Hyperliquid fordert die traditionelle Börseninfrastruktur heraus

Von Maximiliaan Michelsen


Ende Februar griffen die USA und Israel Ziele im Iran an, die Lage im Nahen Osten eskalierte, der Ölpreis zog an. Die grossen Börsen aber waren zu: Wochenende.

Auf Hyperliquid wurde Rohöl derweil in Echtzeit neu bewertet, lange bevor New York, London oder Zürich am Montag wieder öffneten. Kein Randphänomen der Kryptowelt, sondern ein Fingerzeig auf ein strukturelles Problem: Märkte haben Öffnungszeiten, Risiken nicht.

Aus dem einstigen Handelsplatz für Kryptoderivate ist inzwischen eine digitale Börse geworden, auf der neben Bitcoin auch Öl, Gold oder der S&P 500 gehandelt werden: rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche, on-chain.

Der Token macht die Story sichtbar

Während der Kryptomarkt 2026 insgesamt schwächelte, legte der Token HYPE rund 100 Prozent zu und markierte neue Höchststände. Im Mai kamen in den USA die ersten Hyperliquid-ETFs auf den Markt und sammelten innert zwei Wochen über 130 Millionen Dollar ein – gemessen an der Grösse des Basiswerts ein starker Start. Der Kurs ist aber nur die Oberfläche; interessanter ist die Struktur darunter.

«Hyperliquid liefert Preissignale genau dann, wenn traditionelle Handelsplätze geschlossen sind.»

Klassische Börsen folgen festen Handelszeiten. In ruhigen Marktphasen ist das kein Problem. Wenn aber Wahlausgänge, Zentralbanksignale oder geopolitische Schocks sich nicht an Handelskalender halten, wirkt das Modell schnell aus der Zeit gefallen.

Preise, die weiterlaufen

Hyperliquid liefert Preissignale genau dann, wenn traditionelle Handelsplätze geschlossen sind – Bloomberg nutzt das dortige Orderbuch inzwischen als Referenz für Ölpreise am Wochenende. Auch die Wall Street schaut hin: Der Chef der NYSE-Muttergesellschaft ICE sagte öffentlich, Hyperliquid verzeichne im Kryptobereich bereits mehr Volumen als die Nasdaq.

Bemerkenswert ist weniger die Zahl als das, was dahintersteht: ein Handelsplatz mit globaler Relevanz, betrieben von einem Team, das eher wie ein Startup wirkt als wie ein Börsenkonzern.

Die Plattform löst sich zudem schrittweise von ihrer Abhängigkeit vom Kryptomarkt: Rohstoffe, Indizes, Einzelaktien und Prognosemärkte gewinnen an Gewicht. Aus dem Nischenanbieter für Perpetuals wird so eine breiter abgestützte Marktinfrastruktur – der 24/7-Handel nicht Zusatz-Feature, sondern Kern des Modells.

Schlankes Modell, schwerer Markt

Traditionelle Börsen sind über Jahrzehnte gewachsene, teure Apparate aus Clearing, Backoffice und Compliance. Hyperliquid ersetzt einen Teil davon durch Code und On-Chain-Abwicklung. Überlegen macht sie das nicht automatisch – aber es erklärt das Interesse der Investoren: Mit einem kleinen Kernteam erwirtschaftet Hyperliquid annualisierte Umsätze von über 1 Milliarde Dollar, eine Kennzahl, die selbst im Vergleich mit grossen Technologiekonzernen auffällt.

«Hyperliquid zeigt, wie eine nächste Generation von Börseninfrastruktur aussehen könnte.»

Auch die Kapitalstruktur weicht vom Krypto-Standard ab: kein klassisches Venture-Capital-Investment, also auch kein grosser Block früher Investoren mit potenziellem Verkaufsdruck. Ein wesentlicher Teil der Einnahmen fliesst stattdessen in Rückkäufe des eigenen Tokens – ein direkter Zusammenhang zwischen Plattformnutzung und wirtschaftlichem Rückfluss, solange die Handelsaktivität hoch bleibt. Über eine Vereinbarung mit Coinbase generieren zudem die rund 7 Milliarden Dollar an Stablecoins auf der Plattform Zinserträge, die dem Token indirekt zugutekommen – eine Einnahmequelle, die weniger stark am kurzfristigen Handelsvolumen hängt.

Der Vorsprung ist nicht garantiert

Ein grosser Teil der Einnahmen hängt weiterhin an der Handelsaktivität; kühlt diese ab, sinken Gebühren und Rückkaufvolumen. Auch die Tokenstruktur birgt Risiken: Für das Gründerteam werden schrittweise weitere Token freigeschaltet, und die Rückkäufe federn diese Verwässerung nur bei anhaltend hoher Aktivität ab.

Der Wettbewerb schläft derweil nicht – die CME hat ihre Krypto-Futures bereits auf Rund-um-die-Uhr-Handel umgestellt. Deren Wochenendvolumen reicht zwar noch nicht an Hyperliquid heran, doch die Richtung ist klar: Permanente Märkte sind kein Krypto-Experiment mehr, sie werden nun auch im regulierten Finanzsystem getestet. Dazu kommen die üblichen Risiken junger, schnell wachsender Systeme: Softwarefehler, Sicherheitslücken, regulatorische Eingriffe.

Hyperliquid zeigt trotzdem, wie eine nächste Generation von Börseninfrastruktur aussehen könnte – global, digital, permanent geöffnet, mit einer deutlich schlankeren Kostenbasis als das traditionelle Modell. Für institutionelle Anleger in der Schweiz stellt sich damit weniger die Frage, ob Hyperliquid bereits investierbar ist, als vielmehr: Wie lange lässt sich diese Entwicklung noch ignorieren?


Maximiliaan Michelsen ist Investment Strategist bei 21Shares.