Neuer Wind bei den Vermögensverwaltern, Bruchlinien im Finanzsystem
Gegen 200 Gäste füllten am Freitag den Ballsaal des Park Hyatt in Zürich. Der Verband Schweizerischer Vermögensverwalter (VSV) lud zum Jahreskongress, der im Zeichen des 40-jährigen Bestehens stand, über das finews bereits früher berichtet hat. Die Stimmung war gut, das Publikum konzentriert.
Vivien Jain, die den Verband seit Anfang Jahr operativ leitet, freute sich über das «Full House» und zeichnete das Bild einer kleinteiligen Branche. 1'448 Vermögensverwalter verfügen über eine Bewilligung. Im Median beschäftigen sie 3,3 Mitarbeitende, betreuen 68 Kunden und verwalten 140 Millionen Franken. «Es ist wirklich ein KMU-Geschäft», sagte Jain.
Jeder Franken zählt
Entsprechend empfindlich reagiert die Branche auf steigende Aufsichtskosten. Jain verwies auf das WAK-Postulat 26.4048, das eine risikobasierte und verhältnismässige Aufsicht fordert. Das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) hat dazu eine Arbeitsgruppe eingesetzt. «Da werden wir sehr viele konstruktive Inputs geben», versprach Jain.
Die Leitfrage formulierte sie gleich selbst: «Wie können wir für unsere Mitglieder eine effiziente und kostengünstigere Aufsicht erwirken?» Ihr Appell an die Anwesenden: die VSV-Umfrage zu den Regulierungskosten ausfüllen. «Wir müssen Verständnis schaffen, wie sich die Kosten entwickeln.»
Die ausgestreckte Hand
Mit besonderer Spannung wurde der Auftritt von Daniela Stoffel erwartet, Staatssekretärin für internationale Finanzfragen (SIF). Die Vermögensverwalter hatten sich zuletzt unzufrieden mit der zunehmenden Regulierung gezeigt, etwa mit der Finma-Aufsichtsabgabe oder mit der Too-big-to-fail-Vorlage, deren Folgen für kleine Firmen Jain kürzlich in einem Kommentar auf finews kritisiert hatte.

Staatssekretärin Daniela Stoffel. (Bild: SIF)
Stoffel antwortete mit einer Einladung. Die Regulierung folge den Prinzipien der Verhältnismässigkeit und der Effizienz. «Was wir von Ihnen brauchen, ist nicht nur die Kostenseite, sondern auch die Einsicht in die Nutzenseite», sagte sie. Und weiter: «Wehren Sie sich! Engagieren Sie sich. Zeigen Sie uns auch, wenn wir Fehler machen.»
Copy-Paste ist kein Gold
Der Schweizer Prozess sei so gestaltet, dass sich jeder beteiligen könne. «So mühsam es ist, es ist Teil des Erfolgsrezepts der Schweiz.» Wenig hält Stoffel von kopierten Stellungnahmen: «Eine überlegte, interessante, mehrwertige Rückmeldung in einer Vernehmlassung ist Gold wert.» Wie träge die Firmen teilweise auf die ausgestreckte Hand der Behörden reagieren, zeigte sie an einer Umfrage zu Too big to fail bei den Kantonalbanken. Nur zwei hätten geantwortet.
Konkret wies Stoffel auf die Arbeitsgruppe zur Optimierung der Finanzmarktregulierung hin. Diese will bis nächsten Sommer ihren Bericht vorlegen. Gefragt seien dort nicht die «Policy People», sondern Praktiker von der Front.
Steuern ja, KI nein
Parallel arbeitet das SIF an einer Kapitalmarktanalyse. Dabei werde man «keinen Bogen um die Steuerfrage» machen, obwohl ein Anlauf zur Abschaffung der Stempelsteuer erst kürzlich gescheitert war. Zudem bereitet das SIF die Stablecoin-Regulierung vor.
Bei der künstlichen Intelligenz (KI) sieht Stoffel «aus reiner Sicht des Finanzplatzes» dagegen keinen Regulierungsbedarf.
Ein Seiltanz über vier Bruchlinien
Den intellektuellen Akzent des Anlasses setzte Andreas Schrimpf, Head of Financial Markets bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). In einer als private Meinung ausgewiesenen Analyse sezierte er die grössten Gefahren, die von der Marktseite her drohen. Er ordnete sie vier «tektonischen Verschiebungen» zu: KI, Staatsschulden, Nichtbanken (allen voran gehebelte Hedge Funds) sowie Geopolitik und Dollar.

