«ESG-Backlash»: Vom Prüfstand zur Chance

Wer diese Entwicklung aber vereinfachend als Ablehnung der Nachhaltigkeitsprinzipien abklassifiziert, verliert den Blick für das Grosse und Ganze. ESG-Anlagen stehen nicht von ungefähr auf dem Prüfstand: Die Kritik folgt auf eine historische Wachstumsperiode – seit 2018 haben sich Anlagen in nachhaltigen Strategien versechsfacht.

Die Tatsache, dass ESG-Anlagen derzeit unter die Lupe genommen werden, sollte nicht als Bedrohung ausgelegt werden. Stattdessen ist der jetzige Zeitpunkt eine wertvolle Gelegenheit, um die effektiven Grundlagen jeder nachhaltigen Anlagetätigkeit zu stärken. Banken und Vermögensverwaltern, die sich auf diesem Gebiet engagieren, bietet sich nun die Chance, ihren Ansatz zu verfeinern und ihre langfristige Vision ins Licht zu rücken.

Opfer des eigenen Erfolgs

Der rasche Aufstieg der ESG-Anlagen in den finanziellen Mainstream hat dazu geführt, dass sie in jüngster Zeit eingehend unter die Lupe genommen wurden. Nach Schätzungen von Morningstar machen Anlagen in ESG und Nachhaltigkeitsfonds in Europa inzwischen über 20 Prozent aller verwalteten Vermögen aus.

Die zunehmende Popularität von ESG-Anlagen führte natürlicherweise dazu, dass die Mittelflüsse in diesem Segment sich den allgemeinen Trends in der Branche angeglichen haben. Zwar verzeichneten die Nachhaltigkeitsfonds im ersten Quartal 2025 erstmals seit ihrem Bestehen Netto-Mittelabflüsse – insgesamt betrugen sie allerdings lediglich 0.2 Prozent der gesamten weltweiten Anlagen in derartigen Fonds, was sich kaum als Massenexodus bezeichnen lässt. 

Im Juli veröffentlichte Morningstar sogar einen Bericht, wonach im zweiten Quartal 2025 wieder Mittel in nachhaltige Investmentfonds geflossen sind, die die Abflüsse aus dem ersten Quartal mehr als ausgeglichen haben.

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Somit dürfte der «Backlash» weniger die Folge einer eigentlichen anlegerseitigen Ablehnung sein, sondern vielmehr eine natürliche Konsequenz des Erfolgs. Jede rasche Expansion geht zwangsläufig mit Wachstumsschmerzen und umfassenderen Sorgfaltspflichten einher.

In einem solchen Klima sind die Finanzinstitute zu einem effizienten Umgang mit den Rückfragen aufgerufen. Zudem sollten sie die Vorzüge von nachhaltigen Strategien überzeugender herausarbeiten.

Zurück zu den Grundlagen: die finanzielle Seite

Das aktuelle Umfeld verlangt in erster Linie nach einer Rückbesinnung auf die grundlegenden Prinzipien der treuhänderischen Pflicht, d. h. die materiellen, finanziellen Argumente für nachhaltige Anlagen. Zahlreiche Studien aus Wissenschaft und Praxis haben bereits belegt, dass solide ESG-Praktiken sich positiv auf die finanzielle Performance auswirken können.

So zeigt z. B. Research von MSCI, dass ESG-Kriterien sich vergleichbar verhalten wie traditionelle finanzielle Faktoren und dass sie positiv mit der Performance korreliert sind. Während die ESG-Faktoren allein keine Vorhersagen für die Bewertung eines Unternehmens ermöglichen, liefern sie doch einzigartige Informationen, die für jeden robusten Anlageprozess erfolgskritisch sind.

Insbesondere sollte Nachhaltigkeit nicht als eigenständige, isolierte Strategie umgesetzt werden. Bei führenden Privatbanken und Vermögensverwaltern sind Nachhaltigkeitsfragen in den fundamentalen Anlageprozess integriert, der für alle Strategien massgeblich ist. Finanzielle Renditen werden nach wie vor von der strategischen Asset Allocation, der Titelauswahl und dem Risikomanagement getrieben.

Nachhaltige Anlagen sollten als spezifischer Fokus innerhalb dieses bewährten Rahmenwerks dargestellt werden, damit die Kundschaft nachvollziehen kann, dass die betreffenden Strategien alle essenziellen Aspekte eines Managementprozesses nutzen, welche die Renditen fördern und das Verlustrisiko in Grenzen halten.

