schwierigkeiten.

Statt stundenlang Stelleninserate zu durchforsten, erhalten Nutzer von Bewerbino automatisch passende Jobvorschläge. (Bild: zVg)
Auch Portfoliomanager sind nicht ausgenommen
Arthur Ergen ist überzeugt, dass Banken und Versicherungen künftig zahlreiche Aufgaben an die Technologie abgeben werden. Besonders in der Sachbearbeitung, der Dokumentenprüfung und der Finanzanalyse sieht er erhebliches Automatisierungspotenzial.
Wer nun glaubt, vor allem administrative Stellen seien betroffen, könnte sich allerdings täuschen. Auch vor hoch qualifizierten Fachkräften dürfte die Entwicklung nicht haltmachen.
«Das betrifft auch Investmentbanker und Portfoliomanager. KI kann Marktdaten analysieren, Finanzprodukte vergleichen und Risiken innerhalb eines Portfolios untersuchen», sagt Ergen.
Wie viele Stellen stehen auf dem Spiel?
Wie viele Arbeitsplätze dadurch tatsächlich verschwinden könnten, ist offen. Ergen hat für verschiedene Bereiche der Finanzbranche eigene Worst-Case-Szenarien entworfen. Seine Berechnungen beruhen allerdings auf persönlichen Annahmen und sind nicht wissenschaftlich abgesichert. Auch mögliche neue Arbeitsplätze, die durch KI entstehen könnten, bleiben darin unberücksichtigt.
Weniger die Automatisierung an sich als vielmehr deren Tempo bereitet ihm Sorgen. «Wenn Stellen schneller abgebaut werden, als Menschen neue Aufgaben übernehmen können, entstehen Beschäftigungslücken», warnt er.
Den Kopf in den Sand zu stecken, hält er dennoch für den falschen Weg. Wer in der Finanzbranche weiterhin gefragt sein möchte, müsse sich mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzen. Denn auch wenn die Software künftig immer mehr Analysen übernimmt, braucht es Menschen, die deren Ergebnisse verstehen, hinterfragen und richtig einordnen können.
Ein Schirm gegen den KI-Regen
Und womöglich wird eines Tages auch das klassische Motivationsschreiben zum Auslaufmodell. Zumindest hält Ergen es für denkbar, dass Bewerbungen künftig anders ablaufen, wenn Algorithmen Lebensläufe und Stellenprofile zunehmend selbstständig miteinander abgleichen.
Wie tiefgreifend KI den Arbeitsmarkt verändern wird, lässt sich derzeit kaum abschätzen. Dem ehemaligen Grossbankmitarbeiter hat Bewerbino immerhin bei der Suche nach einer neuen Stelle geholfen. Auch anderen Menschen, deren berufliche Zukunft ins Wanken gerät, möchte Ergen mit seiner Plattform Unterstützung bieten.
«Mit Bewerbino baue ich einen Schirm, der Menschen hilft, bei Regen trocken zu bleiben», beschreibt er seine Absicht.














