Private Infrastructure: Die neue Konstante im Portfolio

Reto Stohler, welche strukturellen Trends machen das Thema Infrastruktur heute besonders relevant?

Langfristige Trends wie die Energiewende, Digitalisierung, Urbanisierung oder neue Mobilitätsformen treiben den Kapitalbedarf im Infrastrukturbereich deutlich an.

Das zeigt sich zum Beispiel in Investitionen in Solar- und Windparks, in Rechenzentren sowie in Verkehrsinfrastruktur wie Ladestationen für die E-Mobilität. Diese Entwicklungen sind strukturell getrieben und bieten breite und langfristige Investitionsmöglichkeiten, von defensiven Basisinfrastrukturen bis hin zu wachstumsorientierten Plattformen.

Warum gewinnt Private Infrastructure aktuell so stark an Bedeutung in der Portfoliokonstruktion?

Private Infrastructure entwickelt sich zunehmend zu einer Kernanlageklasse, weil sie verschiedene Bedürfnisse abdecken kann: Den Zugang zu strukturellem Wachstum, Diversifikation und – je nach Segment – widerstandsfähige Cashflows. Gerade in einem Umfeld höherer Zinsen und volatiler Märkte suchen viele Kundinnen und Kunden nach Anlagen mit langfristigen Renditetreibern, die sich von öffentlichen Aktien- und Anleihemärkten unterscheiden. Private Infrastructure kann hier eine interessante Ergänzung im Portfolio sein, nicht zuletzt, weil die Anlageklasse heute viel breiter ist als es einzelne, regulierte Infrastrukturprojekte vermuten lassen.

Kundinnen und Kunden haben aktuell ein starkes Bedürfnis nach Liquidität und Flexibilität. Anlagen in Private Markets gelten jedoch als illiquid – ist das bei Private Infrastructure anders?

Nein, Private Infrastructure ist grundsätzlich eine illiquide Anlageklasse. Allerdings unterscheidet sie sich von anderen Private Markets-Anlagen durch ihre Breite und die verschiedenen Ertragsprofile. Ein Teil der Investments basiert auf regulierten oder vertraglich gesicherten Einnahmen, so zum Beispiel aus Stromnetzen, Mautstrassen oder digitalen Infrastrukturen. Daneben gibt es aber auch Investments mit stärkerem Fokus auf Wachstum und operative Entwicklung.

Im Unterschied zu Private Equity können bei vielen Infrastrukturinvestments bereits in einer frühen Phase der Haltedauer regelmässige Ausschüttungen erfolgen. Aber auch bei Private Infrastructure hängt die Wertentwicklung zu einem wesentlichen Teil von der operativen Umsetzung und dem späteren Exit ab. Die Anlageklasse bleibt also illiquide, kann je nach Segment aber laufende Cashflows mit langfristigem Wachstumspotenzial verbinden.

Wie lässt sich Private Infrastructure im Risiko-Rendite-Spektrum einordnen?

Private Infrastructure deckt auch hier ein breites Spektrum ab. Defensivere Core-Strategien orientieren sich eher an einkommensorientierten Anlagen, während Value-Add-Strategien in vielerlei Hinsicht dem Profil von Private Equity und Aktienanlagen entsprechen. Entscheidend sind dabei der jeweilige Sektor, das Geschäftsmodell und die Umsetzungsstrategie. Aber gerade diese Bandbreite macht die Anlageklasse für Anlegerinnen und Anleger interessant. Es sollte aber erwähnt werden, dass sich die Anlageklasse aus regulatorischen Gründen für qualifizierte Investorinnen und Investoren anbietet.

Welche Rolle spielen Cashflows und Inflation?

Cashflows bleiben ein wichtiges Merkmal von Private Infrastructure. Ihre Qualität und Stabilität unterscheiden sich jedoch je nach Segment. Viele Infrastrukturunternehmen verfügen über regulierte oder langfristig vertraglich abgesicherte Einnahmen und teilweise über Mechanismen zur Weitergabe von Inflation. Beispiele sind indexierte Mautgebühren, regulierte Stromtarife oder Mietverträge bei grossen Rechenzentren mit Preisanpassungsklauseln. Dadurch bleibt die Ertragsbasis in vielen Fällen robust und kann sich teilweise sogar an das allgemeine Preisniveau anpassen. Historisch betrachtet haben sich viele Infrastrukturinvestments in Phasen höherer Inflation vergleichsweise widerstandsfähig entwickelt.

Welche Risiken sollten Anleger bei Private Infrastructure im Blick behalten?

Wie alle Anlageklassen birgt auch Private Infrastructure Risiken, trotz vieler attraktiver Eigenschaften. Man muss sich bewusst sein, dass diese Anlageklasse oft von regulatorischen und politischen Rahmenbedingungen abhängt, da viele Geschäftsmodelle in regulierten Märkten operieren. Hinzu kommen operative Risiken, etwa bei Ausbauprojekten, bei der Integration von Plattformen, bei technologischen Veränderungen oder bei der Nachfrageentwicklung einzelner Sektoren. Gerade bei wachstumsorientierten Strategien spielen auch Managementqualität, Kapitalstruktur, Bewertung und das Exit-Umfeld eine wichtige Rolle. Entscheidend ist daher eine sorgfältige Auswahl, Diversifikation und ein klarer Blick auf die jeweiligen Rahmenbedingungen.

In einem Satz: Was macht Private Infrastructure für Anlegerinnen und Anleger heute besonders interessant?

Private Infrastructure verbindet Zugang zu globalen Megatrends mit einem breiten Spektrum an Wertschöpfungsprofilen und kann so eine interessante Ergänzung in breit diversifizierten Portfolios sein.

Core- und Value-Add-Strategien

Core-Strategien investieren in etablierte, risikoarme Infrastruktur mit stabilen Cashflows und einem Fokus auf laufende Erträge, während Value-Add-Strategien auf Infrastruktur mit Entwicklungs- oder Optimierungspotenzial setzen, um durch aktive Wertsteigerung höhere Renditen bei höherem Risiko zu erzielen.

Reto Stohler: Nach dem Betriebswirtschaftsstudium stieg der gebürtige Basler in die Finanzbranche ein. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Private Banking und arbeitet seit 2011 für die LGT.