Sanieren ohne Applaus: Bollinger räumt bei Julius Bär auf
Er will so gar nicht in das gängige Bild eines CEO von Julius Bär passen. Öffentlich tritt Stefan Bollinger kaum auf, auf Interviews hat er bislang gänzlich verzichtet, und wer um einen Termin bei ihm ersucht, tut gut daran, kein externer Berater zu sein: Versuch zwecklos.
Externe Berater lässt der neue Julius-Bär-CEO konsequent auflaufen. Es heisst, Bollinger sei zu Beginn erschrocken gewesen, wie sehr sich Julius Bär in die Abhängigkeit von ihnen begeben habe.
Intern ist der Unmut gross
Bollinger will das Heft in der Hand halten, und Untätigkeit kann man ihm definitiv nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Bollinger hat in einem ersten Jahr viel in Bewegung gesetzt. Er ist nicht zuletzt um schlanke Strukturen bemüht. Die Geschäftsleitung hat er bereits kurz nach seinem Amtsantritt von 15 auf 5 Mitglieder reduziert. Und wer an ihn rapportiert, muss damit rechnen, auch an einem Sonntag einen Anruf von Bollinger zu erhalten. Gleichzeitig auferlegte er der Bank ein striktes Sparprogramm. Die Konsequenz: Im ersten Halbjahr 2025 wurden 400 Stellen gestrichen.
Mit solchen Massnahmen macht sich kein CEO Freunde. Deshalb steht auch Bollinger zuweilen öffentlich in der Kritik.
Abbauprogramme sind stets ein Stimmungskiller. Wie schlecht die Gemütslage bei Julius Bär ist, dürfte sich unter anderem in den Antworten der internen Mitarbeiterbefragung ablesen lassen. Offenbar sollen deren Ergebnisse auch schon Thema beim Verwaltungsrat gewesen sein. Letztlich ist aber auch dies kein aussergewöhnlicher Prozess.
Aufgebläht und mit zu vielen Risiken
Bollinger blieb im Grunde keine andere Wahl, als hart durchzugreifen. Der Apparat war aufgebläht, in den Büchern steckten zu viele Risiken. Zwei Mal musste der Schweizer Vermögensverwalter im vergangenen Jahr Wertberichtigungen vornehmen: Nach den 130 Millionen Franken Anfang 2025 folgten vergangenen November nach Abschluss der Kreditüberprüfung weitere 149 Millionen Franken.
Die Folge: Julius Bär trennt sich vom Geschäft mit ertragsorientierten Wohn- und Gewerbeimmobilien, das 700 Millionen umfasst.
Wieder im Aufwind: Der Verlauf der Julius Bär-Valoren in den vergangenen zwölf Monaten. (Chart: Julius Bär)
Die Musik spielt längst anderswo
Bollinger kehrt mit eisernem Besen. Er will einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen und das Finanzhaus wieder als klarer Vermögensverwalter positionieren: Mit der Fokussierung auf vermögende und sehr vermögende Kunden (High-Net-Worth und Ultra-High-Net-Worth Individuals, HNWI und UHNWI) strebt er ein Netto-Neugeldwachstums von 4 bis 5 Prozent bis im Jahre 2028 an.
Bollingers Blick richtet sich aus diesem Grund neben dem Heimmarkt, den er stärken will, vor allem nach Asien, Middle East und in Europa nach Portugal und Mailand, wo der Geldadel neue Stätten gefunden hat.
Anleger fassen Vertrauen
Man mag Bollinger die mangelnde Visibilität am heimischen Markt übelnehmen. Letztlich wird aber auch er an den Zahlen gemessen.
Die Anleger zumindest scheinen wieder Vertrauen in Julius Bär zu fassen. Der Aktienkurs befindet sich geraumer Zeit wieder im Aufwärtstrend und muss den Vergleich mit Vontobel oder UBS nicht scheuen. Nicht einmal die Nachricht, dass der COO und einstige Interims-CEO Nick Dreckmann das Finanzhaus nach 20 Jahren verlassen wird, konnte die Hausse stoppen.
Am 2. Februar folgt der nächste Prüfstein, dann präsentiert Julius Bär seine Zahlen für das Geschäftsjahr 2025.
