Vogelperspektive: BIZ-Ökonom Andreas Schrimpf. (Bild: Barbara Werren)
Die grossen KI-Firmen investierten 2025 rund 670 Milliarden Dollar, zunehmend auf Pump und ausserhalb der Bilanzen. Die sieben grössten Titel stellen 35 Prozent des S&P 500, Ende 2022 waren es 22 Prozent. Bei den Bewertungen sei man von der Dotcom-Blase noch entfernt, «was die Breite des Marktes angeht, ist man aber nahe an Dotcom-Ständen». Schrimpf: «Unsere Sorge ist, dass es bei den Finanzierungen zu Exzessen kommen kann.»
Schulden wie nach Weltkriegen
Die Staatsschulden der Industrieländer liegen im Median bei 78 Prozent des Bruttoinlandprodukts, so hoch wie sonst nur in und nach den Weltkriegen. «Wir sehen keine Anstrengungen, um die Staatsschulden zu reduzieren», konstatiert Schrimpf. Die Schweiz gehöre zu den wenigen Ausnahmen. Gleichzeitig steigen die Zinsen auf breiter Front, «sogar in Japan». Eine Rückkehr zu ultratiefen Zinsen erwarten die Märkte nicht.
Wer die Schulden kauft, macht die Sache heikler. Ausländische Zentralbanken, lange der preisunempfindliche Anker am Markt für US-Staatsanleihen, kaufen seit 2012 netto kaum noch zu. Ihren Platz nehmen Hedge Funds ein, deren Bruttohebel mit dem 8,6-Fachen auf Rekordniveau liegt. «Da ist sehr viel Leverage drin, was die Märkte instabil macht», warnte Schrimpf und erinnerte an die britische Gilt-Krise im Herbst 2022.

Hedge Funds durch die Decke. (Bild: finews)
Wenn der Dollar nicht mehr lächelt
Der Dollar dominiert das Finanzsystem weiterhin. Doch der sogenannte «Dollar Smile», die Aufwertung in Stressphasen, versagte im April 2025: Der Dollar fiel mit den Aktien. Für Schweizer Anleger kostet die Dollarabsicherung derzeit 4,5 Prozent pro Jahr. Und Anleihen sichern Aktien nicht mehr ab, wenn die Inflation vom Angebot getrieben wird. Selbst Gold verhalte sich zuletzt eher wie eine Risikoanlage. «Welche Alternativen gibt es? Nicht viele, wirklich.»
Sein Fazit fiel für das Publikum zwiespältig aus. «Die Schweiz war in alledem ein bemerkenswerter Hort der Stabilität», sagte Schrimpf. Nur könne man eben nicht ausschliesslich in der Schweiz investieren; und angesichts der teilweise neuen Korrelationen an den Finanzmärkten seien die hergebrachten Prinzipien der Portfoliokonstruktion teilweise in Frage gestellt.
Vom Podium in die Workshops
Im anschliessenden Panel unter der Leitung von Markus Wintsch (Swisspartners) diskutierten Michael Bolliger (UBS), Reto Hintermann (Julius Bär), Patrick Huber (LGT), Michael Iten (Vanguard) und Daniel Rupli (Lombard Odier) über die Zukunft des Portfoliomanagements.

Erkenntnisse aus den Workshops (v.l.n.r.): Alexander Rabian, Jan-Egbert Sturm, Beat Wittmann und Michel Girardin. (Bild: Barbara Werren)
Danach verteilte sich das Publikum auf drei thematische Workshops. Rechtsanwalt Alexander Rabian von Streichenberg befasste sich mit Compliance und Risikomanagement beim Outsourcing. Jan-Egbert Sturm von der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich ordnete die makroökonomische Entwicklung ein. Michel Girardin (Universität Genf) und Beat Wittmann (Porta Advisors) gingen der Frage nach, wie sich in einer fragmentierten Welt und im Zeitalter der KI investieren lässt.
Die Erkenntnisse wurden anschliessend kurz im Plenum besprochen, bevor sich die Vermögensverwalter zum Networking-Lunch im Foyer aufmachten.