Ein schärferer Fokus auf Risiken und Renditen

Wer sich auf finanzielle Wesentlichkeit ausrichtet, erkennt, dass ESG-Daten vielfältige Einblicke und Erkenntnisse ermöglichen. Diese Kennzahlen sind unerlässlich, um zu ermitteln, wie wirksam ein Unternehmen mit externen Nachhaltigkeitsrisiken umgeht.

Sie bieten einen Einblick in die Ausrichtung der Geschäftsleitung auf langfristige Probleme und die Beziehungen zu den Stakeholdern des Unternehmens und sind Ausdruck der generellen Qualität der Leadership des Unternehmens – d. h. des wohl wesentlichsten Faktors für die langfristige Wertentwicklung.

Abgesehen von den Risikomanagementaspekten ist Nachhaltigkeit eines der Mittel, um attraktive Anlagechancen zu identifizieren. Langfristige Megatrends wie die Kreislaufwirtschaft, die Wasserversorgungsinfrastruktur und der wachsende Bedarf an Energiesicherheit sind Treiber für eine bedeutende Nachfrage nach neuen Produkten und Dienstleistungen.

Indem Finanzinstitute Nachhaltigkeit in ihr zentrales thematisches Research einbetten – anstatt sie als separates Thema zu behandeln –, können sie ihrer Kundschaft die starken Wachstumstreiber aufzeigen, die den Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft unterstützen.

Über die Bilanzen hinaus: Orientierung an Werten

Am wichtigsten dürfte es sein, dass die Finanzinstitute eine eindeutige Verbindung zwischen ihren nachhaltigen Anlageangeboten und ihrer langfristigen Unternehmensstrategie schaffen.

Kundinnen und Kunden mit Interesse für nachhaltige Anlagen wollen mit einem Institut zusammenarbeiten, das sie und ihre Anliegen ernst nimmt – nicht als kommerzielle oder Marketingtaktik, sondern im Rahmen der zentralen, gelebten Werte des Instituts. Für Privatbanken bedeutet dies, dass sie Nachhaltigkeitsthemen zwingend in ihr primäres Anlageangebot integrieren.

Wenn sich Kundinnen und Kunden an eine Bank wenden, erwarten sie eine Beratung, die darauf ausgerichtet ist, ihr Vermögen bestmöglich zu erhalten und zu vermehren. Wenn Nachhaltigkeit eine zentrale Stellung in der Anlagestrategie einnimmt, sollten nachhaltige Anlagen mit einem Mindestanteil im Standardangebot für alle Kundinnen und Kunden vertreten sein.

Dieser Ansatz sorgt für eine starke gemeinsame Interessensübereinstimmung in Nachhaltigkeitsfragen zwischen der Bank und ihrer Kundschaft – ein entscheidender Faktor im Aufbau und der Pflege von Vertrauensverhältnissen.

Nachhaltige Anlagen: das nächste Kapitel

Letztendlich sollte man den jüngsten «ESG-Backlash» nicht als Herausforderung, sondern als Chance betrachten. Im laufenden Jahr (2025) haben wir bereits gesehen, wie namhafte Anlegerinnen und Anleger ihre Vermögensverwalter aus Nachhaltigkeitsgründen wechselten.

Der dänische Fonds AkademikerPension und der 33 Milliarden Pfund verwaltende britische People’s Pension Fund gaben beide bekannt, dass sie Managern Mandate entzogen hätten, weil deren Performance in Sachen Klimawandel ungenügend ausgefallen sei. Dieser Trend zeigt auf, dass der «Backlash» in kommerzieller Hinsicht eine Chance für Manager darstellt, sich bei einer langfristig ausgerichteten, engagierten Anlegerschaft zu profilieren.

Finanzinstitute können sich diese Entwicklungen zunutze machen, indem sie die finanziellen Argumente für ESG-Anlagen unterstreichen, sich auf konkrete Risiken und Chancen ausrichten und ihr Angebot auf ihre Kernwerte abstimmen.

Dieses Vorgehen ermöglicht eine Rückbesinnung auf die grundlegenden Prinzipien und die Bildung einer solideren Basis für zukünftige Innovation und Wachstum in ihren nachhaltigen Anlagestrategien.

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