China: (K)Ein Ausweg aus dem Teufelskreis?

China ist die Fabrik der Welt. Die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt produziert und exportiert weit mehr als jedes andere Land. Um nur einige zu nennen: Das Reich der Mitte stellt 55 Prozent des weltweiten Stahls her, 76 Prozent der Lithium-Ionen-Batterien, mehr als 60 Prozent der Elektrofahrzeuge sowie 80 Prozent der Solarmodule.

Wie kein anderes Land steckt das Reich der Mitte aber auch in einem fatalen Teufelskreis aus Überkapazitäten, Preiszerfall, sinkenden Margen und hartnäckiger Deflationsgefahr. Der als «Involution» oder «Neijuan» benannte Zustand zeichnet sich durch einen übersättigten Binnenmarkt aus, der in einem selbstzerstörerischen Prozess aus exzessiver Produktion und deutlichen Marktungleichgewichten, befeuert durch staatliche Investitionen, gefangen scheint.

Das Ergebnis ist nicht Evolution, Fortschritt, sondern eben Involution, ein sich ständig verschärfender Wettbewerb im Alltagsleben und in der Arbeitswelt, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint.

Hohe Zollmauern gegen Billigimporte aus China

Im Bestreben, die Überproduktion abzubauen, flutet China nun seit geraumer Zeit internationale Märkte mit Industrie- und Konsumprodukten zu Dumping-Preisen. 2025 überschritt der Handelsbilanzüberschuss erstmals 1 Billion Dollar. Dies veranlasst immer mehr Staaten dazu, ihre Märkte und Industrien mit hohen Zollmauern vor chinesischen Importen zu schützen. Damit wird das externalisierte Problem lediglich von Erdteil zu Erdteil verschoben – aktuell von den USA nach Europa.

Eine nachhaltige Änderung kann China nur von innen heraus vorantreiben. So hat Staatspräsident Xi kürzlich bekannt gegeben, konsequent gegen den ruinösen Preiskampf vorgehen zu wollen. Ziel sei eine Abkehr vom ineffizienten inländischen Wettbewerb, hin zu qualitativem Wachstum, das sich durch Innovation, Markenstärke und Unternehmergeist auszeichnen soll.

Unerfüllte Versprechen

Auf Knopfdruck lässt sich dieser Wandel allerdings nicht vollziehen und die langfristige Wirksamkeit wird angezweifelt. Denn dasselbe Versprechen hatte Xi 2012 bereits bei seinem Amtsantritt abgegeben. Gelungen ist die Befreiung aus dem Teufelskreis bislang nicht. Dies zeigt sich auch daran, dass sich das Wirtschaftswachstum seit 2007 im konstanten Sinkflug befindet.

Die Prognosen bis 2030 lassen noch keine Kehrtwende erkennen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) konstatierte letzthin, dass China zu gross sei, um viel Wachstum aus Exporten generieren zu können und forderte die chinesische Regierung auf, die wirtschaftlichen Ungleichgewichte schneller zu lösen, um weiteren Handelsstreit zu vermeiden.

Verschiedene Exponenten orten das grundlegende Problem Chinas in seiner politischen Ökonomie, die die Involution begünstige. Im chinesischen System behält die Zentralkommission die Kontrolle über politische, personelle und strategische Entscheide – letztere in Form von Fünf-Jahres-Plänen, gewährt den regionalen Funktionären aber gleichzeitig weitgehende wirtschaftspolitische Freiheiten.

Unter ihnen schürt sie gezielt Rivalität, da sie nicht nur absolute Erfolge honoriert respektive abstraft, sondern auch die relative Leistung im Vergleich zu anderen Funktionären. Daraus resultiert ein erbitterter Kampf um staatliche Investitionsprogramme, Wachstumsraten und Industrialisierung, die starke Marktungleichgewichte schafft. Zurück bleiben Schlüsselbranchen von Stahl bis Logistik mit hauchdünnen Margen und nicht-nachhaltigen Wachstumsmodellen.

Strukturwandel bleibt aus

Die Fünf-Jahres-Pläne vermögen die Negativeffekte jeweils nur punktuell zu lindern. Der jeweils nächste Fünf-Jahres-Plan verlagert den Fokus bereits wieder auf einen anderen Schwachpunkt – aktuell auf den inländischen Konsum. Ob es dem Reich der Mitte gelingt, den dringend notwendigen strukturellen Wandel zu vollziehen, wird von verschiedenen Seiten stark in Zweifel gezogen. Es gibt aber auch die Stimmen, die darin eine bewusste Strategie Chinas sehen, mit seinen Überkapazitäten die globale Vorherrschaft in der industriellen Produktion zu übernehmen.

Im Rahmen des Roundtables «China im Wandel: Wachstum, Struktur und neue Realitäten», der am Mittwoch, 25. Februar 2026 an der FINANZ26 stattfindet, diskutiert Moderator Mark Dittli, Geschäftsführer von «The Market», mit Markus Hermann Chen, Co-Founder und Managing Director der China Macro Group, und Uli Sigg, dem früheren Botschafter der Schweiz in China.