Fidleg oder die Flucht ins Backoffice

In Deutschland weigern sich immer mehr Banker, Kunden zu beraten – wegen der strengen Anlegerschutz-Vorschriften. Angesichts der hierzulande geplanten Bankgesetze muss das den Schweizer Kollegen gehörig zu denken geben.

Angst©Shutterstock

Seine Kundenberater hätten Angst, berichtet Hans-Heiner Bouley, Geschäftsleitungsmitglied der Sparkasse Pforzheim Calw, der grössten Sparkasse im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. Oder, um dem Schwaben im O-Ton zu zitieren: «Die Muffe».

Das sagte der deutsche Bankangestellte am Mittwoch an einer Medienkonferenz des Verbands Schweizerischer Kantonalbanken (VSKB) in Zürich.

hansheinerbouley 169Dass Bouley (Bild links) zusammen mit VSKB-Präsident Urs Müller auftritt, ist kein Zufall. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV), dem Boulay angehört, spannt nämlich seit letztem Jahr im grenzüberschreitenden Lobbying mit dem VSKB zusammen. Die beiden Branchen-Organisationen eint derselbe Feind: Hüben wie Drüben der Grenze fürchten sie die Auswirkungen neuer Konsumentenschutz-Gesetze. Oder, wie Bouley sagt, den «Regulierungs-Orkan».

Gewollte Parallelen

Während sich in der Schweiz das Finanzdienstleistungsgesetz (Fidleg), das den Umgang der Banken mit ihren Kunden strenger regeln will, noch in Ausarbeitung befindet (finews.ch berichtete hier, hier und hier), haben deutsche Banker schon einschlägige Erfahrungen mit ähnlich gelagerten Normen gemacht.

Seit 2007 ist dort die EU-Anlegerschutz-Richtlinie Mifid I in Kraft. Im Jahr 2010 folgte die landesweite Pflicht zur Erstellung von Beratungsprotokollen, 2012 wurden ein Beraterregister und Produkte-Dokumentationsblätter eingeführt. Und Anfang 2016 soll dann EU-weit Mifid II umgesetzt werden.

Tiefe Spuren hinterlassen

Parallelen zum Schweizer Fidleg sind offensichtlich: Mit diesem Gesetz sollen die europäischen Bestimmungen zum Anlegerschutz im Schweizer Recht nachvollzogen werden. Dies auch in der Hoffnung, dadurch den Marktzutritt in die EU zu verbessern. Entsprechend waren das Führen von Beratungskontrollen, Standards für Produkt-Dokumentationen und ein Kundenberater-Register auch im Fidleg-Entwurf vorhanden.

Bouley zieht bei diesen Begriffen die Brauen zusammen. Bei der Sparkasse Pforzheim Calw – eine von 416 Sparkassen, die insgesamt 40 Prozent des deutschen Bankenmarkts abdecken – haben solche Regelungen schon tiefe Spuren hinterlassen.

Mitarbeiter zur Rechenschaft gezogen

Seine Anlageberater wollten inzwischen keine Kunden mehr bei Wertschriftengeschäften betreuen, klagt der Sparkassen-Manager. Stattdessen meldeten sich die Finanzprofis für freie Stellen im Backoffice, so Bouley. «Zu gross ist die Angst, Fehler zu machen.»

Das kommt nicht von ungefähr. Wer einmal im deutschen Kundenberater-Register gemeldet ist, lebt gefährlich. Bei Kundenbeschwerden kann die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ein Berufsverbot von maximal zwei Jahren verhängen. Zur Rechenschaft gezogen werden also nicht die Banken, sondern direkt deren Mitarbeiter.

Schlicht überfordert

Tatsächlich sei die Fehlerquote beim Ausfüllen der mehrseitigen Beratungsprotokolle hoch, erklärt Bouley. Die filigranen Regeln würden viele Berater schlichtweg überfordern. Derweil seien bei der Sparkasse Pforzheim Calw fünf Mitarbeiter mit nichts anderem beschäftigt, als tagein tagaus Protokolle zu prüfen, so der deutsche Banker weiter.

Seine Bank sei dabei noch gut dran, räumt Bouley ein, da sie über eine gewisse Grösse verfüge. Für kleinere Institute stelle sich bald einmal die Frage, ob sie sich ganz aus dem Beratungsgeschäft zurückzögen. Gruppenweit zeige der Trend genau in diese Richtung.

Beratungsquote in freiem Fall

Seit 2010 hätten die Beratungsgespräche bezüglich Aktienkäufe um mehr als 70 Prozent abgenommen. Derweil seien beratungsfreie Transaktionen, bei denen der Kunde auf eigene Faust handelt, um 85 Prozent gestiegen. «Die Beratungsquote ist abgestürzt», resümiert Bouley.

Und die Kunden? Diese wichen auf Spar- oder Terminkonti aus – die aber angesichts von Negativzinsen kaum etwas einbrächten, sagt der Sparkassen-Mann. Oder sie informierten sich im Internet, bei mehr oder weniger vertrauenswürdigen Quellen, wie Bouley befürchtet.

Unhaltbare Zustände

Unter anderem sieht er dort die Ursprünge des Prokon-Skandals vom vergangenen Herbst, über den unter anderem die «FAZ» berichtete. Deutsche Kleinanleger drohen dort mehr als 1 Milliarden Euro auf ihren Investments in Windparks zu verlieren.

Zustände, die Bouley den Schweizer Kollegen sehnlichst nicht wünschen mag.

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