Der Schweizer Vorsprung bei digitalen Assets schmilzt
In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.
Die Schweiz gilt zu Recht als Pionierin bei digitalen Vermögenswerten. Mit der DLT-Gesetzgebung hat sie früh einen international beachteten Rahmen geschaffen. Besonders die Registerwertrechte ermöglichen es, Wertpapiere vergleichsweise einfach auf einer Distributed-Ledger-Infrastruktur abzubilden bzw. zu tokenisieren. Statt eines umfassenden neuen Sonderrechts wurden bestehende Gesetze gezielt ergänzt. Dieser pragmatische Ansatz ist bis heute eine Stärke.
Auch beim DLT-Handelssystem ist die Schweiz vielen Märkten voraus. Eine entsprechende Lizenz kann Handel und Abwicklung von tokenisierten Wertpapieren gleichermassen ermöglichen, ohne die engen Volumengrenzen, die andernorts gelten. Damit bestehen gute Voraussetzungen, tokenisierte Wertpapiere über einzelne Pilotprojekte hinaus in den regulären Kapitalmarkt zu integrieren.
Hinzu kommt eine bemerkenswerte Infrastruktur auf Seiten der Banken. Gemäss von der FINMA präsentierten Daten sind 54 der 225 Schweizer Banken im Kryptobereich aktiv. Dazu zählen unter anderem Verwahrung, Kundenhandel, Staking, Eigenhandel oder Tokenisierungsprojekte. Viele Institute verfügen hierfür über eine eigene Wallet-Infrastruktur oder den Zugang zu spezialisierten Anbietern. Im internationalen Vergleich ist eine solche Breite aussergewöhnlich.
Technisch bereit, operativ gebremst
Doch die vorhandene Infrastruktur lässt sich nicht so schnell weiterentwickeln, wie es der internationale Wettbewerb verlangt.
Will eine Bank ihr Angebot im Bereich digitaler Assets erweitern, verlangt die FINMA dafür regelmässig eine Anpassung ihrer Statuen und ihres Organisationsreglements sowie eine Überprüfung ihres Risk Frameworks. Auf die Kryptoverwahrung folgt beispielsweise die Einlieferung von Kryptowährungen, später Staking oder tokenisierte Wertpapiere. Jeder Schritt muss erneut geprüft werden – mit Vorlaufzeiten aufgrund interner Prozesse von mehreren Monaten.
«Die Schweiz verfügt über eine sehr gute Infrastruktur, kann sie aber nur langsam in marktfähige Angebote übersetzen.»
So entsteht ein regulatorisches Paradox: Die Schweiz verfügt über eine sehr gute Infrastruktur, kann sie aber nur langsam in marktfähige Angebote übersetzen. Für Banken wird es dadurch schwierig, Investitionen zu monetarisieren. Gleichzeitig werden neue Geschäftsmodelle häufig an den noch kleinen heutigen Marktvolumina gemessen.
Das führt gerade bei tokenisierten Wertpapieren zu einem Henne-Ei-Problem. Die Volumina bleiben gering, weil noch nicht genügend Marktteilnehmer und Infrastrukturen miteinander verbunden sind. Der Ausbau wiederum stockt, weil der Markt noch klein ist.
Europa und die USA erhöhen das Tempo
Im Ausland wird zunehmend anders gedacht. Viele europäische Banken sind bei ihrer Digital-Asset-Infrastruktur noch nicht so weit wie Schweizer Institute. Gleichzeitig wächst der politische und wirtschaftliche Druck. Stablecoins, Kryptowährungen und vor allem tokenisierte Wertpapiere gelten zunehmend als Bausteine einer neuen Kapitalmarktinfrastruktur.
Neue Plattformen und Kooperationen entstehen unter Beteiligung grosser Finanzinstitute. Ein Beispiel dafür ist Seturion – eine europäische Abwicklungsplattform für tokenisierte Vermögenswerte, die den Aufbau eines integrierten europäischen Kapitalmarktes vorantreibt.
Dass die Tokenisierung den Pilotstatus hinter sich gelassen hat, zeigen prominente Beispiele: BlackRock und Franklin Templeton bauen milliardenschwere tokenisierte Geldmarktfonds auf, die DTCC modernisiert ihre Kapitalmarktinfrastruktur mithilfe von DLT, und Nasdaq treibt gemeinsam mit verschiedenen Partnern den Aufbau einer Infrastruktur für tokenisierte Wertpapiere voran. Entscheidend ist die Haltung dahinter: Die Infrastruktur wird mit Blick auf den erwarteten künftigen Markt entwickelt – nicht nur auf Basis der heutigen Volumina.
«Wenn andere Märkte schneller umsetzen, kann ein Pionier rasch ins Mittelfeld zurückfallen.»
Auch die USA holen regulatorisch auf. Amerikanische Anbieter bedienen bereits internationale Investoren über Strukturen ausserhalb ihres Heimatmarkts. Öffnet sich der regulatorische Rahmen in den USA weiter, können bestehende Technologien und Produkte sehr schnell skaliert werden.
Die Schweiz besitzt weiterhin einen Vorsprung bei Gesetzgebung, Infrastruktur und Erfahrung. Doch wenn andere Märkte schneller umsetzen, kann ein Pionier rasch ins Mittelfeld zurückfallen.
Jetzt braucht es eine gemeinsame Strategie
Die Antwort kann nicht darin bestehen, die Aufsicht zurückzudrängen. Sicherheit, Stabilität und Vertrauen bleiben zentrale Standortvorteile. Es braucht jedoch einen stärker prinzipienbasierten Ansatz, der es Instituten erlaubt, geprüfte Infrastrukturen innerhalb klarer Leitplanken schneller weiterzuentwickeln.
Zugleich kann der digitale Kapitalmarkt nicht von einzelnen Banken, Börsen oder Technologieunternehmen aufgebaut werden. Emittenten, Banken, Asset Manager, Handelsplätze und Infrastrukturanbieter müssen gemeinsam skalieren. Netzwerkeffekte entstehen erst, wenn genügend Produkte, Marktteilnehmer und Liquidität zusammenkommen.
«Der Wettbewerb wird nicht darüber entschieden, wer zuerst die richtige Idee hatte. Entscheidend ist, wer sie zuerst in die breite Anwendung bringt.»
Andere Länder behandeln digitale Kapitalmärkte längst als industriepolitisches Thema. Auch die Schweiz sollte die nächste Generation der Finanzmarktinfrastruktur als strategischen Standortfaktor verstehen – nicht nur bei Kryptowährungen, sondern vor allem bei tokenisierten Wertpapieren.
Die Schweiz hat den digitalen Kapitalmarkt nicht verschlafen. Sie verfügt über regulatorische Grundlagen, technologische Kompetenz und hohe Glaubwürdigkeit. Doch der Wettbewerb wird nicht darüber entschieden, wer zuerst die richtige Idee hatte. Entscheidend ist, wer sie zuerst in die breite Anwendung bringt. Der Vorsprung ist noch da – jetzt muss die Schweiz ihn nutzen.
Lidia Kurt ist CEO von Seturion und CEO der Tochtergesellschaft BX Digital, wo sie in den vergangenen Jahren massgeblich den Aufbau einer digitalen Marktinfrastruktur für tokenisierte Wertpapiere vorangetrieben hat.
Zuvor war sie Mitgründerin von vision&, wo sie zahlreiche Digital-Asset- und DLT-Projekte führender Finanzinstitute erfolgreich begleitete.
Ihre berufliche Laufbahn führte sie außerdem zu J.P. Morgan und Swiss Re mit Stationen in Zürich, London und Hongkong.
Sie ist Autorin des Buches «Digitale Assets und Tokenisierung».
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